Dienstag, 25. Februar 2020

Höhen und Tiefen auf dem klösterlichen Weg - eine Reflexion

Die meisten europäischen Klöster haben heute nur wenige Mönche oder Nonnen, und meist sieht man sie durch die Gegend sprinten, jedenfalls die, die man sieht. Das Thema Burnout ist durchaus eine reale Gefahr für manche Vertreter dieser Spezies. Doch schon Benedikt wusste, dass es auch die anderen gibt, wenn er sagte: Ist aber einer so nachlässig und träge, dass er nicht willens oder nicht fähig ist, etwas zu lernen oder zu lesen, trage man ihm eine Tätigkeit auf, damit er nicht müßig ist. (RB48,23). Aber daraus jetzt einfach gute und schlechte Mönche oder Nonnen zu machen, ist gar zu sehr vereinfacht. Denn jeder ist zu gewissen Zeiten und in gewissen Situationen gut oder schlecht. Es gibt keinen Menschen, der immer und überall nur eifrig sein kann. Und - Eifer hin, Eifer her - es bleibt dabei doch noch zu fragen: Was ist das Motiv eines Engagements? Für wen oder was wird Energie geleistet? Geht es am Ende vielleicht nur darum, besser zu sein als andere? Nein - weder das eine noch das andere ist nur gut oder nur schlecht. Alle im Kloster sind menschliche Wesen, die in Gesundheit und Krankheit wie auch im Laufe des Prozesses des Alterns Phasen erleben, in denen nicht alles so läuft, wie man es gerne laufen sähe, in denen auch einmal der Punkt erreicht ist, an dem einfach keine Motivation oder Kraft da ist, das Aufgetragene mit Elan zu tun. Und es gibt auch im Kloster durchkreuzte Pläne, gescheiterte Projekte, gleichgültig wie sie zustande kamen. Wenn darin viel Arbeit steckt und diese umsonst war, folgt erstmal tiefe Ernüchterung. Dann geht vorübergehend nichts mehr, und die Sinnfrage stellt sich. Diese Höhen und Tiefen verändern! Sie verändern aber auch ganz natürlich die Dynamik im Alltagsgeschehen und deren Außenwirkung. Doch die Power, die eine Gemeinschaft als Ganze hat, ist die Summe ihrer Mitglieder. Wenn alle in den Seilen hängen, weil man zum Beispiel nicht rechtzeitig auf entsprechende Belastungen reagiert hat oder an jahrhundertealten Traditionen festhält, weil es immer so war, dann ist das einer Gemeinschaft ebenso anzumerken wie einer, in der alle vor Energie gleich platzen würden. Die ausgleichende Funktion der Körperschaft für das Wohlbefinden des Einzelnen ist nicht zu unterschätzen. Im Kloster steht man füreinander ein oder man geht gemeinsam unter!

Das Gehorsamsgelübde spielt außerdem eine wesentliche, manchmal auch den jeweiligen Schwung beeinflussende Rolle. Ein Mönch oder eine Nonne ist gehalten, jedwede Sache zu tun, die ihm / ihr aufgetragen ist, unabhängig von eigenen Vorlieben und Talenten. Die jeweils aufgetragenen Dinge haben aber mitunter nicht nur den Aspekt der Erledigung einer Aufgabe, sondern auch persönlichkeitsbildende Funktion. Was in Klöstern zählt, ist nicht monastische Selbstverwirklichung an einem ausgesuchten Ort, sondern die Bereitschaft, mit den eigenen Fähigkeiten der Gemeinschaft zu dienen. Doch auch dies lässt noch viel persönlichen Interpretationsspielraum, wo es sich besser dienen lässt. In vielen Klöstern gibt es daher eine Art Rotationssystem. Denn es kann recht schnell passieren, dass ein Einzelner seinen Verantwortungsbereich bewusst oder unbewusst zum Machtbereich ausbaut. Ein monachus kann, auf Abwege gleitend, durchaus auch einmal zum dominus monopoli werden. Aber auch das Gegenteilige gibt es, dass eine insgesamt schwache Gemeinschaft ein vermeintlich starkes Mitglied aus reiner Angst um je eigene Chancen an den Rand drängt, diese Talente also nicht so nutzt, wie sie unter optimalen Bedingungen zum Nutzen der Gemeinschaft nutzbar wären. Hier kommt zudem das Gelübde der Armut ins Spiel. Und nicht immer wird soetwas unter diesem Begriff subsummiert, da vieles ja auch unbewusst läuft: Die Bedeutung von Einfluss und Beeinflussung über persönliche Kompetenzen und Möglichkeiten ist nicht zu unterschätzen. Auch dies ist in sich weder gut noch schlecht. Denn zum einen ist es notwendig, seine Fähigkeiten auch zu gebrauchen und Verantwortung wahrzunehmen, und zum anderen kommt niemand als perfektes Wesen auf die Welt. Hier hat die jeweilige Gemeinschaft korrigierende Funktion, die aber selbst als Ganze ebenso auf dem Weg des Lernens ist.

