Sonntag, 1. März 2026

Das ungemütliche und lange 17. Jahrhundert - hat es für die Zisterzienser heute etwas zu sagen?

Dreißig Jahre dauerte ein Krieg der Religionen, der im deutschsprachigen Raum die Bevölkerung gewaltig dezimierte. Noch länger hatte zuvor in Frankreich die Zeit der Hugenottenkriege gedauert. Dazu kamen Hungersnöte und Seuchen wie die Pest. Es war eine Zeit, die viel Tod brachte, obgleich wir heute bei dieser Zeit an barocke Kunst, vielleicht an Schlösser und Gärten, aber auch an viele schöne Klöster, denken. Der Personalstand in den Klöstern war vor allem in Frankreich so rapide gesunken, dass man an der Wende zum 17. Jh. über ein zentrales Ordensnoviziat nachdachte. Ordensseitig war es aber auch die Zeit der Herausbildung der Kongregationen, deren Obere in einem zu groß gewordenen Gesamtorden die Interessen regional eng zusammengehöriger Klöster (z.B. die einer Sprachgruppe oder jene unter gleicher politischer Herrschaft) besser vertreten konnten. Die deutschen Klöster, auch die portugiesischen, spanischen und italienischen, hatten wenig Interesse daran, Frankreich mit Personal auszuhelfen und deshalb auf die eigenen Berufungen zu verzichten. Dass dies eine gute Haltung war, zeigt ein von P. Gregor Müller OCist einst publiziertes Beispiel eines Mönchs, der von seinem Eintrittskloster für die Ausbildung nach Morimond geschickt wurde und dann von einem Kloster zum anderen geschickt wurde. Das Kloster, in das er einst eintrat, hat er nie wieder gesehen. Das dokumentierte Beispiel wird kein Einzelfall sein.

Im Orden tat Orientierung not. Eine Zeit, in der man äußerlich intensiv auf die Antike zurückgriff, um darin nach dem Ursprünglichen (wie auch immer) zu suchen, ließ auch nach dem Ursprünglichen in der Religion und im Mönchtum fragen und die eigene Lebensweise neu hinterfragen. Kirchlicherseits hatte das Konzil von Trient eine Richtung aufgezeigt, die es umzusetzen galt. Dann war eine Kalenderreform geschehen, um zur rechten Zeit Ostern zu feiern. Und es hatte eine verbindliche Bibelausgabe gegeben, die Vulgata Clementina, die man in den Brevieren zu nutzen  hatte. Die Auswirkungen waren enorm und stellten Fragen an die Lebensweise. Wie zu erwarten, gab es darauf verschiedene Antworten: In Frankreich hatten sich die unterschiedlichen Interessengruppen der Zisterzienser gleich zweimal gespalten. Die eine Spaltung, nämlich in die Allgemeine Observanz und in die Strenge Observanz, ist bekannt, doch wer hat schonmal etwas von Feuillanten gehört? Es gab plötzlich nicht nur Zisterzienser und jene, die nach ihrem wichtigsten Kloster La Trappe später Trappisten genannt wurden, sondern auch jene, die analog nach dem Kloster Notre Dame des Feuillans in Südfrankreich eben Feuillanten hießen. Sie waren die eigentlichen Hardliner des Ordens, die Supermonasten: nur vier Stunden Schlaf, Essen auf den Knien ohne Tische im Refektor, ein Nachtlager aus Brettern mit einem Stein als Kopfkissen (Quelle dazu Wikipedia: Feuillanten - viel Literatur gibt es nicht darüber) - voll cool für die Jugend. Viel Zulauf, so auch Interesse in Rom. Sie wurden schon 1581 zur eigenen Kongregation, 1595 als solche der Jurisdiktion des Generalkapitels entzogen. Bei dieser Gelegenheit durften eigene Konstitutionen ausgearbeitet werden, bei denen - man staune (!)  - doch tatsächlich erste Milderungen eingeführt wurden [um hier Genaueres zu erfahren, müsste man sich direkt zum Quellenstudium begeben]. Ungebrochen der Zulauf. Noch einmal ca. 30 Jahre später folgten weitere Anpassungen der Konstitutionen. Ja - man muss wohl manchmal ein bisschen älter werden, um zu merken, wo man den Mund zu voll genommen hat. Solcherart Demut schadet nicht. Aber bis das Leid der Älteren in der Leitungsebene Aufmerksamkeit erlangte, werden wohl viele der einstigen Heroen jämmerlich dahinvegetiert sein. 

