Samstag, 11. Januar 2025

Bodenhaftung - ein Baum ohne Wurzeln ist Brennholz

Es ist sicher unumstößlich, zu sagen, dass zisterziensische Spiritualität und Lebensweise durch die Jahrhunderte eigene Akzente gesetzt hat, und doch wird jeder, der sich in der Materie auskennt, ganz sicher nicht behaupten wollen, dass da nicht auch Entwicklungen, Veränderungen und Anpassungen stattgefunden haben. Eine Etablierung vor Ort, wo auch immer, setzte voraus, dass eine gewisse Integration in das lokale Sozialgefüge stattfand. Damit verbunden waren auch Rücksichtnahmen und Individualitäten, die das Spezifikum einer konkreten Gemeinschaft ausmachen - heute natürlich vielfach historisch gewachsen und als Brauchtum gepflegt. 

Die Vorstellung, dass Uniformität eine Gleichheit in allen Dingen zeitigte, ist wohl schon immer Wunschdenken gewesen. Und während die Geschichtsschreibung mehr und mehr davon abrückt, sind Ordensleute gerade erst dort angekommen, finden das schön, und suchen - da alle Gemeinschaften kleiner werden - nun eine solche Lösung anzustreben, um Gemeinschaften und Standorte am Leben zu erhalten. 

Wenn alle überall das gleiche tun, dann kann weltweit auch ausgetauscht werden, dann können Ordensmitglieder anderer Regionen, eine fremde Sprache einfach in einem anderen Konvent lernen, verstärken gleichzeitig den Personalstand, dort, wo es bedrohlich wackelt - ja - das ist durchaus eine überbrückende Lösung.

Und die Kehrseite? Sich das vor Ort ausbleibende "Personal" woanders zu leihen, kann aber auch entwurzeln. Ein Märchenschloss kann ich in jeden Freizeitpark hineinbauen. Klöster brauchen essenziell das lokale Eingebundensein und eine Bedeutung für das Sozialgefüge vor Ort. In dem Moment, in dem ein Kloster sich selbst genügt oder das Hören auf Veränderungen nicht ernst genug nimmt, wo man als Ordenschrist nicht mehr genau sagen kann, warum man ein christliches Leben nun ausgerechnet in "Verkleidung" und mit einem Wohnsitz in einem historischen Gebäude führen möchte, oder wo man in Überanpassung an ein "Draußen" das "Drinnen" vernachlässigt und dann eigentlich wirklich nur eine historische Dekoration darstellt, ist die Zugkraft dahin. 

Auch der Blick von außen ist manchmal nötigend und gewaltsam entwurzelnd. Da versuchen regionale Entwicklungsmanager die "Marke Kloster" zu entwickeln, weil Klöster nunmal durchaus touristisch attraktiv sind und als Wirtschaftsfaktoren ausgeschlachtet werden können, ganz besonders dann, wenn da noch ein paar Nönnchen oder Mönchlein im Habit herumtanzen. Man müsse dieses oder jenes tun und wehe, wenn nicht. Sie vergessen dabei, dass dies nicht der Zweck eines Klosters ist. Religiosität ist zur skurrilen Nebensache geworden und etwa so spannend wie der Blick auf einen echten Indianer in seinem Reservat. Klosterkultur aber ist von innen her als Antwort auf Zeitgeschehen entstanden.

Das Eigene bewahren, stellt aber heute durchaus die Frage, was das Eigene ist, sowohl zentral, als auch lokal. Es mag reizvoll erscheinen und fantastisch, auf Gebräuche des 12. Jahrhunderts zurückzugreifen, plötzlich wieder alles in Latein zu singen (das allerdings die hiesige Mehrheit auch intern nicht mehr versteht, dafür aber internationale Integration erleichtert). Aber wer möchte gerne aus Buße heute noch barfuß herumlaufen und bei Wasser und Brot fasten? Wer möchte in einem Haus weitgehend ohne Heizung wohnen und seine Nostalgie bis hin zu einem Plumpsklo treiben? Das wäre dann die Extremvariante der Rückkehr zum Ursprung. Und wieviel Kokettieren mit der Armut tut auch den Insassen eines Klosters noch gut? Sagt doch Benedikt: Jedem wurde so viel zugeteilt, wie er nötig hatte (RB 34,1/ Apg 4,35). Das alles sind Fragen, die ein Heute betreffen? Was ich diesem Orden wünsche, ist ein sensibles Hören, nach innen wie nach außen.

