Im Kloster gibt es ein geflügeltes Wort, das ich als Überschrift zitierte: "Die Dinge bewegen sich von selbst." Das muss nicht irritieren. Es ist einfach so. Und wie man damit umgehen möchte, ob man sich darüber erregt zeigt oder es einfach zur Kenntnis nimmt - das liegt an jedem selbst, an seiner momentanen Stimmung und Mentalität. Aber - vorweg gesagt: Emotionalität nützt da gar nichts.
Es fängt zum Beispiel mit Werkzeugen an. Was nützlich ist und herumliegt, bekommt irgendwie Füße. Nicht jeder schafft es, Dinge, die er benutzt, weil er etwas gerade anlassbedingt benötigt, auch wieder dorthin zu bringen, wo er es entnommen hat. Und auf der anderen Seite fällt das Nichtvorhandensein von Dingen zumeist erst dann auf, wenn man ihrer wieder bedarf. Das Zeitfenster dazwischen kann das Vergessen fördern. Die meisten Klosterbewohner haben heute ohnehin mehrere Zuständigkeitsbereiche, sodass es nicht leicht ist, alles regelhaft im Blick zu behalten. Darin liegt zumeist keine böse Absicht. Es ist schlichtweg ein Benutzen, wessen man gerade bedarf, ohne sich um das Nachher ausreichend zu kümmern.
Das Essen... In jedem Kloster gibt es "Refektormäuse". Das sind nicht etwa Nagetiere, sondern schwarz-weiß bekleidete ZweibeinerInnen. Und natürlich geht es in europäischen Breiten nicht um Brot, dass eigentlich immer da ist. Besonderes, z.B. Kuchen, Kekse, Schokolade oder ein Dessert, verschwindet, wenn keiner es sieht. In der Gemeinschaft wahrt jeder die Haltung. Geht aber im übertragenen Sinn das Licht aus, trifft man sich mitunter im Dunkeln ganz zufällig im Refektor wieder. Es ist ja zumeist nicht nur einer oder eine, der oder die gerne nascht oder knabbert.
Kleidung und Wäsche hat im Kloster eine eingenähte Nummer. Doch die lässt sich durchaus auch wieder ändern. Das passiert zumeist nach dem Ableben von Mitbrüdern oder Mitschwestern. Manches wechselt jedoch auch zu Lebzeiten schon den Besitzer oder die Besitzerin. Wahrscheinlich ist die folgende Begebenheit, die mir in einem Schweizer Kloster erzählt wurde, nicht nur einmal und nicht nur dort passiert: Eine Schwester hatte eine schöne selbstgestrickte Jacke, die eines Tages spurlos verschwand und nicht wieder gesehen wurde. Nach längerer Zeit verstarb eine Mitschwester von ihr und wurde aufgebahrt. Man hatte sie mit einer Jacke aus ihrem Kleiderbestand bekleidet: jener Jacke, die vor Zeiten verschwunden war; und nun nahm der ganze Konvent die Tat zur Kenntnis.
Aber auch das gibt es: Die Entsorgung unbenötigter oder nicht mehr benötigter Sachen. Wohin damit? Nicht alles geht ja über den Hausmüll, gerade dann, wenn die Trennung nur halbherzig ist, es noch funktioniert und man eigentlich bloß eine zweite Klosterzelle als Abstellkammer bräuchte. Irgendwo stellt man es dann einfach ungesehen ab. Manchmal wandert das Abgestellte dann zeitnah zu einem anderen Glied der Gemeinschaft, der es nützlich findet. Lässt man etwas zufällig oder situativ für einen Moment aus den Augen, könnte es somit auch schon anderswo gebraucht werden und fort sein. Nicht stets und ständig, aber hin und wieder schon. Und da das Loswerden durch ein Irgendwo-abstellen ein recht übliches Phänomen ist, müllt so manche Ecke über die Zeit zu, bis die verantwortlichen höheren Instanzen eingreifen oder den "Müll" schlichtweg beseitigen lassen.
Die Erfahrung solcher Begebenheiten bringt aber noch ein anderes Phänomen hervor: Je nach persönlicher Ordnung gehen einem hin und wieder auch Dinge ab, die niemand genommen hat, die einfach am falschen Ort schlummern. Da kann es nun passieren, dass jemand unverschuldet verdächtigt wird. Gerade ältere Schwestern, vielleicht auch Mönche, sind anfällig dafür. Eine Verlusterfahrung von anno dazumal wird generalisiert, und als Übeltäter wird jemand gefunden, mit dem oder mit der man auch sonst im Zusammenleben stets seine Schwierigkeiten hatte. Daraus ergeben sich dann die skurrilsten Geschichten.
Nun, die Dinge bewegen sich eben von selbst. Und daran muss man sich auch gewöhnen, wenn man in einem Kloster leben will.