Mittwoch, 15. April 2026

Henne oder Ei - wann ist eine Handschrift fertig?

Zum Liber specialis gratiae habe ich mich schon hier und da auch publikatorisch geäußert. Diverse Beschreibungen geben an, dass das Werk aus sieben Büchern besteht. Nun, das kann man nachkontrollieren - es stimmt. Doch zudem gibt es soviele Handschriften, Fragmente und Textversionen, dass sich bis heute niemand an eine kritische Ausgabe herangetraut hat. 

Zwar bin ich keine Expertin in Sachen Handschriftenkunde, doch liebe ich dieses Buch und beschäftige mich schon sehr lange damit. Daher bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es bei diesem Buch nicht zielführend ist, von Vollständigkeit einer Handschrift zu sprechen, wenn alle sieben Bücher da sind. Ich glaube, dass das Werk stückweise auf den "Markt" bzw. zunächst auch in unterschiedliche Nutzerkreise gelangte, und dass anfangs auch niemand wusste, wieviele Bücher es am Ende werden. Daher halte ich es für äußerst nützlich, sich mit den Überlieferungen der Handschriftengruppen B, C (nach Ziegler) und D (nach Hubrath) intensiver zu beschäftigen, als mit den Werken der Gruppe A.

Nur Buch eins des Liber ist ein Liturgiekommentar (eine Textgattung, die Barbara Newman erstmals bei diesem Werk erkannte), und auch der ist m. E. sekundär "gestreckt" oder "aufgefüttert" worden. Wichtig erscheint mir hier die Reihenfolge der Kapitel und die Auslassungen in den einzelnen Gruppen. Sicher, man kann Texte nachträglich neu ordnen oder etwas dazwischen schieben. Es könnte ja aber auch sein, dass eine ursprünglich andere Reihung von Textabschnitten mit deutlich weniger Kapiteln und Text darin als eigener Überlieferungsstrang überlebt hat und deshalb als solcher nicht wahrgenommen wird, weil ein Werk mit sieben Büchern und 47 Kapiteln im ersten Buch als Norm dieser Handschrift gesetzt ist. Schon bei diesem ersten Buch denke ich, dass es zweizeitig ist: zuerst die Version mit den Herrenfesten, dann die pars-pro-toto-Ergänzung mit den Marien-, Apostel- und Heiligenfesten und dem marianischen Anhang, die das Werk abrundeten und eine Kreation nach Zahlensymbolik zeigen. Einiges ist ja auch im Buch selbst über seine Genese zu erfahren. Allerdings sind auch danach noch Kapitel gestreckt worden und ist sogar ein datierbares Kapitel hinzugekommen, wodurch das System der Zahlensymbolik nicht mehr stimmt.

Die erste im Werk genannte Überarbeitung, Vollendung und Abrundung des Buches eins geht einher mit der Beigabe von Informationen über die Urheberin der Inhalte und dürfte zeitgleich mit diesem Buch zwei verbreitet worden sein. Dies geschah zu Lebzeiten der Protagonistin und stellt die - modern gesprochen - "zweite neu überarbeitete und ergänzte Auflage" dar, die erneut verteilt und kopiert wurde.

Die Materialsammlung und Redaktion von Buch drei bis fünf stellt eine weitere Redaktionsstufe dar, wobei die zehn Kapitel der Rechtfertigung des Werkes in Buch fünf schon deutlich auf Differenzen zwischen Protagonistin und zumindest einer Schreiberin verweisen. Die Handschriftenversionen mit Buch eins bis fünf müssen also nicht zwangsläufig unvollständig sein. Denn in gewisser Weise stellt die Rechtfertigung einen Schlusspunkt dar, die Auflage drei, die dann für einige Zeit ein vollständiges Buch war, wie der Prolog kundtut. Somit ist die heute "vollständige" Version mit sieben Büchern auch nach Ausweis des Werkes selbst nicht das, was vor dem Buchdruck die meiste Verbreitung fand, zumal der Schluss ja im Werk dokumentiert wurde. Soll man da nicht auf den Gedanken kommen, dass da vielleicht auch pekunäre Interessen oder Geldnöte das Fortschreiben triggerten? Ja - was ist nun eigentlich das fertige Werk? Buch eins oder Buch eins mit Buch zwei? Oder das Werk aus fünf oder sieben Büchern? Die Versionen bieten unterschiedliche Informationen mit verschobenen Schwerpunkten. Mein besonderes Interesse hat der Liturgiekommentar als Werk, das von Mechtild selbst redigiert wurde.

