Dienstag, 17. Februar 2026

Die Kreativität des Überlebenwollens

Man kann vielleicht entschuldigend sagen, dass das Bedienen voyeuristischer Bedürfnisse externer Personen in Notzeiten auch ein Weg ist, das eigene Überleben zu sichern. Mehr und mehr bin ich überzeugt, dass es ein enormes Bedrängtsein von außen war, das dazu führte, einen nachgefragten religiösen Topartikel, den Liber specialis gratiae der Mechtild von Hakeborn, noch anderweitig aufzuwerten, um ein weniger frommes, dafür aber recht neugieriges Klientel zum Kauf des Werkes zu animieren. 

Darin sehr aktiv war eine der beiden Schreiberinnen, die sich im Werk manchmal recht autoritär zeigt und in Buch fünf explizit die Gabe der geistgewirkten Offenbarung auch für die Schreibenden reklamiert, die also vermutlich ein Leitungsamt inne hatte. Vielleicht war es ja die amtierende Priorin. Ex-Äbtissin Sophia von Mansfeld hatte ja für ein paar Jahre keine Nachfolgerin, da der Konvent ihre Resignation nicht akzeptieren wollte. 

Manche Gehorsamsforderungen erfordern einfach eine hohe Autorität. Auch ist es wohl kaum einem Konventsmitglied gestattet, ohne die Erlaubnis seitens der Oberen Messen in großer Zahl bei auswärtigen Priestern zu bestellen, wie in Buch fünf beschrieben. Und hätte man dies aus irgendeinem Grund in eigener Regie über Verwandte bewerkstelligt, so empfahl es sich doch, dies nicht an die große Glocke zu hängen, um nicht gemaßregelt zu werden. Soetwas verlangte zwingend nach dem dazu nötigen Handlungsspielraum, der, so öffentlich, wie das in Buch fünf geschildert ist, nur einem Menschen mit Leitungsamt gegeben ist. Und auf den Schultern genau dieser Person hätte - bei indisponierter Äbtissin - auch die Obsorge für die Belange des Klosters im weitesten Sinne gelegen. Ein Konvent unter Interdikt, konnte keine Messstiftungen entgegennehmen, also auch nichts einnehmen, weil ja keine Messen gefeiert werden durften. Diese andernorts zu stiften, ging vielleicht schon. Zudem war die jährlich wiederkehrende Memoria bereits lange zuvor getätigter Stiftungen unter Interdikt problematisch umzusetzen. Für Eintrittsplanungen seitens des Adels war ein Interdikt, wenn es sich in die Länge zog, auch problematisch. Wie war einer solchen Not zu begegnen, die erhebliche finanzielle Einbußen brachte und zugleich wegen enormer Geldforderungen bestand, die mit der Länge der Zeit, sollte man doch einlenken müssen, immer gravierender zu Buche schlug? - Ich glaube, dies ist der äußere Kontext, der im Spätsommer des Jahres 1195 dazu führte, Mechtilds Buch zu ergänzen, indem man im Blick auf das Buch als anzubietende Gabe für das kommende Weihnachtsfest, in das schon Vorhandene des Werkes noch unterhaltsame Informationen vom zurückliegenden Weihnachtsfest einfügte. Zum Beispiel: Was wurde gegessen? Aus welchem Geschirr wurde gespeist? Welche Kleidung trugen die hohen Gäste? - Und: Das Interesse war da!

 

Sonntag, 15. Februar 2026

Vergessene Wurzeln

Zisterzienserklöster haben das Filiationsprinzip. Rein hierarchisch gesehen, vergisst da ein Untergebener nicht seinen Weisungsbefugten. Zisterzienserinnenklöster haben zwar mitunter eine Abstammungslinie, jedoch ein Filiationsprinzip haben sie nicht. Auch wenn ein Pater immediatus vom Orden gestellt wurde, war dies kein gleichbedeutender Ersatz, da das Herkunftskloster als Frauenkloster damit ja nichts zu tun hatte. 