Montag, 6. Januar 2025

Besuche, Einquartierungen und Verluste und der Blick von heute auf historische Buchbestände

Stellen Sie sich einmal vor, Sie sind Offizier in einem frühneuzeitlichen Heer, humanistisch gebildet, an Büchern und Literatur interessiert und werden im Rahmen kriegerischer Handlungen mit ihrem Truppenkontingent in einem bis dato klausurierten Frauenkloster einquartiert, deren Insassen geflohen sind, wie beispielsweise oft im 30jährigen Krieg passiert. Sie besichtigen das menschenleere Haus, darunter auch die Bibliothek, die Sie interessiert durchstöbern. Aufgrund der Gunst der Stunde ist gerade alles greifbar und auch mitnehmbar: Was nehmen Sie mit und was lassen Sie stehen?

Ein damaliger Durchschnittsmensch, gleich welchen Standes, wird vermutlich das anderweitig noch Verwertbare mitgenommen haben, also Bücher, deren Äußeres auf einen hohen Wert schließen ließen oder - bei den gebildeten Insidern und Sammlern - jene mit seltenem oder interessantem Inhalt. 

Was blieb dann aber in einer solchen Bibliothek zurück? - Genau! - das aus weltlicher Perspektive  "fromme Zeug" das ohnehin nur eine Nonne lesen würde oder - pflichtgeschuldet - musste, das, was ein fürsorglicher Oberer oder Beichtvater, je nachdem wie seine eigene Spiritualität geartet war, empfahl oder verordnete, und das, was zeitbedingte Pflichtlektüre in kirchlichen Häusern war und jeweils nur eine eng umrissene temporäre Spanne oder eine konkrete Amtszeit höherer Oberer umfasste.

Stellen Sie sich nun andererseits vor, Sie sind ein wichtiger Vertreter Roms in der Zeit ab dem Baseler Konzil, gleichfalls Liebhaber von allem, was im weitesten Sinne geistreich und schön ist, ausgestattet mit Macht und in irgendeiner die Nonnen betreffenden Angelegenheit Gast im Kloster. Sie lassen sich alles aufmerksam zeigen, wollen es natürlich auch sehen. Würde Ihnen die Äbtissin des Hauses, wenn Sie eine entsprechende Bitte nach einem besonderen Werk nachdrücklich äußerten, diese abgeschlagen haben, wenn von Ihrem Wort in Rom etwas abhängen würde, das die Zukunft der Gemeinschaft empfindlich tangierte? - Wohl kaum. Auch hier geschah Verlust, so man etwas unvorsichtig begierigen Blicken aussetzte oder jemand davon Kenntnis gegeben hatte.

Solchen unterschiedlich gearteten Verlustwellen folgte dann noch die Säkularisation, die einen weiteren Einschnitt in die bis dahin historisch gewachsenen Bestände setzte, egal ob man Verluste nun nach Ausstattung oder Inhalt beschreiben möchte. 

Und nun blicken Sie sich heute, im 21. Jahrhundert, das Relikt eines historischen Buchbestandes eines ehemaligen Frauenklosters an: Es ist vom Inhalt her ungefähr die fromm-erbauliche Buchproduktion von Männern des 16. und 17. Jahrhunderts, die diese eigens für den Absatz in Frauenklöstern verfassten, nebst einem Zentner Andachtsbüchlein, und auch noch - so scheint es - jeweils für jede Schwester ein Exemplar, sofern der Bücherwurm über die Jahrhunderte nicht fleißig war. Möge, was davon fehlt, ihm gut geschmeckt haben! Ist das aber nun das, was die Frauen auch wirklich gelesen haben? Natürlich auch. Doch: Jenseits jeglicher Gebrauchsliteratur für bestimmte Alltagsarbeiten (z.B. Medizin, Veterinärmedizin, Pharmazie, Land- und Forstwirtschaft, Geografie und Historie)? Und nur, weil kein 'Parzival' mehr vorhanden ist - hat es ihn dann auch gar nicht erst in einer solchen Bibliothek gegeben? Ich will hier nur sagen: Vorsicht! 

Die Tatsache, dass es heute nicht mehr viel Differenzierung in solchen Beständen gibt, kann auch etwas mit einer großen Überlieferungslücke zu tun haben. Zudem haben Beurteilungen von Beständen in ihren gewonnenen Rückschlüssen auch ganz sicher etwas mit dem Bild zu tun, das sich ein heutiger Autor - zumeist am Schreibtisch für zwei wichtige Karrierebuchstaben tätig - aus der Literatur von der Materie gemacht hat, im Verein mit der vorgefassten Einstellung zum Thema Nonnenleben. Nicht immer ganz richtig! - Soweit ein kleiner Kommentar zu einem Text über Nonnenliteratur, den ich gerade lese.