Eine Lehre daraus wage ich zu formulieren. Es ist leichter und interessanter, auch narzistischer, bei Extremen mitzumachen und sie für alle als Norm einzufordern, als ein einfaches monastisches Gebets- und Arbeitsleben treu und beständig mit seinen Höhen und Tiefen lebenslang durchzuhalten. Letzteres, wenn es authentisch gelebt wird, hat die größere Nachhaltigkeit (Feuillanten gibt es seit über 200 Jahren nicht mehr. In Deutschland gab es sie meines Wissens überhaupt nicht.).

Die Jahre des 17. Jh. waren vor allem in Frankreich und Italien auch ein Krieg der Observanzen. Und Relikte aus dieser Zeit haben Auswirkungen auf heute. Wenn man recht entscheiden will, sollte man das auch wissen. 

1) Zwischen 1628 und 1651 fand kein Generalkapitel der Zisterzienser der Allgemeinen Observanz statt. Das bedeutet: Bücher, die in diesem Zeitraum gedruckt und herausgegeben wurden, hatten nicht die Autorität des höchsten Gremiums des Ordens.

2) Gerade bei Fragen von Riten und Gebräuchen stützt man sich gern auf noch vorhandene alte Bücher, die man dann auch fein mit Jahreszahl zitieren kann. Vorsicht: Nicht überall, wo Zisterzienserorden draufsteht, ist auch etwas vom Orden drin. Man sollte auch die historischen Feinheiten beachten: Wenn z.B. ein Kardinal de Richelieu (wer den nicht kennt, denke bitte an den Film von den 3 Musketieren) als Generalabt des Zisterzienserordens 1643 ein neues zisterziensisches Rituale drucken ließ, so ist es niemals approbiert worden und war auch nicht lang in Gebrauch, obwohl der Titel es als zisterziensich ausweist. Es wäre fatal, wenn man eine solche Schrift, eines Menschen, der von der Allgemeinen Observanz gar nichts hielt, heute dazu benutzt, mit dieser Referenz neue Zisterziensernorm auf Basis einer angeblichen alten zu schaffen.

3) Wer von Kardinal Bona als einem großen Zisterzienser spricht, möge wissen, auch wenn er aufgrund seiner wunderbaren Schriften über Liturgie im Orden gelesen wurde, dass er nicht Zisterzienser im eigentlichen Sinn war, denn er trat bei den Feuillanten ein, und dies nach der Trennung von 1595. Auch wenn der Oberbegriff für all diese Kongregationen "Zisterzienserorden" war, für die Trappisten sogar bis 1898, so war die Trennung im Blick auf die Feuillanten immerhin so stark, dass wir der ablehnenden Haltung des Kardinal Bona um Haaresbreite den Verlust einer Sache verdankt hätten, die wir heute als Schatz bewahren: unser Zisterzienserbrevier, basierend auf der Version von Claude Vaussin von 1656. Nachzulesen ist das wiederum bei P. Gregor Müller in der CisterzienserChronik.

