Dienstag, 17. März 2026

Hören, aber nicht verstehen, sehen, aber nicht erkennen (vgl. Jes 6,9)

Man ist leicht, sehr leicht, geneigt, sich selbst wie selbstverständlich in den Kreis der Verstehenden und Erkennenden zu stellen. Und doch wird sowohl das, was ich höre, als auch das, was ich sehe stets durch den Filter meiner bisherigen Erfahrung, meines Wissens und meiner Sozialisation beeinflusst. Und diese haben Grenzen.

Ich habe mich mal wieder mit meinem Freund Helinand befasst, eigentlich in einem Lehrkontext, um die Fülle dessen, was ein Gedicht an Ebenen und Horizonten bieten kann, aufzuzeigen. Diese Fülle bringt mich immer wieder zum Staunen. Aber erstaunen lässt mich gerade deshalb auch, wenn jemand in einer Magisterarbeit von 2016 (ich zitiere sie hier nicht!) noch schreibt, dass man Helinands Verse vom Tod in einer halben Stunde rezitieren könne. Es ist dies ein Zitat einer amerikanischen Autorin von 1972.[1] Was man aber schreibt und zitiert, das glaubt man auch. Und da frage ich mich schon, ob jemand, der soetwas schreibt, auch an einem Abend in drei Konzerte geht oder an einem Tag hintereinander fünf lange Filme anschaut.

Helinand präsentiert sehr anspruchsvolle Texte, nicht, weil sie schwer verständlich wären, sondern weil sie so kunstvoll geschrieben sind, dass das, was verstanden werden kann, recht vielschichtig ist. Er operiert mit Zahlensymbolik, vierfachem Schriftsinn und diversen Wortspielereien. Zudem, und das ist tatsächlich einem Hörer vorbehalten, hat er auch ein Gefühl für lautliche Phänomene, die zu inhaltlichen Änderungen führen. Eine einzige Strophe hat damit soviel Inhalt, dass ich es für unmöglich halte, davon 50 Strophen in 30 Minuten hintereinander anzuhören, wenn der Text kein bloßes Hintergrundrauschen sein soll. 

Wohl schreibt schon Vincenz von Beauvais, der im zitierten Werk als Beleg für die Argumentation angeführt wird, in seinem Speculum Historiale (lib. 29, cap. 108), dass die Verse dieses volkssprachlichen Stückes, wenn sie "öffentlich vorgelesen werden, so feinsinnig und nützlich sind, als würden sie durch Licht heller zum Vorschein kommen." Das zwingt dennoch nicht zu der Annahme, dass alles hintereinander am Stück in 30 min präsentiert worden sei. Über die Aufführungspraxis erfahren wir an dieser Stelle nämlich nichts. Zwar dürfte auch damals - je nach Horizont - nicht jeder alles verstanden haben. Jedoch war für jeden etwas zum Verstehen dabei. Und gerade jene, denen es gegeben war, die komplizierteren Figuren hörend aufzunehmen, brauchten mit Sicherheit dann eine Genießerpause, um das Gehörte zu verinnerlichen. - Bis heute versteht übrigens niemand seinen roten Faden in diesem Stück, hält man die Abfolge der Strophen für verwirrend. Komisch nur, dass beispielsweise Strophe Nr. 33 auch inhaltlich zu Leiden und Sterben Jesu passt. Jemand, der so kunstvoll die Details erarbeiten kann, der überlässt auch das Gesamtkonzept nicht dem Zufall. So müssen wir uns vielleicht doch eingestehen, dass wir manches, was er sagen wollte, noch nicht verstanden haben oder nicht mehr verstehen können, bevor wir ein Durcheinander unterstellen.

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[1] Florence McCulloch,  The Art of Persuasion in Hélinand’s „Vers de la Mort“, in: Studies in Philology, vol. 69 (1972), no. 1 (Jan.), S. 38-54, hier S. 41.