Gerade einer unliebsamen Aufgabe entläuft man auch im Kloster schneller, sie wird häufiger durch andere Tätigkeiten und sich anbietende Gelegenheiten unterbrochen. Wenn man dies mit weltlichen Arbeitsbedingungen vergleicht, wo es ebenso ist, dürfte das wohl kaum überraschen, denn die primäre Prägung eines Mönches oder einer Nonne kommt ja von draußen und ist je nach Eintrittsalter unterschiedlich intensiv ausgefaltet. Die Vorstellung täuscht, dass in einem Kloster alles perfekt laufen muss und alle wie Bienen in der Hochsaison schaffen - dies entspricht selbst in der Natur nur als Momentaufnahme der Schöpfung, denn auch Bienen haben einen Rhythmus und Ruhephasen. Permanente Betriebsamkeit wäre unmenschlich, und solche Erwartung ist genauso ein von außen aufgestülpter Mythos wie permanente 'betende' Untätigkeit. Denn ein wesentliches Merkmal klösterlichen Seins ist der Rhythmus, der beständige Wechsel von Arbeit und Betrachtung im Gebet. Diesen Dienst übt die Gemeinschaft als Ganze aus. Es ist Sorge des Abtes / der Äbtissin, dem Individuum innerhalb der Gemeinschaft im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten den Raum zu geben, der diesem Menschen dient, seinen monastischen Weg zu gehen, in dem er seine kreativen Fähigkeiten zum Wohl und Nutzen der Gemeinschaft einsetzen kann. Auch hier hat schon Benedikt von den Starken und Schwachen gesprochen. Und es ist sehr vielfältig, worin man stark und schwach sein kann.
 
Auf dieser Ebene liegt auch der Begriff Einsamkeit. Eine Gemeinschaft respektiert im optimalen Fall die Bedürfnisse des Einzelnen und hilft ihm / ihr mit Toleranz und Geduld auf den Weg. Doch nur jemand, der ganz bei sich sein kann und es dort aushält, ist auch gemeinschaftsfähig. Vieles lässt sich kompensieren über Arbeit und Kreativität, zum Teil über lange Zeit. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Einsatzort. In einem Klosterladen oder im Gästebereich oder in der Sakristei wird man durch mehr Infos unterhalten, mit mehr Sorgen oder auch Nöten konfrontiert, als wenn man Gästezimmer oder Gänge zu putzen hat oder die Senioren seines Hauses verpflegt. Erstgenannte Arbeitsplätze bieten durch ihre Abwechslung mehr Möglichkeiten, sich von sich selbst abzulenken und sich in den Augen anderer zu profilieren. Doch nicht immer im Leben wird es so sein, dass jemand mit 'seiner' Arbeit beschäftigt ist und reichlich Außenkontakte pflegen kann. Zudem gibt es niemanden, der dauerhaft nur produktiv und von Nutzen ist. An diesem Punkt zeigt sich dann auch die Herausforderung im Miteinander gemeinschaftlichen Lebens, dort wo Gesprächsgelegenheiten gesucht werden, weil jemand im Laufe der Jahre eben doch nicht bei sich zu Hause angekommen ist, weil es gerade keine interessanten Dinge gibt, weil gerade nichts passiert. Ja - an diesem entscheidenden Punkt zeigt sich, ob jemand über die Zeit zum Beter wird oder für Geschwätz offen ist, wie schon Benedikt weiß.

Sonntag, 2. Februar 2020

Wo hatte Gertrud ihr Grab? - Die häufigste Frage in Helfta.