4) Müssen wir als Orden, der sich - zugegebenermaßen - auch selbst lieber in seiner Glanzzeit, dem 12. Jahrhundert, sonnt und spiegelt, eine Entwicklung wiederholen, weil sie niemand mehr kennt? Wenn Menschen wissen, warum sie in diesem Orden mit welcher Intention unterwegs sind, laufen sie von ganz allein, weil sie ein Ziel haben. Dieses Ziel muss zwingend ein Ziel des Ordens sein, denn zum Heiland kann man auch außerhalb des Ordens als Christ unterwegs sein. Was versteht die breite Masse der Ordensmitglieder unter dem sogenannten Ursprungscharisma? Und auf welche Weise passt dieses Konzept zum konkreten Kloster und bringt seine spezifische Ausdrucksform hervor? Das wäre eine echte Hausaufgabe für viele Gemeinschaften. Ein Einzelner kann immer schlau und gedrechselt etwas über dieses Gründungscharisma herumschwatzen, wenn er dazu etwas sagen muss. Mir erscheint wichtiger, was eine Gemeinschaft darunter versteht, denn damit steht und fällt, wohin der Einzelne in seiner Gemeinschaft unterwegs ist. Freund, wozu bist du gekommen? [Motto des nächsen Generalkapitels], ist schnell gefragt. Aber: Freunde, warum seid ihr da?, braucht auch eine stimmige und vor allem einstimmige Antwort.

[Bei Gelegenheit folgen die genaueren Angaben zu P. Gregor Müller. Für Eilige und Neugierige ca. 1916/17.]

Dienstag, 17. Februar 2026

Die Kreativität des Überlebenwollens

Man kann vielleicht entschuldigend sagen, dass das Bedienen voyeuristischer Bedürfnisse externer Personen in Notzeiten auch ein Weg ist, das eigene Überleben zu sichern. Mehr und mehr bin ich überzeugt, dass es ein enormes Bedrängtsein von außen war, das dazu führte, einen nachgefragten religiösen Topartikel, den Liber specialis gratiae der Mechtild von Hakeborn, noch anderweitig aufzuwerten, um ein weniger frommes, dafür aber recht neugieriges Klientel zum Kauf des Werkes zu animieren. 

Darin sehr aktiv war eine der beiden Schreiberinnen, die sich im Werk manchmal recht autoritär zeigt und in Buch fünf explizit die Gabe der geistgewirkten Offenbarung auch für die Schreibenden reklamiert, die also vermutlich ein Leitungsamt inne hatte. Vielleicht war es ja die amtierende Priorin. Ex-Äbtissin Sophia von Mansfeld hatte ja für ein paar Jahre keine Nachfolgerin, da der Konvent ihre Resignation nicht akzeptieren wollte. 

Manche Gehorsamsforderungen erfordern einfach eine hohe Autorität. Auch ist es wohl kaum einem Konventsmitglied gestattet, ohne die Erlaubnis seitens der Oberen Messen in großer Zahl bei auswärtigen Priestern zu bestellen, wie in Buch fünf beschrieben. Und hätte man dies aus irgendeinem Grund in eigener Regie über Verwandte bewerkstelligt, so empfahl es sich doch, dies nicht an die große Glocke zu hängen, um nicht gemaßregelt zu werden. Soetwas verlangte zwingend nach dem dazu nötigen Handlungsspielraum, der, so öffentlich, wie das in Buch fünf geschildert ist, nur einem Menschen mit Leitungsamt gegeben ist. Und auf den Schultern genau dieser Person hätte - bei indisponierter Äbtissin - auch die Obsorge für die Belange des Klosters im weitesten Sinne gelegen. Ein Konvent unter Interdikt, konnte keine Messstiftungen entgegennehmen, also auch nichts einnehmen, weil ja keine Messen gefeiert werden durften. Diese andernorts zu stiften, ging vielleicht schon. Zudem war die jährlich wiederkehrende Memoria bereits lange zuvor getätigter Stiftungen unter Interdikt problematisch umzusetzen. Für Eintrittsplanungen seitens des Adels war ein Interdikt, wenn es sich in die Länge zog, auch problematisch. Wie war einer solchen Not zu begegnen, die erhebliche finanzielle Einbußen brachte und zugleich wegen enormer Geldforderungen bestand, die mit der Länge der Zeit, sollte man doch einlenken müssen, immer gravierender zu Buche schlug? - Ich glaube, dies ist der äußere Kontext, der im Spätsommer des Jahres 1195 dazu führte, Mechtilds Buch zu ergänzen, indem man im Blick auf das Buch als anzubietende Gabe für das kommende Weihnachtsfest, in das schon Vorhandene des Werkes noch unterhaltsame Informationen vom zurückliegenden Weihnachtsfest einfügte. Zum Beispiel: Was wurde gegessen? Aus welchem Geschirr wurde gespeist? Welche Kleidung trugen die hohen Gäste? - Und: Das Interesse war da!

