Ich habe es ja schon seit etwa fünf Jahren hier und da auch immer wieder geschrieben, dass ich nicht an eine Verkürzung und auch nicht an beständiges kontextbezogenes Umschreiben durch externe Schreiber glaube, wenngleich es das auch gegeben hat, aber nicht die Werkgenese erklärt. Mein Ansatz ist die Verlängerung des als Liber specialis gratiae bezeichneten Buches in mindestens drei Etappen, die der Erstausgabe folgten.
Um diese Genese nachzuverfolgen habe ich inzwischen von einem beträchtlichen Teil der lateinischen Handschriften das Vorwort "Fuit virgo" angesehen. Und siehe da: Es gibt sie, meine gesuchten drei Versionen!!! Da dies nur eine Vorab-Information für alle Interessenten am Stoff dieses Buches ist, werde ich keine Handschriften-Signaturen hier benennen. (Wer sich in der Materie auskennt, kann mir sicher ganz schnell folgen.) Das wird einer Publikation vorbehalten bleiben. Aber die Unterscheidbarkeit der verschiedenen Helftaer Werkausgaben, die stelle ich hiermit allen zur Verfügung:
Die Erstausgabe hatte kein Vorwort bzw. keines, in dem es um Mechtild von Hakeborn geht. Sie war ein kurzer Liturgiekommentar.
Erste Redaktion und Ergänzung des Originaltextes
"Fuit virgo" wurde für die Ausgabe zwei geschrieben, bei der das Werk aus dem Liturgiekommentar in Buch eins und dem ersten Beiband über die Autorin der Erstausgabe: Mechtild von Hakeborn besteht.
In den noch vorhandenen Werken dieser Ausgabe endet "Fuit virgo" auf "ad gloriam summae et venerandae trinitatis." Im vorausgehenden Satz, der mit "Haec virgo in mirabilia celestium et secretorum misteria anime conspexit..." beginnt, wird etwas zum Beweggrund der Schreiberinnen gesagt, was sich in späteren Ausgaben im ersten Abschnitt des zweiten Vorworts "Benignitas et humanitas" wiederfindet.
Zudem sind es "amici", also wohl Hausbedienstete, die mit dem Kind zum Priester eilen, stets "offerent". Von ihrem Krankheitsbild ist nur zu erfahren, dass sie an Schmerzen litt, keine weiteren Details.
An diesen Text schließt sich an: "Dominice die, cum evangelico Missus est legeretur..."
Zweite Redaktion und Ergänzung des bisherigen Werkes mit Überarbeitung des ersten Vorworts
Wer das Kind zur Taufe trägt, ist mehrheitlich nicht genannt. Bisher habe ich in keiner Schrift dieses Typus "amici" gefunden. Allerdings einmal "parentes" und einmal "familia parentis ... offeret". Das im Kontext benutzte Verb nimmt eine erstaunliche Vielfalt an: "offeret", "offeretur", "offerent", "offerunt", "obtulerunt" (2 Inkunabeln). Ab dieser Ausgabe eilt man nun immer "cum festinatione" zur Taufe, und vor "missam" steht nun stets ein "iam". Sowohl in Redaktionsstufe eins, als auch noch in Redaktionsstufe zwei ist Mechtild "amabilem et servilem", gelegentlich ist aus "amabilem" "amicabilem" gemacht, doch stets heißt es "servilem". Am Ende des zweiten Abschnitts endet der Absatz nach "etiam cum valde iuvenis esset". Es folgt "Denique ... non tantum spirituali ... sed etiam". In dieser Version werden erstmals drei Talente angeführt, nämlich Wissen, Intellekt und Stimme. Sodann sind nach dem Stichwort "flagella" die drei Diagnosen genannt. Das Vorwort endet von nun an auf "non poterat inhaerere".
An diesen Text schließt sich von nun an an: "In Annunciationis Dominice die christi ancilla posita in oratione...".
Dritte Redaktion und Werkergänzung mit Überarbeitung des ersten Vorworts
Bei dieser Ausgabe hat man gleich im ersten Satz noch ein "dulcedinis" an "in benedictionibus" angefügt. Hier heißt das Verb wieder durchweg "offerent". Und nun steht stets "dicaretur", wo in den beiden vorherigen Ausgaben "dedicaretur" notiert ist. Aus "servilem" ist "habilem" oder auch "humilem" geworden bei großer Variantenvielfalt, allerdings nie mit "servilem". Nach "iuvenis esset" am bisherigen Ende des zweiten Abschnitts folgt ein mit "et multa secretorum suorum" eingeleiteter Einschub, der nun erklärt, wieso man erst ab ihrem 50. Lebensjahr von ihrer Gotteserfahrung berichtet. Erst dann folgt "Denique ... non solum ... sed etiam ... et gratis data". An Talenten ist nun vor der Stimme noch "litteratura" genannt. Auch hier endet das Vorwort mit "non poterat inhaerere".
Da ein Vorwort gewöhnlich vom Herausgeber verfasst wird, gibt es keinen Grund, daran zu zweifeln, dass diese Veränderungen aus Helfta stammen und dass der Lesefehler, der "servilem" tilgte wohl ein hausinterner Lesefehler oder Schreibfehler war. Der Umfang der zugehörigen Werke wird bei dieser Unterscheidung der Ausgaben immer länger. Das bedeutet aber auch, dass dieser bereits von Helfta ausgehende Variantenreichtum bereits in der Zeit der Niederschrift erfolgte, nämlich zwischen Dezember 1294 und Dezember 1299/Frühjahr 1300, sodass die ältesten Handschriften von ca. 1320 zu spät geschrieben wurden, um diese Entwicklung noch zu erfassen. Sehr wahrscheinlich hat die hohe Verbreitung in den ersten Jahren dafür gesorgt, dass nicht alle frühen Redaktionsstufen durch ein verbessertes und verlängertes Werk ersetzt werden konnten.
q.e.d. Wer nun möchte, kann es nachkontrollieren.