Dienstag, 17. März 2026

Hören, aber nicht verstehen, sehen, aber nicht erkennen (vgl. Jes 6,9)

Man ist leicht, sehr leicht, geneigt, sich selbst wie selbstverständlich in den Kreis der Verstehenden und Erkennenden zu stellen. Und doch wird sowohl das, was ich höre, als auch das, was ich sehe, stets vom Filter meiner bisherigen Erfahrung, meines Wissens und meiner Sozialisation beeinflusst. Und diese haben Grenzen.

Ich habe mich mal wieder mit meinem Freund Helinand befasst [1], eigentlich in einem Lehrkontext, um die Fülle dessen, was ein Gedicht an Ebenen und Horizonten bieten kann, aufzuzeigen. Diese Fülle bringt mich immer wieder zum Staunen. Aber erstaunen lässt mich gerade deshalb auch, wenn jemand in einer Magisterarbeit von 2016 (ich zitiere sie hier nicht!) noch schreibt, dass man Helinands Verse vom Tod in einer halben Stunde rezitieren könne. Es ist dies ein Zitat einer amerikanischen Autorin von 1972.[2] Was man aber schreibt und zitiert, das glaubt man auch. Und da frage ich mich schon, ob jemand, der soetwas schreibt, auch an einem Abend in drei Konzerte geht oder an einem Tag hintereinander fünf lange Filme anschaut.

Helinand präsentiert sehr anspruchsvolle Texte, nicht, weil sie schwer verständlich wären, sondern weil sie so kunstvoll geschrieben sind, dass das, was verstanden werden kann, recht vielschichtig ist. Er operiert mit Zahlensymbolik, vierfachem Schriftsinn und diversen Wortspielereien. Zudem, und das ist tatsächlich einem Hörer vorbehalten, hat er auch ein Gefühl für lautliche Phänomene, die zu inhaltlichen Änderungen führen. Eine einzige Strophe hat damit soviel Inhalt, dass ich es für unmöglich halte, davon 50 Strophen in 30 Minuten hintereinander anzuhören, wenn der Text kein bloßes Hintergrundrauschen sein soll. 

Wohl schreibt schon Vincenz von Beauvais, der im zitierten Werk als Beleg für die Argumentation angeführt wird, in seinem Speculum Historiale (lib. 29, cap. 108), dass die Verse dieses volkssprachlichen Stückes, wenn sie "öffentlich vorgelesen werden, so feinsinnig und nützlich sind, als würden sie durch Licht heller zum Vorschein kommen." Das zwingt dennoch nicht zu der Annahme, dass alles hintereinander am Stück in 30 min präsentiert worden sei. Über die Aufführungspraxis erfahren wir an dieser Stelle nämlich nichts. Zwar dürfte auch damals - je nach Horizont - nicht jeder alles verstanden haben. Jedoch war für jeden etwas zum Verstehen dabei. Und gerade jene, denen es gegeben war, die komplizierteren Figuren hörend aufzunehmen, brauchten mit Sicherheit dann eine Genießerpause, um das Gehörte zu verinnerlichen. - Bis heute versteht übrigens niemand seinen roten Faden in diesem Stück, hält man die Abfolge der Strophen für verwirrend. Komisch nur, dass beispielsweise Strophe Nr. 33 auch inhaltlich zu Leiden und Sterben Jesu passt. Jemand, der so kunstvoll die Details erarbeiten kann, der überlässt auch das Gesamtkonzept nicht dem Zufall. So müssen wir uns vielleicht doch eingestehen, dass wir manches, was er sagen wollte, noch nicht verstanden haben oder nicht mehr verstehen können, bevor wir ein Durcheinander unterstellen.

___________________________ 

[1] M. Sandra Gelbe, Kunstvolle Verfremdung von Elementen des Stundengebets – Barbarossas Ende und Helinands Verse an den Tod, in: CistC 123(2016), S. 523 – 526.