Wo immer Gründungsschwestern auch herkamen - so dies nicht irgendwo aktenkundig gemacht wurde, ging das Wissen mit dem zeitlichen Abstand dahin. Für die Pflege einer Herkunftsbeziehung bedurfte es eines darüber hinausgehenden Grundes, sonst riss sie ab. 

Wielange soetwas dauerte? Daten darüber gibt es nicht. Und Gründe? Solange die Gründerschwestern lebten, wussten diese natürlich auch noch, woher sie kamen. Auch die nachfolgende Generation hatte dieses Wissen noch. Doch schon hier, sofern bei größerer Entfernung nicht weitere Schwestern von dort eintraten, was wohl eine Seltenheit war, kam der monastischen Herkunft bereits der Stellenwert einer reinen Information zu, die im monastischen Alltag keinerlei praktische Bedeutung hatte. Herkunft hatte auch im Kloster etwas mit Familie und Stand zu tun. Herkunftsbeziehungen waren also zumeist dynastische Beziehungen. Die dynastische Bedeutung des Herkunftsklosters wäre ein Grund gewesen, es sich zu merken, als Teilhabe an dessen Bedeutung. Handelsbeziehungen zwischen überregionalen Konventen schufen zwar auch Kontakte, doch in diesem Fall konnte die Handelsbeziehung, also das Einander-brauchen, wichtiger sein als das Voneinander-abstammen. Die hauptsächlichsten und damit dauerhaftesten Kontakte liefen bei aller gepflegten persönlichen Korrespondenz immer über die Leitungsebene. Jede persönliche Briefkommunikation brach ja zumeist mit dem Tod der Briefpartner ab, reichte also kaum über eine Generation.

Man pflegte seine Stiftermemoria. Solange die Stifterfamilie lebte, legte diese auch großen Wert darauf. Beim frühen Aussterben und dem Übergang in einen anderen Herrschaftsbereich, konnte auch diese einmal verloren gehen. Zudem waren Landesgrenzen markante Barrieren, die intermonastere Beziehungen erschwerten. Man identifizierte sich mit seinem Land und dessen Gepflogenheiten. Auch dies ist ein Grund, wieso Wurzeln abreißen konnten, wenn größere Distanzen zwischen Mutter- und Tochterkloster lagen.

Auch die jeweilige Bistumszugehörigkeit legte Verpflichtungen auf. Man konnte, wenn das Herkunftskloster zu einem anderes Bistum gehörte, nicht einfach alle religiösen Festbräuche beibehalten. Zudem gab es große Veränderungen mit den gesamtkirchlichen Liturgiebestimmungen im Kontext des Tridentinischen Konzils und den Entwicklungen und Umsetzungen im Jahrhundert danach. Welcher Mensch und welche Gemeinschaft möchte nicht mit der Zeit gehen? Da konnte schon vieles verloren gehen, weil nämlich auch die alten liturgischen Bücher weitgehend zu Müll wurden oder einer Zweitverwendung oblagen. Jedenfalls wurde bei Visitationen genau kontrolliert, was man so betete und wen man wie verehrte. Auch hier rissen Traditionen ab. Nicht zu sprechen von Dokumentenverlusten zu unterschiedlichsten Anlässen über die Zeit. Mit Archivalien aus Frauenklöstern ging man weniger sorgfältig um, da man ihnen nur geringe Bedeutung beimaß. Sicher gibt es noch weit mehr Gründe, die solche Folgen nach sich zogen. 

Kann eine Frau denn ihren Säugling vergessen, / eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Jes 49,15 - Auf der Ebene der Frauenklöster hat solches Vergessen in beiden Richtungen stattgefunden. 