 

Sonntag, 15. Februar 2026

Vergessene Wurzeln

Zisterzienserklöster haben das Filiationsprinzip. Rein hierarchisch gesehen, vergisst da ein Untergebener nicht seinen Weisungsbefugten. Zisterzienserinnenklöster haben zwar mitunter eine Abstammungslinie, jedoch ein Filiationsprinzip haben sie nicht. Auch wenn ein Pater immediatus vom Orden gestellt wurde, war dies kein gleichbedeutender Ersatz, da das Herkunftskloster als Frauenkloster damit ja nichts zu tun hatte. 

Wo immer Gründungsschwestern auch herkamen - so dies nicht irgendwo aktenkundig gemacht wurde, ging das Wissen mit dem zeitlichen Abstand dahin. Für die Pflege einer Herkunftsbeziehung bedurfte es eines darüber hinausgehenden Grundes, sonst riss sie ab. 

Wielange soetwas dauerte? Daten darüber gibt es nicht. Und Gründe? Solange die Gründerschwestern lebten, wussten diese natürlich auch noch, woher sie kamen. Auch die nachfolgende Generation hatte dieses Wissen noch. Doch schon hier, sofern bei größerer Entfernung nicht weitere Schwestern von dort eintraten, was wohl eine Seltenheit war, kam der monastischen Herkunft bereits der Stellenwert einer reinen Information zu, die im monastischen Alltag keinerlei praktische Bedeutung hatte. Herkunft hatte auch im Kloster etwas mit Familie und Stand zu tun. Herkunftsbeziehungen waren also zumeist dynastische Beziehungen. Die dynastische Bedeutung des Herkunftsklosters wäre ein Grund gewesen, es sich zu merken, als Teilhabe an dessen Bedeutung. Handelsbeziehungen zwischen überregionalen Konventen schufen zwar auch Kontakte, doch in diesem Fall konnte die Handelsbeziehung, also das Einander-brauchen, wichtiger sein als das Voneinander-abstammen. Die hauptsächlichsten und damit dauerhaftesten Kontakte liefen bei aller gepflegten persönlichen Korrespondenz immer über die Leitungsebene. Jede persönliche Briefkommunikation brach ja zumeist mit dem Tod der Briefpartner ab, reichte also kaum über eine Generation.

Man pflegte seine Stiftermemoria. Solange die Stifterfamilie lebte, legte diese auch großen Wert darauf. Beim frühen Aussterben und dem Übergang in einen anderen Herrschaftsbereich, konnte auch diese einmal verloren gehen. Zudem waren Landesgrenzen markante Barrieren, die intermonastere Beziehungen erschwerten. Man identifizierte sich mit seinem Land und dessen Gepflogenheiten. Auch dies ist ein Grund, wieso Wurzeln abreißen konnten, wenn größere Distanzen zwischen Mutter- und Tochterkloster lagen.

Auch die jeweilige Bistumszugehörigkeit legte Verpflichtungen auf. Man konnte, wenn das Herkunftskloster zu einem anderes Bistum gehörte, nicht einfach alle religiösen Festbräuche beibehalten. Zudem gab es große Veränderungen mit den gesamtkirchlichen Liturgiebestimmungen im Kontext des Tridentinischen Konzils und den Entwicklungen und Umsetzungen im Jahrhundert danach. Welcher Mensch und welche Gemeinschaft möchte nicht mit der Zeit gehen? Da konnte schon vieles verloren gehen, weil nämlich auch die alten liturgischen Bücher weitgehend zu Müll wurden oder einer Zweitverwendung oblagen. Jedenfalls wurde bei Visitationen genau kontrolliert, was man so betete und wen man wie verehrte. Auch hier rissen Traditionen ab. Nicht zu sprechen von Dokumentenverlusten zu unterschiedlichsten Anlässen über die Zeit. Mit Archivalien aus Frauenklöstern ging man weniger sorgfältig um, da man ihnen nur geringe Bedeutung beimaß. Sicher gibt es noch weit mehr Gründe, die solche Folgen nach sich zogen. 