Montag, 26. Februar 2024

Diverse Entwicklungsstränge bei der Entstehung von OCist-Frauenklöstern aus Altersgründen?

Beeindruckt hat mich schon immer die Aussage des Hermann von Tournai über das Zisterzienserinnenkloster Montreuil im damaligen Bistum Laon, über Wurzeln rodende Frauen mit hohem geistlichen Anspruch und charismatischem Erfolg. Doch dann ist da als Gegenbild das krisengeschüttelte Jully, mit den Damen, die aus Molesme auszogen und sich ihrer Dienerschaft entledigen mussten, bei denen es hernach so kriselte, dass ein Teil nach Tart ging und sich ein anderer mit der Priorin nach Larrey absetzte, um ein eigenes Priorat zu sein, sodann das Engagement von vier Zisterzienseräbten um 1128, die mit dem zuständigen Benediktinerabt eine neue Regel für den Restkonvent von Jully ausarbeiteten, bevor es endlich unter Aufgabe der Handarbeit und Klausurverschärfung Ruhe gab. Die große Frage: warum?

Waren die einen eine verschworene homogene Gemeinschaft, in der alle am gleichen Strang in die gleiche Richtung zogen und die anderen vielleicht nicht? Möglich. Die Abspaltung von so differenten Lebensmodellen wie Tart, das die Richtung des nach ihm erst gegründeten Montreuil vertritt und Larrey, das im Grunde ein Benediktinerinnenkloster nach herkömmlicher Ordnung war, zeigt eine große Diversität des Wollens verschiedener Kräfte im gleichen Konvent. Und dann sind da ja noch diejenigen, die am Ort blieben, für die eine neue Regel ausgearbeitet wurde, die sich hart von Tart absetzte, sich aber auch nicht voll in die Richtung von Larrey bewegte, sondern zisterziensische Elemente durchaus beibehielt und sich nur von der Handarbeit deutlich distanzierte.

Wollte man mit Hermann von Tournai sagen: "Alles kann, wer glaubt." so folgte daraus, wieso denn die Nonnen von Jully dann so kleinmütig und kleingläubig gewesen waren. Doch so einfach ist es wohl nicht.

Gewöhnlich hat man jüngere Konvente zu einer Neugründung ausgesandt, die dann auch bald jungen und dynamischen Zulauf hatten. Zwar hatte Jully in den ersten zwei Dekaden des 12. Jahrhunderts enormen Zulauf, die Ausgliederung des rasch gewachsenen Konvents aus dem Doppelkloster Molesme, schob aber auch die älteren Damen von dort ins neue Ordenshaus ab. Die Umstellung für sie muss enorm gewesen sein. Zwischen den Begeisterten für den neuen Orden der Zisterzienser und ihrer Gebräuche, jenen, die es den Männern gleichtun wollten und denen, die sich erst einmal in der neuen Situation ohne Bedienstete und infolgedessen Handarbeit zurecht finden mussten, wird nicht nur eine verschiedene Sicht von monastischem Leben beinhaltet haben, sondern wohl auch eine Altersdifferenz. So könnte ein Generationskonflikt die ersten Abspaltungen bewirkt haben.

Für junge Leute ist das Austesten körperlicher Grenzen etwas, mit dem sie sich auch selbst etwas beweisen wollen. Sie waren die Heldinnen von Tart und Montreuil. Dass mit Larrey erstmals ein Kreis gesetzterer und wenig extrem gesinnter Damen sich abspaltete, steht zu vermuten. Die Zurückbleibenden werden die Unentschlossenen gewesen sein, die einerseits das Neue des zisterziensischen Weges nicht verraten wollten, deren körperliches Kräftepotential wohl auch noch ausreichte, die  andererseits aber eine gemäßigtere Ausrichtung für Frauen ohne die Preisgabe zisterziensischer Werte erwogen. Für sie, die offenbar zahlenmäßig keine kleine Gruppe waren, wurde die Neuregelung der Äbte zu einer verbindlichen Lösung. Denn wer will schon als Frau mit über fünfzig tagtäglich mit einer Axt im Felde stehen und Wurzeln roden? 