Samstag, 11. Januar 2025

Bodenhaftung - ein Baum ohne Wurzeln ist Brennholz

Es ist sicher unumstößlich, zu sagen, dass zisterziensische Spiritualität und Lebensweise durch die Jahrhunderte eigene Akzente gesetzt hat, und doch wird jeder, der sich in der Materie auskennt, ganz sicher nicht behaupten wollen, dass da nicht auch Entwicklungen, Veränderungen und Anpassungen stattgefunden haben. Eine Etablierung vor Ort, wo auch immer, setzte voraus, dass eine gewisse Integration in das lokale Sozialgefüge stattfand. Damit verbunden waren auch Rücksichtnahmen und Individualitäten, die das Spezifikum einer konkreten Gemeinschaft ausmachen - heute natürlich vielfach historisch gewachsen und als Brauchtum gepflegt. 

Die Vorstellung, dass Uniformität eine Gleichheit in allen Dingen zeitigte, ist wohl schon immer Wunschdenken gewesen. Und während die Geschichtsschreibung mehr und mehr davon abrückt, sind Ordensleute gerade erst dort angekommen, finden das schön, und suchen - da alle Gemeinschaften kleiner werden - nun eine solche Lösung anzustreben, um Gemeinschaften und Standorte am Leben zu erhalten. 

Wenn alle überall das gleiche tun, dann kann weltweit auch ausgetauscht werden, dann können Ordensmitglieder anderer Regionen, eine fremde Sprache einfach in einem anderen Konvent lernen, verstärken gleichzeitig den Personalstand, dort, wo es bedrohlich wackelt - ja - das ist durchaus eine überbrückende Lösung.

Und die Kehrseite? Sich das vor Ort ausbleibende "Personal" woanders zu leihen, kann aber auch entwurzeln. Ein Märchenschloss kann ich in jeden Freizeitpark hineinbauen. Klöster brauchen essenziell das lokale Eingebundensein und eine Bedeutung für das Sozialgefüge vor Ort. In dem Moment, in dem ein Kloster sich selbst genügt oder das Hören auf Veränderungen nicht ernst genug nimmt, wo man als Ordenschrist nicht mehr genau sagen kann, warum man ein christliches Leben nun ausgerechnet in "Verkleidung" und mit einem Wohnsitz in einem historischen Gebäude führen möchte, oder wo man in Überanpassung an ein "Draußen" das "Drinnen" vernachlässigt und dann eigentlich wirklich nur eine historische Dekoration darstellt, ist die Zugkraft dahin. 

Auch der Blick von außen ist manchmal nötigend und gewaltsam entwurzelnd. Da versuchen regionale Entwicklungsmanager die "Marke Kloster" zu entwickeln, weil Klöster nunmal durchaus touristisch attraktiv sind und als Wirtschaftsfaktoren ausgeschlachtet werden können, ganz besonders dann, wenn da noch ein paar Nönnchen oder Mönchlein im Habit herumtanzen. Man müsse dieses oder jenes tun und wehe, wenn nicht. Sie vergessen dabei, dass dies nicht der Zweck eines Klosters ist. Religiosität ist zur skurrilen Nebensache geworden und etwa so spannend wie der Blick auf einen echten Indianer in seinem Reservat. Klosterkultur aber ist von innen her als Antwort auf Zeitgeschehen entstanden.

Das Eigene bewahren, stellt aber heute durchaus die Frage, was das Eigene ist, sowohl zentral, als auch lokal. Es mag reizvoll erscheinen und fantastisch, auf Gebräuche des 12. Jahrhunderts zurückzugreifen, plötzlich wieder alles in Latein zu singen (das allerdings die hiesige Mehrheit auch intern nicht mehr versteht, dafür aber internationale Integration erleichtert). Aber wer möchte gerne aus Buße heute noch barfuß herumlaufen und bei Wasser und Brot fasten? Wer möchte in einem Haus weitgehend ohne Heizung wohnen und seine Nostalgie bis hin zu einem Plumpsklo treiben? Das wäre dann die Extremvariante der Rückkehr zum Ursprung. Und wieviel Kokettieren mit der Armut tut auch den Insassen eines Klosters noch gut? Sagt doch Benedikt: Jedem wurde so viel zugeteilt, wie er nötig hatte (RB 34,1/ Apg 4,35). Das alles sind Fragen, die ein Heute betreffen. Was ich diesem Orden wünsche, ist ein sensibles Hören, nach innen wie nach außen.