Kann eine Frau denn ihren Säugling vergessen, / eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Jes 49,15 - Auf der Ebene der Frauenklöster hat solches Vergessen in beiden Richtungen stattgefunden. 

Samstag, 11. Januar 2025

Bodenhaftung - ein Baum ohne Wurzeln ist Brennholz

Es ist sicher unumstößlich, zu sagen, dass zisterziensische Spiritualität und Lebensweise durch die Jahrhunderte eigene Akzente gesetzt hat, und doch wird jeder, der sich in der Materie auskennt, ganz sicher nicht behaupten wollen, dass da nicht auch Entwicklungen, Veränderungen und Anpassungen stattgefunden haben. Eine Etablierung vor Ort, wo auch immer, setzte voraus, dass eine gewisse Integration in das lokale Sozialgefüge stattfand. Damit verbunden waren auch Rücksichtnahmen und Individualitäten, die das Spezifikum einer konkreten Gemeinschaft ausmachen - heute natürlich vielfach historisch gewachsen und als Brauchtum gepflegt. 

Die Vorstellung, dass Uniformität eine Gleichheit in allen Dingen zeitigte, ist wohl schon immer Wunschdenken gewesen. Und während die Geschichtsschreibung mehr und mehr davon abrückt, sind manche Ordensleute gerade erst dort angekommen, finden das schön, und suchen - da alle Gemeinschaften kleiner werden - nun eine solche Lösung anzustreben, um Gemeinschaften und Standorte am Leben zu erhalten. 

Wenn alle überall das gleiche tun, dann kann weltweit auch ausgetauscht werden, dann können Ordensmitglieder anderer Regionen, eine fremde Sprache einfach in einem anderen Konvent lernen, verstärken gleichzeitig den Personalstand, dort, wo es bedrohlich wackelt - ja - das ist durchaus eine überbrückende Lösung.

Und die Kehrseite? Sich das vor Ort ausbleibende "Personal" woanders zu leihen, kann aber auch entwurzeln. Ein Märchenschloss kann ich in jeden Freizeitpark hineinbauen. Klöster brauchen essenziell das lokale Eingebundensein und eine Bedeutung für das Sozialgefüge vor Ort. In dem Moment, in dem ein Kloster sich selbst genügt oder das Hören auf Veränderungen nicht ernst genug nimmt, wo man als Ordenschrist nicht mehr genau sagen kann, warum man ein christliches Leben nun ausgerechnet in "Verkleidung" und mit einem Wohnsitz in einem historischen Gebäude führen möchte, oder wo man in Überanpassung an ein "Draußen" das "Drinnen" vernachlässigt und dann eigentlich wirklich nur eine historische Dekoration darstellt, ist die Zugkraft dahin. 

Auch der Blick von außen ist manchmal nötigend und gewaltsam entwurzelnd. Da versuchen regionale Entwicklungsmanager die "Marke Kloster" zu entwickeln, weil Klöster nunmal durchaus touristisch attraktiv sind und als Wirtschaftsfaktoren ausgeschlachtet werden können, ganz besonders dann, wenn da noch ein paar Nönnchen oder Mönchlein im Habit herumtanzen. Man müsse dieses oder jenes tun und wehe, wenn nicht. Sie vergessen dabei, dass dies nicht der Zweck eines Klosters ist. Religiosität ist zur skurrilen Nebensache geworden und etwa so spannend wie der Blick auf einen echten Indianer in seinem Reservat. Klosterkultur aber ist von innen her als Antwort auf Zeitgeschehen entstanden.