[2] Florence McCulloch,  The Art of Persuasion in Hélinand’s „Vers de la Mort“, in: Studies in Philology, 1/69 (1972), S. 38-54, hier S. 41.

 

Sonntag, 1. März 2026

Das ungemütliche und lange 17. Jahrhundert - hat es für die Zisterzienser heute etwas zu sagen?

Dreißig Jahre dauerte ein Krieg der Religionen, der im deutschsprachigen Raum die Bevölkerung gewaltig dezimierte. Noch länger hatte zuvor in Frankreich die Zeit der Hugenottenkriege gedauert. Dazu kamen Hungersnöte und Seuchen wie die Pest. Es war eine Zeit, die viel Tod brachte, obgleich wir heute bei dieser Zeit an barocke Kunst, vielleicht an Schlösser und Gärten, aber auch an viele schöne Klöster, denken. Der Personalstand in den Klöstern war vor allem in Frankreich so rapide gesunken, dass man an der Wende zum 17. Jh. über ein zentrales Ordensnoviziat nachdachte. Ordensseitig war es aber auch die Zeit der Herausbildung der Kongregationen, deren Obere in einem zu groß gewordenen Gesamtorden die Interessen regional eng zusammengehöriger Klöster (z.B. die einer Sprachgruppe oder jene unter gleicher politischer Herrschaft) besser vertreten konnten. Die deutschen Klöster, auch die portugiesischen, spanischen und italienischen, hatten wenig Interesse daran, Frankreich mit Personal auszuhelfen und deshalb auf die eigenen Berufungen zu verzichten. Dass dies eine gute Haltung war, zeigt ein von P. Gregor Müller OCist einst publiziertes Beispiel eines Mönchs, der von seinem Eintrittskloster für die Ausbildung nach Morimond geschickt wurde und dann von einem Kloster zum anderen geschickt wurde. Das Kloster, in das er einst eintrat, hat er nie wieder gesehen. Das dokumentierte Beispiel wird kein Einzelfall sein.

Im Orden tat Orientierung not. Eine Zeit, in der man äußerlich intensiv auf die Antike zurückgriff, um darin nach dem Ursprünglichen (wie auch immer) zu suchen, ließ auch nach dem Ursprünglichen in der Religion und im Mönchtum fragen und die eigene Lebensweise neu hinterfragen. Kirchlicherseits hatte das Konzil von Trient eine Richtung aufgezeigt, die es umzusetzen galt. Dann war eine Kalenderreform geschehen, um zur rechten Zeit Ostern zu feiern. Und es hatte eine verbindliche Bibelausgabe gegeben, die Vulgata Clementina, die man in den Brevieren zu nutzen  hatte. Die Auswirkungen waren enorm und stellten Fragen an die Lebensweise. Wie zu erwarten, gab es darauf verschiedene Antworten: In Frankreich hatten sich die unterschiedlichen Interessengruppen der Zisterzienser gleich zweimal gespalten. Die eine Spaltung, nämlich in die Allgemeine Observanz und in die Strenge Observanz, ist bekannt, doch wer hat schonmal etwas von Feuillanten gehört? Es gab plötzlich nicht nur Zisterzienser und jene, die nach ihrem wichtigsten Kloster La Trappe später Trappisten genannt wurden, sondern auch jene, die analog nach dem Kloster Notre Dame des Feuillans in Südfrankreich eben Feuillanten hießen. Sie waren die eigentlichen Hardliner des Ordens, die Supermonasten: nur vier Stunden Schlaf, Essen auf den Knien ohne Tische im Refektor, ein Nachtlager aus Brettern mit einem Stein als Kopfkissen (Quelle dazu Wikipedia: Feuillanten - viel Literatur gibt es nicht darüber) - voll cool für die Jugend. Viel Zulauf, so auch Interesse in Rom. Sie wurden schon 1581 zur eigenen Kongregation, 1595 als solche der Jurisdiktion des Generalkapitels entzogen. Bei dieser Gelegenheit durften eigene Konstitutionen ausgearbeitet werden, bei denen - man staune (!)  - doch tatsächlich erste Milderungen eingeführt wurden [um hier Genaueres zu erfahren, müsste man sich direkt zum Quellenstudium begeben]. Ungebrochen der Zulauf. Noch einmal ca. 30 Jahre später folgten weitere Anpassungen der Konstitutionen. Ja - man muss wohl manchmal ein bisschen älter werden, um zu merken, wo man den Mund zu voll genommen hat. Solcherart Demut schadet nicht. Aber bis das Leid der Älteren in der Leitungsebene Aufmerksamkeit erlangte, werden wohl viele der einstigen Heroen jämmerlich dahinvegetiert sein. 