Montag, 6. Januar 2025

Besuche, Einquartierungen und Verluste und der Blick von heute auf historische Buchbestände

Stellen Sie sich einmal vor, Sie sind Offizier in einem frühneuzeitlichen Heer, humanistisch gebildet, an Büchern und Literatur interessiert und werden im Rahmen kriegerischer Handlungen mit ihrem Truppenkontingent in einem bis dato klausurierten Frauenkloster einquartiert, deren Insassen geflohen sind, wie beispielsweise oft im 30jährigen Krieg passiert. Sie besichtigen das menschenleere Haus, darunter auch die Bibliothek, die Sie interessiert durchstöbern. Aufgrund der Gunst der Stunde ist gerade alles greifbar und auch mitnehmbar: Was nehmen Sie mit und was lassen Sie stehen?

Ein damaliger Durchschnittsmensch, gleich welchen Standes, wird vermutlich das anderweitig noch Verwertbare mitgenommen haben, also Bücher, deren Äußeres auf einen hohen Wert schließen ließen oder - bei den gebildeten Insidern und Sammlern - jene mit seltenem oder interessantem Inhalt. 

Was blieb dann aber in einer solchen Bibliothek zurück? - Genau! - das aus weltlicher Perspektive  "fromme Zeug" das ohnehin nur eine Nonne lesen würde oder - pflichtgeschuldet - musste, das, was ein fürsorglicher Oberer oder Beichtvater, je nachdem wie seine eigene Spiritualität geartet war, empfahl oder verordnete, und das, was zeitbedingte Pflichtlektüre in kirchlichen Häusern war und jeweils nur eine eng umrissene temporäre Spanne oder eine konkrete Amtszeit höherer Oberer umfasste.

Stellen Sie sich nun andererseits vor, Sie sind ein wichtiger Vertreter Roms in der Zeit ab dem Baseler Konzil, gleichfalls Liebhaber von allem, was im weitesten Sinne geistreich und schön ist, ausgestattet mit Macht und in irgendeiner die Nonnen betreffenden Angelegenheit Gast im Kloster. Sie lassen sich alles aufmerksam zeigen, wollen es natürlich auch sehen. Würde Ihnen die Äbtissin des Hauses, wenn Sie eine entsprechende Bitte nach einem besonderen Werk nachdrücklich äußerten, diese abgeschlagen haben, wenn von Ihrem Wort in Rom etwas abhängen würde, das die Zukunft der Gemeinschaft empfindlich tangierte? - Wohl kaum. Auch hier geschah Verlust, so man etwas unvorsichtig begierigen Blicken aussetzte oder jemand davon Kenntnis gegeben hatte.

Solchen unterschiedlich gearteten Verlustwellen folgte dann noch die Säkularisation, die einen weiteren Einschnitt in die bis dahin historisch gewachsenen Bestände setzte, egal ob man Verluste nun nach Ausstattung oder Inhalt beschreiben möchte. 

Und nun blicken Sie sich heute, im 21. Jahrhundert, das Relikt eines historischen Buchbestandes eines ehemaligen Frauenklosters an: Es ist vom Inhalt her ungefähr die fromm-erbauliche Buchproduktion von Männern des 16. und 17. Jahrhunderts, die diese eigens für den Absatz in Frauenklöstern verfassten, nebst einem Zentner Andachtsbüchlein, und auch noch - so scheint es - jeweils für jede Schwester ein Exemplar, sofern der Bücherwurm über die Jahrhunderte nicht fleißig war. Möge, was davon fehlt, ihm gut geschmeckt haben! Ist das aber nun das, was die Frauen auch wirklich gelesen haben? Natürlich auch. Doch: Jenseits jeglicher Gebrauchsliteratur für bestimmte Alltagsarbeiten (z.B. Medizin, Veterinärmedizin, Pharmazie, Land- und Forstwirtschaft, Geografie und Historie)? Und nur, weil kein 'Parzival' mehr vorhanden ist - hat es ihn dann auch gar nicht erst in einer solchen Bibliothek gegeben? Ich will hier nur sagen: Vorsicht! 