Die Problematik dürfte auch die relative Plötzlichkeit der Umstellung für den inhomogenen Konvent von Jully gewesen sein. Die Gründergruppe von Tart wird mit den Jahren zwar auch älter und schwächer geworden sein. Doch wenn ein gleichgesinnter Stamm von Personen seine Kräfte schwinden sieht, tritt ein gemeinsames Überlegen und Umorganisieren in Kraft, das ressourcenschonend ist, ohne geschätzte Werte über Bord zu werfen. Diese Entwicklungsmöglichkeit war Jully nicht in gleichem Maße gegeben.

Samstag, 23. Dezember 2023

Besser beabsichtigt, schlechter geworden

Bei einem Wiederabdruck könnte man vieles optimieren. Manchmal geht es voll daneben. 

Einem Autor tut das weh. Im Jahre 2021 hatte ich in einem Band eines regionalen Heimatvereins etwas über ein Kloster geschrieben, das nur drei Jahre nach der Gründung wieder verschwand und nach weiteren 14 Jahren wieder auf der Weltbühne erschien. Für diesen Artikel wurde eine Wiederabdrucksgenehmigung erbeten - nicht von mir selbst, ich habe mich aber auch nicht entgegen gestellt. Nun ist der Wiederabdruck erschienen: Ein OCR - Scan mit vielen Lesefehlern, und dies, obwohl ich mir die Mühe gemacht hatte, alle Fehler in diesem Scan, nachdem er mir vorgelegt worden war, nochmal zu korrigieren. Eine Wiedervorlage nach Korrektur erfolgte nicht. Bilder sind eingefügt, bei manchen mit Verweis auf ein Kurzporträt in einem Kästchen, das dann aber nicht existiert. An einer Stelle ist aus "scriptum" "scriotum" geworden - traurig, aber wahr. So kann ich, wer etwas über das Zisterzienserinnenkloster Breitenbich in Thüringen erfahren möchte, nur den bereits bekannten Artikel aus den 

Beiträgen zur Geschichte aus Stadt und Landkreis Nordhausen, Bd. 46 (2021), S. 63 - 85 empfehlen. Der Titel: Divine inspirationis rore perfusus? Die Klostergründung Breitenbich als Beispiel einer gescheiterten Exemtion.

Mittwoch, 1. März 2023

1Petr 3,15, Begriffsbestimmungen und Anwenderfehler

Etwas Gegenwartsgeschichte: 

Wer in ein Kloster geht, von dem sollte man annehmen, dass seine Rede und seine Antwort spezifischer ausfällt, als die eines Durchschnittskirchgängers. Man kann sich täuschen!

Frage: Was lebt man eigentlich in einem Kloster?

Antwort: Ein klösterliches Leben.

Frage: Wie gestaltet sich das?

Antwort: Wir beten und arbeiten.

Dieser fiktive und etwas überzeichnete Dialog ist nicht unsinnig. Besonders inhaltsreich aber ist er auch nicht. Er steht für Stereotypen, mit denen oft die Frage nach der Substanz abgefangen wird. Und diese oder ähnliche Worthülsen verbergen manchmal auf recht eloquente Weise, dass einer Verpackung der Inhalt fehlt. "Ja unser heiliger Vater Bernhard. - Ein weites Feld!" Gut, wenn da jemand noch weiß, dass der Bernhard mal zu uns gehörte und eventuell, dass er mehr als einen Buchmeter im Nachlass hat. Das ist schon viel wert. Bei anderen ehemaligen Zisterziensern und Zisterzienserinnen sieht es viel dünner aus.

Woran liegt das? Könnte es sein, dass die vordergründigen Abläufe eines Klosteralltags im Laufe eines Lebens das Grundanliegen absorbieren? Man kann sich gut hinter allgemeinen Formeln verstecken, wie "Leben für Christus", "Mission", Evangelisation. Passt immer! Ob es aber glaubwürdig ist oder nicht, das hat viel mit Authentizität und ganz eigenen Motiven zu tun, auch damit, ob ich einem Fragenden einfach eine möglichst 'fromme' Antwort bieten will, bei der es darum geht, gut in den Augen des Anderen anzukommen oder ob ich mich wirklich anfragen lasse. Wenn Mönche oder Nonnen nicht mehr viel über das Mönchtum wissen, einen Cassian beispielsweise gar nicht gelesen haben, aber damit winken, dass zuviel Bildung dem geistlichen Leben schadet (nur nicht dem eigenen), wenn examinierte Theologen kaum was von Klöstern wissen und wenn man sich damit, im Kloster wohnend, dann auch noch zufrieden gibt, dann bleibt nur zu hoffen, dass die äußere Welt die Werte und das Wissen irgendwie wieder in die Klöster tragen wird.