Eine Lehre daraus wage ich zu formulieren. Es ist initial sicher leichter, interessanter und auch narzistischer, bei Extremen mitzumachen und sie für alle als Norm einzufordern, als ein einfaches monastisches Gebets- und Arbeitsleben treu und beständig mit seinen Höhen und Tiefen lebenslang durchzuhalten. Letzteres, wenn es authentisch gelebt wird, hat die größere Nachhaltigkeit (Feuillanten gibt es seit über 200 Jahren nicht mehr. In Deutschland gab es sie meines Wissens überhaupt nicht.).

Die Jahre des 17. Jh. waren vor allem in Frankreich und Italien auch ein Krieg der Observanzen. Und Relikte aus dieser Zeit haben Auswirkungen auf heute. Wenn man recht entscheiden will, sollte man das auch wissen. 

1) Zwischen 1628 und 1651 fand kein Generalkapitel der Zisterzienser der Allgemeinen Observanz statt. Das bedeutet: Bücher, die in diesem Zeitraum gedruckt und herausgegeben wurden, hatten nicht die Autorität des höchsten Gremiums des Ordens.

2) Gerade bei Fragen von Riten und Gebräuchen stützt man sich gern auf noch vorhandene alte Bücher, die man dann auch fein mit Jahreszahl zitieren kann. Vorsicht: Nicht überall, wo Zisterzienserorden draufsteht, ist auch etwas vom Orden drin. Man sollte auch die historischen Feinheiten beachten: Wenn z.B. ein Kardinal de Richelieu (wer den nicht kennt, denke bitte an den Film von den 3 Musketieren) als Generalabt des Zisterzienserordens 1643 ein neues zisterziensisches Rituale drucken ließ, so ist es niemals approbiert worden und war auch nicht lang in Gebrauch, obwohl der Titel es als zisterziensich ausweist. Es wäre fatal, wenn man eine solche Schrift, eines Menschen, der von der Allgemeinen Observanz gar nichts hielt, heute dazu benutzt, mit dieser Referenz neue Zisterziensernorm auf Basis einer angeblichen alten zu schaffen.

3) Wer von Kardinal Bona als einem großen Zisterzienser spricht, möge wissen, auch wenn er aufgrund seiner Schriften über Liturgie im Orden gelesen wurde, dass er nicht Zisterzienser im eigentlichen Sinn war, denn er trat bei den Feuillanten ein, und dies nach der Trennung von 1595. Auch wenn der Oberbegriff für all diese Kongregationen "Zisterzienserorden" war, für die Trappisten sogar bis 1898, so war die Trennung im Blick auf die Feuillanten immerhin so stark, dass wir der ablehnenden Haltung des Kardinal Bona um Haaresbreite den Verlust einer Sache verdankt hätten, die wir heute als Schatz bewahren: unser Zisterzienserbrevier, basierend auf der Version von Claude Vaussin von 1656. Nachzulesen ist das wiederum bei P. Gregor Müller in der CistercienserChronik.

4) Müssen wir als Orden, der sich - zugegebenermaßen - auch selbst lieber in seiner Glanzzeit, dem 12. Jahrhundert, sonnt und spiegelt, eine Entwicklung wiederholen, weil sie niemand mehr kennt? Wenn Menschen wissen, warum sie in diesem Orden mit welcher Intention unterwegs sind, laufen sie von ganz allein, weil sie ein Ziel haben. Dieses Ziel muss zwingend ein Ziel des Ordens sein, denn zum Heiland kann man auch außerhalb des Ordens als Christ unterwegs sein. Was versteht die breite Masse der Ordensmitglieder unter dem sogenannten Ursprungscharisma? Und auf welche Weise passt dieses Konzept zum konkreten Kloster und bringt seine spezifische Ausdrucksform hervor? Das wäre eine echte Hausaufgabe für viele Gemeinschaften. Ein Einzelner kann immer schlau und gedrechselt etwas über dieses Gründungscharisma herumschwatzen, wenn er dazu etwas sagen muss. Mir erscheint wichtiger, was eine Gemeinschaft darunter versteht, denn damit steht und fällt, wohin der Einzelne in seiner Gemeinschaft unterwegs ist. Freund, wozu bist du gekommen? [Motto des nächsten Generalkapitels], ist schnell gefragt. Aber: Freunde, warum seid ihr da?, braucht auch eine stimmige und vor allem einstimmige Antwort.