Das Eigene bewahren, stellt aber heute durchaus die Frage, was das Eigene ist, sowohl zentral, als auch lokal. Es mag reizvoll erscheinen und fantastisch, auf Gebräuche des 12. Jahrhunderts zurückzugreifen, plötzlich wieder alles in Latein zu singen (das allerdings die hiesige Mehrheit auch intern nicht mehr versteht, dafür aber internationale Integration erleichtert). Aber wer möchte gerne aus Buße heute noch barfuß herumlaufen und bei Wasser und Brot fasten? Wer möchte in einem Haus weitgehend ohne Heizung wohnen und seine Nostalgie bis hin zu einem Plumpsklo treiben? Das wäre dann die Extremvariante der Rückkehr zum Ursprung. Und wieviel Kokettieren mit der Armut tut auch den Insassen eines Klosters noch gut? Sagt doch Benedikt: Jedem wurde so viel zugeteilt, wie er nötig hatte (RB 34,1/ Apg 4,35). Das alles sind Fragen, die ein Heute betreffen. Was ich diesem Orden wünsche, ist ein sensibles Hören, nach innen wie nach außen.

Montag, 6. Januar 2025

Besuche, Einquartierungen und Verluste und der Blick von heute auf historische Buchbestände

Stellen Sie sich einmal vor, Sie sind Offizier in einem frühneuzeitlichen Heer, humanistisch gebildet, an Büchern und Literatur interessiert und werden im Rahmen kriegerischer Handlungen mit ihrem Truppenkontingent in einem bis dato klausurierten Frauenkloster einquartiert, deren Insassen geflohen sind, wie beispielsweise oft im 30jährigen Krieg passiert. Sie besichtigen das menschenleere Haus, darunter auch die Bibliothek, die Sie interessiert durchstöbern. Aufgrund der Gunst der Stunde ist gerade alles greifbar und auch mitnehmbar: Was nehmen Sie mit und was lassen Sie stehen?

Ein damaliger Durchschnittsmensch, gleich welchen Standes, wird vermutlich das anderweitig noch Verwertbare mitgenommen haben, also Bücher, deren Äußeres auf einen hohen Wert schließen ließen oder - bei den gebildeten Insidern und Sammlern - jene mit seltenem oder interessantem Inhalt. 

Was blieb dann aber in einer solchen Bibliothek zurück? - Genau! - das aus weltlicher Perspektive  "fromme Zeug" das ohnehin nur eine Nonne lesen würde oder - pflichtgeschuldet - musste, das, was ein fürsorglicher Oberer oder Beichtvater, je nachdem wie seine eigene Spiritualität geartet war, empfahl oder verordnete, und das, was zeitbedingte Pflichtlektüre in kirchlichen Häusern war und jeweils nur eine eng umrissene temporäre Spanne oder eine konkrete Amtszeit höherer Oberer umfasste.

Stellen Sie sich nun andererseits vor, Sie sind ein wichtiger Vertreter Roms in der Zeit ab dem Baseler Konzil, gleichfalls Liebhaber von allem, was im weitesten Sinne geistreich und schön ist, ausgestattet mit Macht und in irgendeiner die Nonnen betreffenden Angelegenheit Gast im Kloster. Sie lassen sich alles aufmerksam zeigen, wollen es natürlich auch sehen. Würde Ihnen die Äbtissin des Hauses, wenn Sie eine entsprechende Bitte nach einem besonderen Werk nachdrücklich äußerten, diese abgeschlagen haben, wenn von Ihrem Wort in Rom etwas abhängen würde, das die Zukunft der Gemeinschaft empfindlich tangierte? - Wohl kaum. Auch hier geschah Verlust, so man etwas unvorsichtig begierigen Blicken aussetzte oder jemand davon Kenntnis gegeben hatte.

Solchen unterschiedlich gearteten Verlustwellen folgte dann noch die Säkularisation, die einen weiteren Einschnitt in die bis dahin historisch gewachsenen Bestände setzte, egal ob man Verluste nun nach Ausstattung oder Inhalt beschreiben möchte. 