Eines vorab: Helfta kennt weder die Begräbnisstätte der hl. Gertrud noch verfügt das Kloster über Reliquien dieser Heiligen. Deshalb die Gegenfrage: Wo kommen die Reliquien her, die von Gertrud in Umlauf sind? Und in der Tat gibt es Orte, die über eine authentisch beglaubigte Reliquie verfügen. Da wäre es doch ein interessanter Ansatz, einmal den Weg vom Knochen zum Grab zu gehen, statt umgekehrt. Das ist zwar aufwändig, doch irgendwo ist immer notiert, wer wann eine Reliquie wohin verschenkt hat. So müsste man dann auch schlussendlich zumindest den Namen der Instanz erfahren können, die am Anfang der Vergabe stand.
Gesetzt den Fall, Papst Innozenz XI. hätte 1678 bei der offiziellen Heiligsprechung Reliquien gehabt, so dürfte es darüber sicher auch noch Unterlagen geben. Dann müsste sich auch der Name dessen finden können, der ihre Knochen von Helfta nach Rom geschafft hätte. Und diese Person müsste dann wohl gewusst haben, wo ihr Grab war... Dies zumindest unter der Prämisse, dass es schon lang vorher eine Verehrung gegeben hätte und er nicht geschwindelt hat.
Ist eine Verehrung vor diesem Zeitpunkt nicht der Fall, so muss man annehmen, Gertrud ist als eine unter vielen anderen Mitschwestern bestattet worden. Und dies an einem Ort, der zwischen 1342 und 1525 gar nicht als Klosterort genutzt wurde, da die Schwestern ja ihr Kloster in die Stadt Eisleben verlegt hatten. Haben sie die Knochen aller bis dahin Verstorbenen dorthin mitgenommen? Dann wäre das Grab zwischenzeitlich also in Eisleben gewesen? ... Und dann nach der Reformation wieder zum alten Standort gewandert?... Darüber kann man viel fantasieren. Und dann ist da noch die nachklösterliche Zeit, die ja auch noch vor der Heiligsprechung begann, der dreißigjährige Krieg, dem es Helfta verdankt, dass die alten, bis dahin irgendwie erhaltenen Konventgebäude des Klosterquadrats restlos untergingen. Wer hat sich in jener Zeit um den Erhalt einer klösterlichen Grabstätte gekümmert? Mit dem Verstand will sich mir das alles nicht erschließen.

Andere gehen anders an die Frage heran, wollen aber wahrscheinlich zum gleichen Ziel. Da lautet die Frage dann: Wo hat man früher in einem Frauenkloster bestattet? 
Darüber gibt es sicher ein bisschen mehr an Antwortmöglichkeiten, da es einige Literatur über Frauenklöster gibt, die manchmal auch den Friedhof erwähnen. Und da erfährt man dann, dass es an folgenden Orten sein kann: im Kreuzgang oder an der nördlichen oder südlichen Aussenseite der Kirche, quasi an der Schwelle zum Haus Gottes, wie es im Psalm (Ps 84,10) heißt. Manchmal auch hinter der Ostfassade. Die Äbtissinnen begrub man im Kapitelsaal, der aber in Helfta auch schon lange nicht mehr steht. Dort würde man ja das gesuchte Grab auch nicht finden. Und was würde man denn erwarten, wenn man den Friedhof fände? Beschriftete Knochen? Aufgrund dieser Sachlage hier vor Ort weiß ich irgendwie nicht, wie jene Reliquien, die es gibt, gewonnen worden sind. Nach meiner Kenntnis ist der Platz des mittelalterlichen Nonnenfriedhofs an diesem Ort bis dato unbekannt.

Dienstag, 28. Januar 2020

Gertrud und Gertrud - wer ist wer in Helfta?