[Bei Gelegenheit folgen die genaueren Angaben zu P. Gregor Müller. Für Eilige und Neugierige ca. 1916/17.]

Dienstag, 17. Februar 2026

Die Kreativität des Überlebenwollens

Man kann vielleicht entschuldigend sagen, dass das Bedienen voyeuristischer Bedürfnisse externer Personen in Notzeiten auch ein Weg ist, das eigene Überleben zu sichern. Mehr und mehr bin ich überzeugt, dass es ein enormes Bedrängtsein von außen war, das dazu führte, einen nachgefragten religiösen Topartikel, den Liber specialis gratiae der Mechtild von Hakeborn, noch anderweitig aufzuwerten, um ein weniger frommes, dafür aber recht neugieriges Klientel zum Kauf des Werkes zu animieren. 

Darin sehr aktiv war eine der beiden Schreiberinnen, die sich im Werk manchmal recht autoritär zeigt und in Buch fünf explizit die Gabe der geistgewirkten Offenbarung auch für die Schreibenden reklamiert, die also vermutlich ein Leitungsamt inne hatte. Vielleicht war es ja die amtierende Priorin. Ex-Äbtissin Sophia von Mansfeld hatte ja für ein paar Jahre keine Nachfolgerin, da der Konvent ihre Resignation nicht akzeptieren wollte. 

Manche Gehorsamsforderungen erfordern einfach eine hohe Autorität. Auch ist es wohl kaum einem Konventsmitglied gestattet, ohne die Erlaubnis seitens der Oberen Messen in großer Zahl bei auswärtigen Priestern zu bestellen, wie in Buch fünf beschrieben. Und hätte man dies aus irgendeinem Grund in eigener Regie über Verwandte bewerkstelligt, so empfahl es sich doch, dies nicht an die große Glocke zu hängen, um nicht gemaßregelt zu werden. Soetwas verlangte zwingend nach dem dazu nötigen Handlungsspielraum, der, so öffentlich, wie das in Buch fünf geschildert ist, nur einem Menschen mit Leitungsamt gegeben ist. Und auf den Schultern genau dieser Person hätte - bei indisponierter Äbtissin - auch die Obsorge für die Belange des Klosters im weitesten Sinne gelegen. Ein Konvent unter Interdikt, konnte keine Messstiftungen entgegennehmen, also auch nichts einnehmen, weil ja keine Messen gefeiert werden durften. Diese andernorts zu stiften, ging vielleicht schon. Zudem war die jährlich wiederkehrende Memoria bereits lange zuvor getätigter Stiftungen unter Interdikt problematisch umzusetzen. Für Eintrittsplanungen seitens des Adels war ein Interdikt, wenn es sich in die Länge zog, auch problematisch. Wie war einer solchen Not zu begegnen, die erhebliche finanzielle Einbußen brachte und zugleich wegen enormer Geldforderungen bestand, die mit der Länge der Zeit, sollte man doch einlenken müssen, immer gravierender zu Buche schlug? - Ich glaube, dies ist der äußere Kontext, der im Spätsommer des Jahres 1195 dazu führte, Mechtilds Buch zu ergänzen, indem man im Blick auf das Buch als anzubietende Gabe für das kommende Weihnachtsfest, in das schon Vorhandene des Werkes noch unterhaltsame Informationen vom zurückliegenden Weihnachtsfest einfügte. Zum Beispiel: Was wurde gegessen? Aus welchem Geschirr wurde gespeist? Welche Kleidung trugen die hohen Gäste? - Und: Das Interesse war da!