Und nun blicken Sie sich heute, im 21. Jahrhundert, das Relikt eines historischen Buchbestandes eines ehemaligen Frauenklosters an: Es ist vom Inhalt her ungefähr die fromm-erbauliche Buchproduktion von Männern des 16. und 17. Jahrhunderts, die diese eigens für den Absatz in Frauenklöstern verfassten, nebst einem Zentner Andachtsbüchlein, und auch noch - so scheint es - jeweils für jede Schwester ein Exemplar, sofern der Bücherwurm über die Jahrhunderte nicht fleißig war. Möge, was davon fehlt, ihm gut geschmeckt haben! Ist das aber nun das, was die Frauen auch wirklich gelesen haben? Natürlich auch. Doch: Jenseits jeglicher Gebrauchsliteratur für bestimmte Alltagsarbeiten (z.B. Medizin, Veterinärmedizin, Pharmazie, Land- und Forstwirtschaft, Geografie und Historie)? Und nur, weil kein 'Parzival' mehr vorhanden ist - hat es ihn dann auch gar nicht erst in einer solchen Bibliothek gegeben? Ich will hier nur sagen: Vorsicht! 

Die Tatsache, dass es heute nicht mehr viel Differenzierung in solchen Beständen gibt, kann auch etwas mit einer großen Überlieferungslücke zu tun haben. Zudem haben Beurteilungen von Beständen in ihren gewonnenen Rückschlüssen auch ganz sicher etwas mit dem Bild zu tun, das sich ein heutiger Autor - zumeist am Schreibtisch für zwei wichtige Karrierebuchstaben tätig - aus der Literatur von der Materie gemacht hat, im Verein mit der vorgefassten Einstellung zum Thema Nonnenleben. Nicht immer ganz richtig! - Soweit ein kleiner Kommentar zu einem Text über Nonnenliteratur, den ich gerade lese.


Montag, 26. Februar 2024

Diverse Entwicklungsstränge bei der Entstehung von OCist-Frauenklöstern aus Altersgründen?

Beeindruckt hat mich schon immer die Aussage des Hermann von Tournai über das Zisterzienserinnenkloster Montreuil im damaligen Bistum Laon, über Wurzeln rodende Frauen mit hohem geistlichen Anspruch und charismatischem Erfolg. Doch dann ist da als Gegenbild das krisengeschüttelte Jully, mit den Damen, die aus Molesme auszogen und sich ihrer Dienerschaft entledigen mussten, bei denen es hernach so kriselte, dass ein Teil nach Tart ging und sich ein anderer mit der Priorin nach Larrey absetzte, um ein eigenes Priorat zu sein, sodann das Engagement von vier Zisterzienseräbten um 1128, die mit dem zuständigen Benediktinerabt eine neue Regel für den Restkonvent von Jully ausarbeiteten, bevor es endlich unter Aufgabe der Handarbeit und Klausurverschärfung Ruhe gab. Die große Frage: warum?

Waren die einen eine verschworene homogene Gemeinschaft, in der alle am gleichen Strang in die gleiche Richtung zogen und die anderen vielleicht nicht? Möglich. Die Abspaltung von so differenten Lebensmodellen wie Tart, das die Richtung des nach ihm erst gegründeten Montreuil vertritt und Larrey, das im Grunde ein Benediktinerinnenkloster nach herkömmlicher Ordnung war, zeigt eine große Diversität des Wollens verschiedener Kräfte im gleichen Konvent. Und dann sind da ja noch diejenigen, die am Ort blieben, für die eine neue Regel ausgearbeitet wurde, die sich hart von Tart absetzte, sich aber auch nicht voll in die Richtung von Larrey bewegte, sondern zisterziensische Elemente durchaus beibehielt und sich nur von der Handarbeit deutlich distanzierte.

Wollte man mit Hermann von Tournai sagen: "Alles kann, wer glaubt." so folgte daraus, wieso denn die Nonnen von Jully dann so kleinmütig und kleingläubig gewesen waren. Doch so einfach ist es wohl nicht.

