Dienstag, 28. Oktober 2014

Lateinisch - deutsche Neuerscheinung des "Legatus"

In neuer Übersetzung und mit einer umfangreichen Einleitung versehen, hat der Be & Be - Verlag unter dem Titel "Gertrud von Helfta. Botschaft von Gottes Güte" das bekannte Werk dieser großen Ordensfrau in diesem Jahr neu herausgegeben. Das von der Äbtissin von Mariastern-Gwiggen, Mt. M. Hildegard Brem, herausgegebene Buch wird den Bedürfnissen eines sehr breiten Leserkreises dienen, da es sowohl zur Praxis der "lectio divina" in den Klöstern genutzt werden kann, den spirituellen Anfragen eines suchenden Lesers von heute Raum gibt, als auch die Lebenswelt und zeitbezogene Spiritualität der großen Autorin des 13. Jahrhunderts so eindrucksvoll darstellt, dass es dabei auch dem theologisch, historisch und sogar philologisch interessierten Wissenschaftler umfangreiche und aktuelle Informationen und neue Blickwinkel darbieten kann.

Die Berufungsgeschichte im zweiten Buch dieses Werkes ist für mich in mehrfacher Hinsicht besonders spannend, da Gertrud von Helfta dort recht viele, unterschiedliche Ebenen ihres Seins betreffende, Informationen gibt. Dabei handelt es sich nicht nur um echt datierbare Fakten und von ihr weitergegebenes tiefes inneres Bewegtsein, sondern auch um lokal nachvollziehbare Angaben:


Liboriushaus in Helfta, Ansicht von Südwesten

Zu Beginn der Abenddämmerung, also kurz nach 17:00 Uhr, an einem Montag, dem 27. Januar im Jahre 1281 war bereits das letzte Abendgebet, die Komplet, vollzogen. Sie stand in der Mitte des Dormitoriums, was mit hoher Wahrscheinlichkeit im vorderen Drittel des heute anstelle des Konventsgebäudes dort stehenden Liboriushauses anzunehmen ist. Da der Zugang zum Nonnenchor noch in Form eines Fensters im Bereich des heutigen Krankenchors sichtbar ist, wird es möglich, sich mittels dieser Angaben auch über die Lage des Dormitoriums und dessen Lichtverhältnisse zu orientieren. Der in Nord-Süd-Richtung gelegene Dormitoriumsflügel, dessen südliches Ende mit der Tür zum Nonnenchor abschloss, hätte dann bei einer Blickrichtung zur Kirche das ausklingende Tageslicht von der rechten Seite bekommen.



                        Klosterkirche von Helfta mit dem ehemaligen Zugang zum Nonnenchor ganz rechts im Bild

Da anzunehmen ist, dass in jenem Dormitorium die Schlafplätze der älteren Schwestern am nächsten zur Kirche gelegen waren und sie schon in der Mitte dieses Gebäudezugs stand, könnte man vielleicht annehmen, dass sie sich auf dem Weg zurück in den Chor befand, um dort privat zu beten, wo sie offenbar gedanklich auch schon verweilte. Sie schildert zunächst eine ganz reale Begegnung mit einer älteren, ihr entgegenkommenden Mitschwester, sodann die Begegnung mit Christus. Die wahrgenommene Gestalt hat sich nach ihren Angaben zu ihrer Linken befunden, also östlich von ihr, sodass bei einer Zuwendung zu ihr, um ihre rechte Hand zu nehmen, das ausklingende Abendlicht direkt auf das Gesicht dieser Gestalt gefallen sein muss. Der Zuspruch und die Berührung dieser Person waren so intensiv, dass sich ein heiteres Herz und eine ganz neue Fröhlichkeit bemerkbar machten, die in ihr Gotteslob mündeten. Liest man nun die in den Fußnoten dieses Textes aufgeführten Anmerkungen zu zitierten Bibelstellen und anderer kirchlicher Literatur (z.B. Augustinus) und schlägt diese nach, so wird schnell klar, wie sehr sie zu diesem Zeitpunkt auf einem kaum noch zu unterbietenden Tiefpunkt angekommen war. Und stellt man sich vor, dass die Schlafplätze in jenem Dormitorium mittels Vorhängen abgeteilt gewesen sein könnten, die wiederum eine wenigstens hölzerne Vorrichtung benötigten, um sie darin einzuhängen, so könnte man ohne Weiteres eine solche Abschrankung als Zaun wahrnehmen.
(Bilder der entsprechenden Orte werden nachgereicht.) 

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