Dreißig Jahre dauerte ein Krieg der Religionen, der im deutschsprachigen Raum die Bevölkerung gewaltig dezimierte. Noch länger hatte zuvor in Frankreich die Zeit der Hugenottenkriege gedauert. Dazu kamen Hungersnöte und Seuchen wie die Pest. Es war eine Zeit, die viel Tod brachte, obgleich wir heute bei dieser Zeit an barocke Kunst, vielleicht an Schlösser und Gärten, aber auch an viele schöne Klöster, denken. Der Personalstand in den Klöstern war vor allem in Frankreich so rapide gesunken, dass man an der Wende zum 17. Jh. über ein zentrales Ordensnoviziat nachdachte. Ordensseitig war es aber auch die Zeit der Herausbildung der Kongregationen, deren Obere in einem zu groß gewordenen Gesamtorden die Interessen regional eng zusammengehöriger Klöster (z.B. die einer Sprachgruppe oder jene unter gleicher politischer Herrschaft) besser vertreten konnten. Die deutschen Klöster, auch die portugiesischen, spanischen und italienischen, hatten wenig Interesse daran, Frankreich mit Personal auszuhelfen und deshalb auf die eigenen Berufungen zu verzichten. Dass dies eine gute Haltung war, zeigt ein von P. Gregor Müller OCist einst publiziertes Beispiel eines Mönchs, der von seinem Eintrittskloster für die Ausbildung nach Morimond geschickt wurde und dann von einem Kloster zum anderen geschickt wurde. Das Kloster, in das er einst eintrat, hat er nie wieder gesehen. Das dokumentierte Beispiel wird kein Einzelfall sein.
Im Orden tat Orientierung not. Eine Zeit, in der man äußerlich intensiv auf die Antike zurückgriff, um darin nach dem Ursprünglichen (wie auch immer) zu suchen, ließ auch nach dem Ursprünglichen in der Religion und im Mönchtum fragen und die eigene Lebensweise neu hinterfragen. Kirchlicherseits hatte das Konzil von Trient eine Richtung aufgezeigt, die es umzusetzen galt. Dann war eine Kalenderreform geschehen, um zur rechten Zeit Ostern zu feiern. Und es hatte eine verbindliche Bibelausgabe gegeben, die Vulgata Clementina, die man in den Brevieren zu nutzen hatte. Die Auswirkungen waren enorm und stellten Fragen an die Lebensweise. Wie zu erwarten, gab es darauf verschiedene Antworten: In Frankreich hatten sich die unterschiedlichen Interessengruppen der Zisterzienser gleich zweimal gespalten. Die eine Spaltung, nämlich in die Allgemeine Observanz und in die Strenge Observanz, ist bekannt, doch wer hat schonmal etwas von Feuillanten gehört? Es gab plötzlich nicht nur Zisterzienser und jene, die nach ihrem wichtigsten Kloster La Trappe später Trappisten genannt wurden, sondern auch jene, die analog nach dem Kloster Notre Dame des Feuillans in Südfrankreich eben Feuillanten hießen. Sie waren die eigentlichen Hardliner des Ordens, die Supermonasten: nur vier Stunden Schlaf, Essen auf den Knien ohne Tische im Refektor, ein Nachtlager aus Brettern mit einem Stein als Kopfkissen (Quelle dazu Wikipedia: Feuillanten - viel Literatur gibt es nicht darüber) - voll cool für die Jugend. Viel Zulauf, so auch Interesse in Rom. Sie wurden schon 1581 zur eigenen Kongregation, 1595 als solche der Jurisdiktion des Generalkapitels entzogen. Bei dieser Gelegenheit durften eigene Konstitutionen ausgearbeitet werden, bei denen - man staune (!) - doch tatsächlich erste Milderungen eingeführt wurden [um hier Genaueres zu erfahren, müsste man sich direkt zum Quellenstudium begeben]. Ungebrochen der Zulauf. Noch einmal ca. 30 Jahre später folgten weitere Anpassungen der Konstitutionen. Ja - man muss wohl manchmal ein bisschen älter werden, um zu merken, wo man den Mund zu voll genommen hat. Solcherart Demut schadet nicht. Aber bis das Leid der Älteren in der Leitungsebene Aufmerksamkeit erlangte, werden wohl viele der einstigen Heroen jämmerlich dahinvegetiert sein.