 

Sonntag, 15. Februar 2026

Vergessene Wurzeln

Zisterzienserklöster haben das Filiationsprinzip. Rein hierarchisch gesehen, vergisst da ein Untergebener nicht seinen Weisungsbefugten. Zisterzienserinnenklöster haben zwar mitunter eine Abstammungslinie, jedoch ein Filiationsprinzip haben sie nicht. Auch wenn ein Pater immediatus vom Orden gestellt wurde, war dies kein gleichbedeutender Ersatz, da das Herkunftskloster als Frauenkloster damit ja nichts zu tun hatte. 

Wo immer Gründungsschwestern auch herkamen - so dies nicht irgendwo aktenkundig gemacht wurde, ging das Wissen mit dem zeitlichen Abstand dahin. Für die Pflege einer Herkunftsbeziehung bedurfte es eines darüber hinausgehenden Grundes, sonst riss sie ab. 

Wielange soetwas dauerte? Daten darüber gibt es nicht. Und Gründe? Solange die Gründerschwestern lebten, wussten diese natürlich auch noch, woher sie kamen. Auch die nachfolgende Generation hatte dieses Wissen noch. Doch schon hier, sofern bei größerer Entfernung nicht weitere Schwestern von dort eintraten, was wohl eine Seltenheit war, kam der monastischen Herkunft bereits der Stellenwert einer reinen Information zu, die im monastischen Alltag keinerlei praktische Bedeutung hatte. Herkunft hatte auch im Kloster etwas mit Familie und Stand zu tun. Herkunftsbeziehungen waren also zumeist dynastische Beziehungen. Die dynastische Bedeutung des Herkunftsklosters wäre ein Grund gewesen, es sich zu merken, als Teilhabe an dessen Bedeutung. Handelsbeziehungen zwischen überregionalen Konventen schufen zwar auch Kontakte, doch in diesem Fall konnte die Handelsbeziehung, also das Einander-brauchen, wichtiger sein als das Voneinander-abstammen. Die hauptsächlichsten und damit dauerhaftesten Kontakte liefen bei aller gepflegten persönlichen Korrespondenz immer über die Leitungsebene. Jede persönliche Briefkommunikation brach ja zumeist mit dem Tod der Briefpartner ab, reichte also kaum über eine Generation.

Man pflegte seine Stiftermemoria. Solange die Stifterfamilie lebte, legte diese auch großen Wert darauf. Beim frühen Aussterben und dem Übergang in einen anderen Herrschaftsbereich, konnte auch diese einmal verloren gehen. Zudem waren Landesgrenzen markante Barrieren, die intermonastere Beziehungen erschwerten. Man identifizierte sich mit seinem Land und dessen Gepflogenheiten. Auch dies ist ein Grund, wieso Wurzeln abreißen konnten, wenn größere Distanzen zwischen Mutter- und Tochterkloster lagen.

Auch die jeweilige Bistumszugehörigkeit legte Verpflichtungen auf. Man konnte, wenn das Herkunftskloster zu einem anderes Bistum gehörte, nicht einfach alle religiösen Festbräuche beibehalten. Zudem gab es große Veränderungen mit den gesamtkirchlichen Liturgiebestimmungen im Kontext des Tridentinischen Konzils und den Entwicklungen und Umsetzungen im Jahrhundert danach. Welcher Mensch und welche Gemeinschaft möchte nicht mit der Zeit gehen? Da konnte schon vieles verloren gehen, weil nämlich auch die alten liturgischen Bücher weitgehend zu Müll wurden oder einer Zweitverwendung oblagen. Jedenfalls wurde bei Visitationen genau kontrolliert, was man so betete und wen man wie verehrte. Auch hier rissen Traditionen ab. Nicht zu sprechen von Dokumentenverlusten zu unterschiedlichsten Anlässen über die Zeit. Mit Archivalien aus Frauenklöstern ging man weniger sorgfältig um, da man ihnen nur geringe Bedeutung beimaß. Sicher gibt es noch weit mehr Gründe, die solche Folgen nach sich zogen. 

Kann eine Frau denn ihren Säugling vergessen, / eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Jes 49,15 - Auf der Ebene der Frauenklöster hat solches Vergessen in beiden Richtungen stattgefunden.