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Dienstag, 17. Februar 2026

Die Kreativität des Überlebenwollens

Man kann vielleicht entschuldigend sagen, dass das Bedienen voyeuristischer Bedürfnisse externer Personen in Notzeiten auch ein Weg ist, das eigene Überleben zu sichern. Mehr und mehr bin ich überzeugt, dass es ein enormes Bedrängtsein von außen war, das dazu führte, einen nachgefragten religiösen Topartikel, den Liber specialis gratiae der Mechtild von Hakeborn, noch anderweitig aufzuwerten, um ein weniger frommes, dafür aber recht neugieriges Klientel zum Kauf des Werkes zu animieren. 

Darin sehr aktiv war eine der beiden Schreiberinnen, die sich im Werk manchmal recht autoritär zeigt und in Buch fünf explizit die Gabe der geistgewirkten Offenbarung auch für die Schreibenden reklamiert, die also vermutlich ein Leitungsamt inne hatte. Vielleicht war es ja die amtierende Priorin. Ex-Äbtissin Sophia von Mansfeld hatte ja für ein paar Jahre keine Nachfolgerin, da der Konvent ihre Resignation nicht akzeptieren wollte. 

Manche Gehorsamsforderungen erfordern einfach eine hohe Autorität. Auch ist es wohl kaum einem Konventsmitglied gestattet, ohne die Erlaubnis seitens der Oberen Messen in großer Zahl bei auswärtigen Priestern zu bestellen, wie in Buch fünf beschrieben. Und hätte man dies aus irgendeinem Grund in eigener Regie über Verwandte bewerkstelligt, so empfahl es sich doch, dies nicht an die große Glocke zu hängen, um nicht gemaßregelt zu werden. Soetwas verlangte zwingend nach dem dazu nötigen Handlungsspielraum, der, so öffentlich, wie das in Buch fünf geschildert ist, nur einem Menschen mit Leitungsamt gegeben ist. Und auf den Schultern genau dieser Person hätte - bei indisponierter Äbtissin - auch die Obsorge für die Belange des Klosters im weitesten Sinne gelegen. Ein Konvent unter Interdikt, konnte keine Messstiftungen entgegennehmen, also auch nichts einnehmen, weil ja keine Messen gefeiert werden durften. Diese andernorts zu stiften, ging vielleicht schon. Zudem war die jährlich wiederkehrende Memoria bereits lange zuvor getätigter Stiftungen unter Interdikt problematisch umzusetzen. Für Eintrittsplanungen seitens des Adels war ein Interdikt, wenn es sich in die Länge zog, auch problematisch. Wie war einer solchen Not zu begegnen, die erhebliche finanzielle Einbußen brachte und zugleich wegen enormer Geldforderungen bestand, die mit der Länge der Zeit, sollte man doch einlenken müssen, immer gravierender zu Buche schlug? - Ich glaube, dies ist der äußere Kontext, der im Spätsommer des Jahres 1195 dazu führte, Mechtilds Buch zu ergänzen, indem man im Blick auf das Buch als anzubietende Gabe für das kommende Weihnachtsfest, in das schon Vorhandene des Werkes noch unterhaltsame Informationen vom zurückliegenden Weihnachtsfest einfügte. Zum Beispiel: Was wurde gegessen? Aus welchem Geschirr wurde gespeist? Welche Kleidung trugen die hohen Gäste? - Und: Das Interesse war da!

 

Sonntag, 15. Februar 2026

Vergessene Wurzeln

Zisterzienserklöster haben das Filiationsprinzip. Rein hierarchisch gesehen, vergisst da ein Untergebener nicht seinen Weisungsbefugten. Zisterzienserinnenklöster haben zwar mitunter eine Abstammungslinie, jedoch ein Filiationsprinzip haben sie nicht. Auch wenn ein Pater immediatus vom Orden gestellt wurde, war dies kein gleichbedeutender Ersatz, da das Herkunftskloster als Frauenkloster damit ja nichts zu tun hatte. 

Wo immer Gründungsschwestern auch herkamen - so dies nicht irgendwo aktenkundig gemacht wurde, ging das Wissen mit dem zeitlichen Abstand dahin. Für die Pflege einer Herkunftsbeziehung bedurfte es eines darüber hinausgehenden Grundes, sonst riss sie ab. 

Wielange soetwas dauerte? Daten darüber gibt es nicht. Und Gründe? Solange die Gründerschwestern lebten, wussten diese natürlich auch noch, woher sie kamen. Auch die nachfolgende Generation hatte dieses Wissen noch. Doch schon hier, sofern bei größerer Entfernung nicht weitere Schwestern von dort eintraten, was wohl eine Seltenheit war, kam der monastischen Herkunft bereits der Stellenwert einer reinen Information zu, die im monastischen Alltag keinerlei praktische Bedeutung hatte. Herkunft hatte auch im Kloster etwas mit Familie und Stand zu tun. Herkunftsbeziehungen waren also zumeist dynastische Beziehungen. Die dynastische Bedeutung des Herkunftsklosters wäre ein Grund gewesen, es sich zu merken, als Teilhabe an dessen Bedeutung. Handelsbeziehungen zwischen überregionalen Konventen schufen zwar auch Kontakte, doch in diesem Fall konnte die Handelsbeziehung, also das Einander-brauchen, wichtiger sein als das Voneinander-abstammen. Die hauptsächlichsten und damit dauerhaftesten Kontakte liefen bei aller gepflegten persönlichen Korrespondenz immer über die Leitungsebene. Jede persönliche Briefkommunikation brach ja zumeist mit dem Tod der Briefpartner ab, reichte also kaum über eine Generation.

Man pflegte seine Stiftermemoria. Solange die Stifterfamilie lebte, legte diese auch großen Wert darauf. Beim frühen Aussterben und dem Übergang in einen anderen Herrschaftsbereich, konnte auch diese einmal verloren gehen. Zudem waren Landesgrenzen markante Barrieren, die intermonastere Beziehungen erschwerten. Man identifizierte sich mit seinem Land und dessen Gepflogenheiten. Auch dies ist ein Grund, wieso Wurzeln abreißen konnten, wenn größere Distanzen zwischen Mutter- und Tochterkloster lagen.

Auch die jeweilige Bistumszugehörigkeit legte Verpflichtungen auf. Man konnte, wenn das Herkunftskloster zu einem anderes Bistum gehörte, nicht einfach alle religiösen Festbräuche beibehalten. Zudem gab es große Veränderungen mit den gesamtkirchlichen Liturgiebestimmungen im Kontext des Tridentinischen Konzils und den Entwicklungen und Umsetzungen im Jahrhundert danach. Welcher Mensch und welche Gemeinschaft möchte nicht mit der Zeit gehen? Da konnte schon vieles verloren gehen, weil nämlich auch die alten liturgischen Bücher weitgehend zu Müll wurden oder einer Zweitverwendung oblagen. Jedenfalls wurde bei Visitationen genau kontrolliert, was man so betete und wen man wie verehrte. Auch hier rissen Traditionen ab. Nicht zu sprechen von Dokumentenverlusten zu unterschiedlichsten Anlässen über die Zeit. Mit Archivalien aus Frauenklöstern ging man weniger sorgfältig um, da man ihnen nur geringe Bedeutung beimaß. Sicher gibt es noch weit mehr Gründe, die solche Folgen nach sich zogen. 

Kann eine Frau denn ihren Säugling vergessen, / eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Jes 49,15 - Auf der Ebene der Frauenklöster hat solches Vergessen in beiden Richtungen stattgefunden.