Eine Lehre daraus wage ich zu formulieren. Es ist leichter und interessanter, auch narzistischer, bei Extremen mitzumachen und sie für alle als Norm einzufordern, als ein einfaches monastisches Gebets- und Arbeitsleben treu und beständig mit seinen Höhen und Tiefen lebenslang durchzuhalten. Letzteres, wenn es authentisch gelebt wird, hat die größere Nachhaltigkeit (Feuillanten gibt es seit über 200 Jahren nicht mehr. In Deutschland gab es sie meines Wissens überhaupt nicht.).
Die Jahre des 17. Jh. waren vor allem in Frankreich und Italien auch ein Krieg der Observanzen. Und Relikte aus dieser Zeit haben Auswirkungen auf heute. Wenn man recht entscheiden will, sollte man das auch wissen.
1) Zwischen 1628 und 1651 fand kein Generalkapitel der Zisterzienser der Allgemeinen Observanz statt. Das bedeutet: Bücher, die in diesem Zeitraum gedruckt und herausgegeben wurden, hatten nicht die Autorität des höchsten Gremiums des Ordens.
2) Gerade bei Fragen von Riten und Gebräuchen stützt man sich gern auf noch vorhandene alte Bücher, die man dann auch fein mit Jahreszahl zitieren kann. Vorsicht: Nicht überall, wo Zisterzienserorden draufsteht, ist auch etwas vom Orden drin. Man sollte auch die historischen Feinheiten beachten: Wenn z.B. ein Kardinal de Richelieu (wer den nicht kennt, denke bitte an den Film von den 3 Musketieren) als Generalabt des Zisterzienserordens 1643 ein neues zisterziensisches Rituale drucken ließ, so ist es niemals approbiert worden und war auch nicht lang in Gebrauch, obwohl der Titel es als zisterziensich ausweist. Es wäre fatal, wenn man eine solche Schrift, eines Menschen, der von der Allgemeinen Observanz gar nichts hielt, heute dazu benutzt, mit dieser Referenz neue Zisterziensernorm auf Basis einer angeblichen alten zu schaffen.
3) Wer von Kardinal Bona als einem großen Zisterzienser spricht, möge wissen, auch wenn er aufgrund seiner wunderbaren Schriften über Liturgie im Orden gelesen wurde, dass er nicht Zisterzienser im eigentlichen Sinn war, denn er trat bei den Feuillanten ein, und dies nach der Trennung von 1595. Auch wenn der Oberbegriff für all diese Kongregationen "Zisterzienserorden" war, für die Trappisten sogar bis 1898, so war die Trennung im Blick auf die Feuillanten immerhin so stark, dass wir der ablehnenden Haltung des Kardinal Bona um Haaresbreite den Verlust einer Sache verdankt hätten, die wir heute als Schatz bewahren: unser Zisterzienserbrevier, basierend auf der Version von Claude Vaussin von 1656. Nachzulesen ist das wiederum bei P. Gregor Müller in der CisterzienserChronik.
4) Müssen wir als Orden, der sich - zugegebenermaßen - auch selbst lieber in seiner Glanzzeit, dem 12. Jahrhundert, sonnt und spiegelt, eine Entwicklung wiederholen, weil sie niemand mehr kennt? Wenn Menschen wissen, warum sie in diesem Orden mit welcher Intention unterwegs sind, laufen sie von ganz allein, weil sie ein Ziel haben. Dieses Ziel muss zwingend ein Ziel des Ordens sein, denn zum Heiland kann man auch außerhalb des Ordens als Christ unterwegs sein. Was versteht die breite Masse der Ordensmitglieder unter dem sogenannten Ursprungscharisma? Und auf welche Weise passt dieses Konzept zum konkreten Kloster und bringt seine spezifische Ausdrucksform hervor? Das wäre eine echte Hausaufgabe für viele Gemeinschaften. Ein Einzelner kann immer schlau und gedrechselt etwas über dieses Gründungscharisma herumschwatzen, wenn er dazu etwas sagen muss. Mir erscheint wichtiger, was eine Gemeinschaft darunter versteht, denn damit steht und fällt, wohin der Einzelne in seiner Gemeinschaft unterwegs ist. Freund, wozu bist du gekommen? [Motto des nächsen Generalkapitels], ist schnell gefragt. Aber: Freunde, warum seid ihr da?, braucht auch eine stimmige und vor allem einstimmige Antwort.
[Bei Gelegenheit folgen die genaueren Angaben zu P. Gregor Müller. Für Eilige und Neugierige ca. 1916/17.]