Die Tatsache, dass es heute nicht mehr viel Differenzierung in solchen Beständen gibt, kann auch etwas mit einer großen Überlieferungslücke zu tun haben. Zudem haben Beurteilungen von Beständen in ihren gewonnenen Rückschlüssen auch ganz sicher etwas mit dem Bild zu tun, das sich ein heutiger Autor - zumeist am Schreibtisch für zwei wichtige Karrierebuchstaben tätig - aus der Literatur von der Materie gemacht hat, im Verein mit der vorgefassten Einstellung zum Thema Nonnenleben. Nicht immer ganz richtig! - Soweit ein kleiner Kommentar zu einem Text über Nonnenliteratur, den ich gerade lese.


Montag, 26. Februar 2024

Diverse Entwicklungsstränge bei der Entstehung von OCist-Frauenklöstern aus Altersgründen?

Beeindruckt hat mich schon immer die Aussage des Hermann von Tournai über das Zisterzienserinnenkloster Montreuil im damaligen Bistum Laon, über Wurzeln rodende Frauen mit hohem geistlichen Anspruch und charismatischem Erfolg. Doch dann ist da als Gegenbild das krisengeschüttelte Jully, mit den Damen, die aus Molesme auszogen und sich ihrer Dienerschaft entledigen mussten, bei denen es hernach so kriselte, dass ein Teil nach Tart ging und sich ein anderer mit der Priorin nach Larrey absetzte, um ein eigenes Priorat zu sein, sodann das Engagement von vier Zisterzienseräbten um 1128, die mit dem zuständigen Benediktinerabt eine neue Regel für den Restkonvent von Jully ausarbeiteten, bevor es endlich unter Aufgabe der Handarbeit und Klausurverschärfung Ruhe gab. Die große Frage: warum?

Waren die einen eine verschworene homogene Gemeinschaft, in der alle am gleichen Strang in die gleiche Richtung zogen und die anderen vielleicht nicht? Möglich. Die Abspaltung von so differenten Lebensmodellen wie Tart, das die Richtung des nach ihm erst gegründeten Montreuil vertritt und Larrey, das im Grunde ein Benediktinerinnenkloster nach herkömmlicher Ordnung war, zeigt eine große Diversität des Wollens verschiedener Kräfte im gleichen Konvent. Und dann sind da ja noch diejenigen, die am Ort blieben, für die eine neue Regel ausgearbeitet wurde, die sich hart von Tart absetzte, sich aber auch nicht voll in die Richtung von Larrey bewegte, sondern zisterziensische Elemente durchaus beibehielt und sich nur von der Handarbeit deutlich distanzierte.

Wollte man mit Hermann von Tournai sagen: "Alles kann, wer glaubt." so folgte daraus, wieso denn die Nonnen von Jully dann so kleinmütig und kleingläubig gewesen waren. Doch so einfach ist es wohl nicht.

Gewöhnlich hat man jüngere Konvente zu einer Neugründung ausgesandt, die dann auch bald jungen und dynamischen Zulauf hatten. Zwar hatte Jully in den ersten zwei Dekaden des 12. Jahrhunderts enormen Zulauf, die Ausgliederung des rasch gewachsenen Konvents aus dem Doppelkloster Molesme, schob aber auch die älteren Damen von dort ins neue Ordenshaus ab. Die Umstellung für sie muss enorm gewesen sein. Zwischen den Begeisterten für den neuen Orden der Zisterzienser und ihrer Gebräuche, jenen, die es den Männern gleichtun wollten und denen, die sich erst einmal in der neuen Situation ohne Bedienstete und infolgedessen Handarbeit zurecht finden mussten, wird nicht nur eine verschiedene Sicht von monastischem Leben beinhaltet haben, sondern wohl auch eine Altersdifferenz. So könnte ein Generationskonflikt die ersten Abspaltungen bewirkt haben.