Gewöhnlich hat man jüngere Konvente zu einer Neugründung ausgesandt, die dann auch bald jungen und dynamischen Zulauf hatten. Zwar hatte Jully in den ersten zwei Dekaden des 12. Jahrhunderts enormen Zulauf, die Ausgliederung des rasch gewachsenen Konvents aus dem Doppelkloster Molesme, schob aber auch die älteren Damen von dort ins neue Ordenshaus ab. Die Umstellung für sie muss enorm gewesen sein. Zwischen den Begeisterten für den neuen Orden der Zisterzienser und ihrer Gebräuche, jenen, die es den Männern gleichtun wollten und denen, die sich erst einmal in der neuen Situation ohne Bedienstete und infolgedessen Handarbeit zurecht finden mussten, wird nicht nur eine verschiedene Sicht von monastischem Leben beinhaltet haben, sondern wohl auch eine Altersdifferenz. So könnte ein Generationskonflikt die ersten Abspaltungen bewirkt haben.

Für junge Leute ist das Austesten körperlicher Grenzen etwas, mit dem sie sich auch selbst etwas beweisen wollen. Sie waren die Heldinnen von Tart und Montreuil. Dass mit Larrey erstmals ein Kreis gesetzterer und wenig extrem gesinnter Damen sich abspaltete, steht zu vermuten. Die Zurückbleibenden werden die Unentschlossenen gewesen sein, die einerseits das Neue des zisterziensischen Weges nicht verraten wollten, deren körperliches Kräftepotential wohl auch noch ausreichte, die  andererseits aber eine gemäßigtere Ausrichtung für Frauen ohne die Preisgabe zisterziensischer Werte erwogen. Für sie, die offenbar zahlenmäßig keine kleine Gruppe waren, wurde die Neuregelung der Äbte zu einer verbindlichen Lösung. Denn wer will schon als Frau mit über fünfzig tagtäglich mit einer Axt im Felde stehen und Wurzeln roden? 

Die Problematik dürfte auch die relative Plötzlichkeit der Umstellung für den inhomogenen Konvent von Jully gewesen sein. Die Gründergruppe von Tart wird mit den Jahren zwar auch älter und schwächer geworden sein. Doch wenn ein gleichgesinnter Stamm von Personen seine Kräfte schwinden sieht, tritt ein gemeinsames Überlegen und Umorganisieren in Kraft, das ressourcenschonend ist, ohne geschätzte Werte über Bord zu werfen. Diese Entwicklungsmöglichkeit war Jully nicht in gleichem Maße gegeben.

Samstag, 23. Dezember 2023

Besser beabsichtigt, schlechter geworden

Bei einem Wiederabdruck könnte man vieles optimieren. Manchmal geht es voll daneben. 

Einem Autor tut das weh. Im Jahre 2021 hatte ich in einem Band eines regionalen Heimatvereins etwas über ein Kloster geschrieben, das nur drei Jahre nach der Gründung wieder verschwand und nach weiteren 14 Jahren wieder auf der Weltbühne erschien. Für diesen Artikel wurde eine Wiederabdrucksgenehmigung erbeten - nicht von mir selbst, ich habe mich aber auch nicht entgegen gestellt. Nun ist der Wiederabdruck erschienen: Ein OCR - Scan mit vielen Lesefehlern, und dies, obwohl ich mir die Mühe gemacht hatte, alle Fehler in diesem Scan, nachdem er mir vorgelegt worden war, nochmal zu korrigieren. Eine Wiedervorlage nach Korrektur erfolgte nicht. Bilder sind eingefügt, bei manchen mit Verweis auf ein Kurzporträt in einem Kästchen, das dann aber nicht existiert. An einer Stelle ist aus "scriptum" "scriotum" geworden - traurig, aber wahr. So kann ich, wer etwas über das Zisterzienserinnenkloster Breitenbich in Thüringen erfahren möchte, nur den bereits bekannten Artikel aus den 

Beiträgen zur Geschichte aus Stadt und Landkreis Nordhausen, Bd. 46 (2021), S. 63 - 85 empfehlen. Der Titel: Divine inspirationis rore perfusus? Die Klostergründung Breitenbich als Beispiel einer gescheiterten Exemtion.