Die heilige Gertrud von Helfta, die einzige Frau, der man im 17. Jahrhundert den Titel 'die Große' beigefügt hat, wird oft mit Äbtissinnenstab und Kreuz dargestellt. Diese Insignien trug sie zu Lebzeiten aber gar nicht. Vieles, was an Helftaer Überlieferung da war, wurde von da an mit ihrem Namen verbunden. Und manches wurde ihr dabei auch in die Schuhe geschoben, wie beispielsweise Gebete ihrer Mitschwester Mechtild von Hakeborn. - Aber - unbesehen der Tatsache, dass ihr Hauptwerk sicher spirituelle Tiefe hat - warum geht jemand erst mehr als 150 Jahre nach seinem Tod als Stern am Heiligenhimmel auf? Haben ihre Zeitgenossen ihre Heiligkeit gar nicht bemerkt? Und warum hat man von da an die Überlieferung von Helfta unter ihrem Namen subsummiert? Weil derartiges Schriftgut in jener Zeit vielleicht auch soetwas wie eine 'Marke' für eine religiöse Haltung war? Vielleicht weil das Geschriebene teilweise für einen Frömmigkeitsstil stand, den es zu ihren Lebzeiten so noch nicht gab, der sich also von dem ihrer Mitschwestern etwas absetzte und ab dem 16. Jahrhundert forciert entwickelte? Mechtild von Hakeborn kennt in ihrem überlieferten Werk eine solche Individualfrömmigkeit nicht. Im Gegensatz zu Mechtild, bei der der Himmel fast immer bevölkert ist, wenn auch persönliche Begegnungen stattfinden, liegt der Schwerpunkt von Gertruds Schaffen auf dem Ich.  War da nicht auch ein bisschen der zeitgebundene Bedarf einer religiösen Erneuerung des 16. Jahrhunderts, war also ein frommer Wunsch der Vater dessen, was nun wurde, so kurz nach der Reformation? 

Für die Exercitia spiritualia beispielsweise, deren einzige Textquelle der Druck eines Kartäusermönches von 1536 ist, und der eben der Meinung war, dass die Exercitia von Gertrud mitverfasst sind, frage ich mich - entgegen der vorherrschenden Meinung - aufgrund der so völlig anderen Konzeption des Werkes sehr deutlich, ob Gertrud wirklich die Autorin dieses Werkes ist. Ist man nicht auch heute sehr schnell dabei, den Begriff Helftaer Mystik für alles zu nehmen, was aus Helfta kommt, ohne eine Differenzierung im Detail? Wie eingehend ist denn geprüft worden, dass es nicht aus der Feder einer Hakebornerin stammt? Könnte Gertrud nicht auch Gertrud von Hakeborn, eben jene berühmte Äbtissin gewesen sein? Wenn man heimlich ein Buch mit den Gedanken von Mechtild aufschreiben kann, warum dann nicht auch ein Buch mit dem Gedankengut einer hochverehrten Äbtissin?

Die großen Postulate stellt man zumeist nicht in Frage, sondern versucht alles so zu interpretieren, dass es in das vorgegebene Schema passt. Weil mir dies am Herzen liegt, weil ich in meiner Lektüre dieser Frauen zu dem Schluss gekommen bin, dass Konzeption und Stil anders sind als das, was Gertrud von Helfta im Legatus von sich gibt, mag die 'entsetzliche' Frage, möglicherweise auch die entsetzlich dumme Frage, erlaubt sein, ob die Exercitia spiritualia nicht das geistige Eigentum einer anderen Gertrud seien und wir es hier, ebenso wie beim Liber specialis gratiae damit zu tun haben, dass eine begabte Schreiberin mit Sinn für die Größe dessen, was sie da notiert, im Auftrag ihrer Äbtissin, nämlich der Nachfolgerin jener Gertrud, das geistige Erbe der beiden großen Hakebornerinnen zu Papier gebracht hat.

Es war sicher nicht Gertrud selbst, die sich da eventuell mit fremden Federn geschmückt hat. Das haben Menschen lange nach ihrem Tod aus ihrer zeitgebundenen Motivation heraus getan. Vielleicht hat auch die Überlieferung einen solchen Irrtum besorgt, denn eine Sache von einer Gertrud unter dem Namen einer anderen Gertrud einzusortieren, ist nicht wirklich schwer. Ich möchte diese Fragestellung hier aufwerfen und eine Lanze brechen für eine Frau, die in der Tat Äbtissin war, ihr Kloster in schwieriger Zeit von ihrem 19. Lebensjahr an über 40 Jahre geleitet hat und in dieser Zeit zu einer Blüte führte, wie sie Helfta danach nie wieder erlebt hat. Schließlich war es Gertrud die Große selbst, die die Lebensbeschreibung dieser Frau inklusive ihrer Bewunderung für sie im Liber specialis gratiae zu Papier gebracht hat.