Für junge Leute ist das Austesten körperlicher Grenzen etwas, mit dem sie sich auch selbst etwas beweisen wollen. Sie waren die Heldinnen von Tart und Montreuil. Dass mit Larrey erstmals ein Kreis gesetzterer und wenig extrem gesinnter Damen sich abspaltete, steht zu vermuten. Die Zurückbleibenden werden die Unentschlossenen gewesen sein, die einerseits das Neue des zisterziensischen Weges nicht verraten wollten, deren körperliches Kräftepotential wohl auch noch ausreichte, die  andererseits aber eine gemäßigtere Ausrichtung für Frauen ohne die Preisgabe zisterziensischer Werte erwogen. Für sie, die offenbar zahlenmäßig keine kleine Gruppe waren, wurde die Neuregelung der Äbte zu einer verbindlichen Lösung. Denn wer will schon als Frau mit über fünfzig tagtäglich mit einer Axt im Felde stehen und Wurzeln roden? 

Die Problematik dürfte auch die relative Plötzlichkeit der Umstellung für den inhomogenen Konvent von Jully gewesen sein. Die Gründergruppe von Tart wird mit den Jahren zwar auch älter und schwächer geworden sein. Doch wenn ein gleichgesinnter Stamm von Personen seine Kräfte schwinden sieht, tritt ein gemeinsames Überlegen und Umorganisieren in Kraft, das ressourcenschonend ist, ohne geschätzte Werte über Bord zu werfen. Diese Entwicklungsmöglichkeit war Jully nicht in gleichem Maße gegeben.

Samstag, 23. Dezember 2023

Besser beabsichtigt, schlechter geworden

Bei einem Wiederabdruck könnte man vieles optimieren. Manchmal geht es voll daneben. 

Einem Autor tut das weh. Im Jahre 2021 hatte ich in einem Band eines regionalen Heimatvereins etwas über ein Kloster geschrieben, das nur drei Jahre nach der Gründung wieder verschwand und nach weiteren 14 Jahren wieder auf der Weltbühne erschien. Für diesen Artikel wurde eine Wiederabdrucksgenehmigung erbeten - nicht von mir selbst, ich habe mich aber auch nicht entgegen gestellt. Nun ist der Wiederabdruck erschienen: Ein OCR - Scan mit vielen Lesefehlern, und dies, obwohl ich mir die Mühe gemacht hatte, alle Fehler in diesem Scan, nachdem er mir vorgelegt worden war, nochmal zu korrigieren. Eine Wiedervorlage nach Korrektur erfolgte nicht. Bilder sind eingefügt, bei manchen mit Verweis auf ein Kurzporträt in einem Kästchen, das dann aber nicht existiert. An einer Stelle ist aus "scriptum" "scriotum" geworden - traurig, aber wahr. So kann ich, wer etwas über das Zisterzienserinnenkloster Breitenbich in Thüringen erfahren möchte, nur den bereits bekannten Artikel aus den 

Beiträgen zur Geschichte aus Stadt und Landkreis Nordhausen, Bd. 46 (2021), S. 63 - 85 empfehlen. Der Titel: Divine inspirationis rore perfusus? Die Klostergründung Breitenbich als Beispiel einer gescheiterten Exemtion.

Mittwoch, 1. März 2023

1Petr 3,15, Begriffsbestimmungen und Anwenderfehler

Etwas Gegenwartsgeschichte: 

Wer in ein Kloster geht, von dem sollte man annehmen, dass seine Rede und seine Antwort spezifischer ausfällt, als die eines Durchschnittskirchgängers. Man kann sich täuschen!

Frage: Was lebt man eigentlich in einem Kloster?

Antwort: Ein klösterliches Leben.

Frage: Wie gestaltet sich das?

Antwort: Wir beten und arbeiten.