Niemand, der mit Gästen zu tun hat und gerne als Mensch unserer Zeit angesehen werden will, wird die Frage nach der klösterlichen Bildung zurückhaltend beantworten. Und doch ist diese nicht immer so überbordend, wie man es gern darstellen möchte. Zudem gibt es auch Leute, denen es so wichtig ist, nach außen hin als gebildet zu erscheinen, dass sie deshalb - soweit sie es können - aktiv verhindern, dass klösterliche Bildung Allgemeingut wird. Denn - das alte Übel des Vergleichens - wenn jemand weiter kommt in der Materie als man selbst, dann büßt man womöglich die Zuwendung von Gästen ein oder erlangt nicht mehr deren Aufmerksamkeit in dem gewünschten Maße. Im Umkehrschluss heißt dies aber dann auch, dass klösterliche Bildung oft zu einem anderen Zweck eingesetzt wird, als wofür sie da ist, nämlich zur Vertiefung des eigenen geistlichen Lebens, um dann von innen heraus Rede und Antwort zu stehen. Und weil Gäste ein seismographisches Gespür dafür haben, zu erspüren, wo geistliches Futter zu haben ist, haben manche Ordensleute ein sensibles Gen dafür, solche Entwicklungen im Nebenmann oder in der Nebenfrau zu verhindern, zum Schaden für das Ganze.

Hier noch ein lebensechter Dialog zum Nachdenken!

Frage: Was wollen wir hier vor Ort leben?

Antwort: Ein schönes Zisterzienserleben.

Frage: Das kann ich auch auf dem Mond. Was bedeutet das hier an diesem Ort?

Antwort: -

Man könnte das natürlich noch vertiefen und schlichtweg fragen: Was ist ein schönes Zisterzienserleben und worin unterscheidet es sich von anderen Orden? Es gibt Zisterzienser und Zisterzienserinnen, die tatsächlich eine Antwort darauf haben. Man muss sie in unseren Breiten aber ein bisschen suchen.

Vor allem, so hörte ich oft, lernt man klösterliches Leben in der Praxis. Dies setzt nur voraus, dass diejenigen, von denen man lernen soll, wissen, was sie leben möchten und mit ihrem Leben Antwort und Wegweiser sind. Ja, ja - die überhöhten Ansprüche!

Sonntag, 27. Februar 2022

Besonders und begnadet - mein Buch ist da

Wer diesen Blog liest, wird recht bald bemerken, dass mir unter den drei großen Helftaer Mystikerinnen Mechtild von Hakeborn die - wenn man so sagen darf - liebste ist. Dass das, was man schätzt, zuweilen anders betrachtet wird, als es die Mehrzahl der Leute tun, sollte nicht überraschen. Auch nicht, dass dies mitunter zu anderen Einsichten führt. Meine Version der Buchentstehung des Liber specialis gratiae habe ich also nun für ein breites Publikum zusammengefasst. Sie ist anders, als das, was bisher darüber geschrieben wurde. Dass diese allgemeine Veröffentlichung nun vor der wissenschaftlichen erscheint, hat verschiedene Gründe. Die wissenschaftliche wird auch noch kommen! Nichtsdestotrotz ist hier schonmal der Link zum Buch in unserem Klosterladen: 

https://klosterladen.kloster-helfta.de/produkt-kategorie/buecher/spiritualitaet

Es ist unter dem Titel "Besonders & Begnadet. Mechtild von Hakeborn - Gedanken zu ihr und ihrem Buch" im Kunstverlag Josef Fink zum Preis von 9,80 € (Deutschland), ISBN: 978-3-95976-379-0, erschienen.

Ich sehe den Startpunkt des Buches der Mechtild in einem historischen Ereignis, bei dem ein Urtext entstand, der inhaltlich ein Liturgiekommentar war. Mechtild hat bei diesem Ereignis eine Rolle innegehabt, die ihr allgemeine Aufmerksamkeit sicherte, ganz gleich, ob nun der Buchtext in seiner Erstversion dafür verantwortlich ist oder eine spezielle öffentlich wahrnehmbare Funktion, anlässlich derer das Buch eins des Liber in der Urversion an einen hohen Gast erstmals herausgegeben wurde. Es wäre gänzlich unüblich, in einem Kloster die Vita einer noch lebenden Mitschwester zu verfassen, wenn diese nicht zuvor durch irgendetwas Aufmerksamkeit erregte. Dass eine externe Nachfrage bestand, belegen die vielen Bemerkungen im Buch selbst, die sich direkt an den Leser / die Leserin richten. Wer allerdings einen Bericht über eine Gebetserhörung und damit den Hinweis auf eine Verehrung zu Lebzeiten sucht, muss sich bis zum Liber IV gedulden. Zuvor stehen ab Liber II ihre Person und ihre Lehre im Fokus. Und sie scheint mir auch nicht ganz diejenige zu sein, die später durch diverse Erweiterungen daraus gemacht wurde. Die sogenannte Mystik Mechtilds, jedenfalls die heute in Summe zu lesende, ist das, was andere als sie selbst nicht nur notierten, sondern auch in bereits Vorhandenes einfügten, was sie ergänzend hinzufügten. Der Schlüssel zu Mechtilds eigenem Denken und Beten, zu ihrem Verständnis von Schrift und Liturgie dürfte am authentischsten im Liber eins zum Vorschein kommen, wenn man diejenigen Beiträge ausschließt, die offensichtlich spätere Ergänzungen sind.

Sonntag, 2. Januar 2022

Lied, Nachricht und einfühlsame Todesanzeige

Nochmal das besagte Weihnachtslied:

 Refrain: 
O quam mira perpetrasti, 
Jesu, propter hominem, 
tam ardenter quem amasti, 
Paradiso exulem!

1. 
Altitudo, quid hic jaces in tam vili stabulo?
Qui creasti coeli faces, alges in praesepio?

2.
 Fortitudo infirmatur, parva fit immensitas.
Liberator alligatur, nascitur aeternitas.

3. 
 Pr(a)emis ubera labellis, sed intactae virginis. 
Ploras uvidis ocellis, coelum replens gaudiis.


Dass sich in diesem Lied so einiges an Information versteckt, wurde schon gesagt (nämlich hier). Nachzutragen bleibt, dass die Initialen der Namen der Kontrahenten Adolphus und Fridericus jeweils den Beginn einer Strophe bilden. Doch eine dritte Initiale vermittelt noch etwas:
Man kann diese Nachricht auch als Todesanzeige lesen, jedenfalls dann, wenn man davon ausgeht, dass der, von dem der Refrain handelt, nicht der geschlagene Friedrich ist, sondern jener L., der ihn befreit hat und dabei sein Leben verlor "nascitur aeternitas". Er ist aus dem 'irdischen Paradies' ausgezogen und damit nahe bei Jesus (siehe Refrain). Dann ist die Mutter des Verstorbenen eine Empfängerin der für alle verfassten und öffentlich gesungenen anteilnehmenden Nachricht und die konkrete Adressatin der dritten Strophe: "Für seine Lippen drückst Du (Jesus jetzt) die Brüste, jedoch (die) der unberührten Jungfrau. Du (Frau) weinst mit feuchten Äuglein, während der Himmel mit Freuden erfüllt ist." Kann man einer Mutter die Auferstehungsbotschaft schöner vermitteln, als so, dass ihr im Himmel nun neugeborener Sohn jetzt von der Gottesmutter dort genährt wird? 
Ein Dominikaner war er. In der convivium - Geschichte des Liber in Kapitel I,1 schreitet Mechtild die Gruppe der Apostel ab, als sie dieses Lied anstimmt.

Ich finde diesen Text in seinen vielfältigen Lesarten als Weihnachtslied, als gedichtete und vertonte Nachricht und Todesanzeige unsagbar gelungen und wunderbar feinfühlig tröstend. Diese Art der Textverarbeitung bedeutet aber auch, dass es, um alle Ebenen zu erfassen, mehrere Übersetzungen geben muss. Das bedeutet, dass auch der Liber in der Volkssprache nicht mehr die Fülle dessen vermittelt, was er an Textgehalt im lateinischen Urtext transportiert hat.

Ein solch informativer Text hat sich sowohl mündlich, als auch schriftlich und wohl auch per Brieftaube exponentiell verbreitet, sonst wäre dieses Lied über die Jahrhunderte wohl abhanden gekommen. Auch wenn es heute keine Melodie mehr gibt, muss es gesungen worden sein. Vielleicht finden sich ja noch irgendwo die Noten.

Kleine Textergänzung am 03.01.2022