Dieser fiktive und etwas überzeichnete Dialog ist nicht unsinnig. Besonders inhaltsreich aber ist er auch nicht. Er steht für Stereotypen, mit denen oft die Frage nach der Substanz abgefangen wird. Und diese oder ähnliche Worthülsen verbergen manchmal auf recht eloquente Weise, dass einer Verpackung der Inhalt fehlt. "Ja unser heiliger Vater Bernhard. - Ein weites Feld!" Gut, wenn da jemand noch weiß, dass der Bernhard mal zu uns gehörte und eventuell, dass er mehr als einen Buchmeter im Nachlass hat. Das ist schon viel wert. Bei anderen ehemaligen Zisterziensern und Zisterzienserinnen sieht es viel dünner aus.

Woran liegt das? Könnte es sein, dass die vordergründigen Abläufe eines Klosteralltags im Laufe eines Lebens das Grundanliegen absorbieren? Man kann sich gut hinter allgemeinen Formeln verstecken, wie "Leben für Christus", "Mission", Evangelisation. Passt immer! Ob es aber glaubwürdig ist oder nicht, das hat viel mit Authentizität und ganz eigenen Motiven zu tun, auch damit, ob ich einem Fragenden einfach eine möglichst 'fromme' Antwort bieten will, bei der es darum geht, gut in den Augen des Anderen anzukommen oder ob ich mich wirklich anfragen lasse. Wenn Mönche oder Nonnen nicht mehr viel über das Mönchtum wissen, einen Cassian beispielsweise gar nicht gelesen haben, aber damit winken, dass zuviel Bildung dem geistlichen Leben schadet (nur nicht dem eigenen), wenn examinierte Theologen kaum was von Klöstern wissen und wenn man sich damit, im Kloster wohnend, dann auch noch zufrieden gibt, dann bleibt nur zu hoffen, dass die äußere Welt die Werte und das Wissen irgendwie wieder in die Klöster tragen wird.

Niemand, der mit Gästen zu tun hat und gerne als Mensch unserer Zeit angesehen werden will, wird die Frage nach der klösterlichen Bildung zurückhaltend beantworten. Und doch ist diese nicht immer so überbordend, wie man es gern darstellen möchte. Zudem gibt es auch Leute, denen es so wichtig ist, nach außen hin als gebildet zu erscheinen, dass sie deshalb - soweit sie es können - aktiv verhindern, dass klösterliche Bildung Allgemeingut wird. Denn - das alte Übel des Vergleichens - wenn jemand weiter kommt in der Materie als man selbst, dann büßt man womöglich die Zuwendung von Gästen ein oder erlangt nicht mehr deren Aufmerksamkeit in dem gewünschten Maße. Im Umkehrschluss heißt dies aber dann auch, dass klösterliche Bildung oft zu einem anderen Zweck eingesetzt wird, als wofür sie da ist, nämlich zur Vertiefung des eigenen geistlichen Lebens, um dann von innen heraus Rede und Antwort zu stehen. Und weil Gäste ein seismographisches Gespür dafür haben, zu erspüren, wo geistliches Futter zu haben ist, haben manche Ordensleute ein sensibles Gen dafür, solche Entwicklungen im Nebenmann oder in der Nebenfrau zu verhindern, zum Schaden für das Ganze.

Hier noch ein lebensechter Dialog zum Nachdenken!

Frage: Was wollen wir hier vor Ort leben?

Antwort: Ein schönes Zisterzienserleben.

Frage: Das kann ich auch auf dem Mond. Was bedeutet das hier an diesem Ort?

Antwort: -

Man könnte das natürlich noch vertiefen und schlichtweg fragen: Was ist ein schönes Zisterzienserleben und worin unterscheidet es sich von anderen Orden? Es gibt Zisterzienser und Zisterzienserinnen, die tatsächlich eine Antwort darauf haben. Man muss sie in unseren Breiten aber ein bisschen suchen.

Vor allem, so hörte ich oft, lernt man klösterliches Leben in der Praxis. Dies setzt nur voraus, dass diejenigen, von denen man lernen soll, wissen, was sie leben möchten und mit ihrem Leben Antwort und Wegweiser sind. Ja, ja - die überhöhten Ansprüche!