Donnerstag, 9. Januar 2020

Konziliengeschichte im Hymnus

In den letzten Wochen habe ich mich intensiver mit dem Hymnus Conditor alme siderum befasst und war dabei ganz fasziniert von Inhalt und Form. Dabei stellte ich fest, dass dieses Werk, das ursprünglich wohl ein reiner Vierzeiler mit Bekenntnischarakter gewesen ist, also eher eine Akklamation als ein wirklicher Hymnus, im Laufe der Zeit, d.h. zwischen dem vierten und dem sechsten Jahrhundert, immer länger wurde, bis er im siebten Jahrhundert schließlich in der Form, die wir heute kennen, als Adventshymnus in Hymnarien erscheint (vgl. Gneuss).

Auffällig ist darin die wiedergespiegelte Konzilsgeschichte: Konstantinopel 381, Ephesus 431, Chalcedon 451. Schon allein der Text der ersten Strophe kann gegen einige Häresien bestehen. Und irgendwie paraphrasiert er ein bisschen den Christus-Hymnus im Kolosserbrief. Damit hat er auch einen anti-gnostischen Zug.

Mit dem erhabenen Schöpfer ist Christus in der kosmischen Dimension des Kolosserbriefes angesprochen. Sodann folgt mit der Bezeichnung ewiges Licht eine Absage an die Arianer, für die dieser Christus nicht ewig sein konnte und auch gegen die Manichäer, für die zwar Christus in einem Zusammenhang zum Licht stand, jedoch nicht als dessen Urheber. Schließlich scheint eventuell noch ein Hieb gegen die Donatisten ausgeteilt, wenn Christus als Erlöser von allem ja auch die in Verfolgungszeiten passager abgefallenen Getauften erlöst. Allein in dieser Strophe passt sich die Melodie dem Text an, während es in den nachfolgenden Strophen keine eindeutige Text-Melodie-Beziehung mehr gibt.

In Strophe zwei geht es um die Zwei-Naturen-Lehre. Und je nachdem, ob man am Ende der ersten Verszeile einen Ablativ (interitu) oder einen zum Reim besser passenden Akkusativ (interitum) gelten lassen möchte, wird man sich theologisch auf eine andere Seite schlagen. Die monophysitische Version hat sich über die Zeit offenbar verflüchtigt.

In der dritten Strophe geht es nun irgendwie von vorne los, denn nachdem Christus schon durch seinen Tod der Menschheit ein Heilmittel gegeben hat, kommt er nun erst zur Welt. Hier sind wir inhaltlich beim Konzil von Ephesus, das Maria als Gottesgebärerin benannte. Aber diese Aussage betont somit auch Christus als Gott, was für die Zusammengehörigkeit der Strophen 3 bis 5 von hoher Bedeutung ist. Denn in Strophe vier wird mit dem Text des Philipperbriefes Christus als der Starke benannt, der mit der Umschreibung als wiederkommender Richter in Strophe fünf zugleich auch der Unsterbliche ist. Schon der Zwettler Zisterzienserpater Alexander Lipp hatte in seinem Hymnenkommentar von 1890 diesen Anklang an das Trishagion des Karfreitags bemerkt, welches als Formel oder Gesang in Chalcedon zuerst erwähnt ist. In diesen Hymnus ist mit agie auch ein griechisches Wort hineingelangt. Die älteste Tradition des Singens des Trishagion im Abendland soll Benevent haben...

Nach meiner Ansicht gibt es unter der Voraussetzung einer strophenweisen Verlängerung über einen längeren Zeitabschnitt und angesichts der in der ersten Strophe vorhandenen Anklänge an Häresien des vierten Jahrhunderts dann doch wieder Gründe, dem Ambrosius von Mailand die erste Strophe nebst Melodie in die Schuhe zu schieben. Im Rahmen einer heftigen antiarianischen Auseinandersetzung mit dem Kaiserhaus um die Basilica Portiana 385/386 gäbe es - wohlgemerkt kurz nach dem ersten Konzil von Konstantinopel - durchaus einen Anlass, von dem Augustinus in seinen Bekenntnissen (Conf. 9,7,15) schreibt, dass diese Auseinandersetzung der Anlass gewesen sei, Gesänge nach dem Brauch der Ostkirche in die Liturgie einzuführen. Die erste Strophe ist als in sich geschlossene inständige Bitte im vierten Kirchenton verfasst. Vielleicht war es ja auch in einer vital bedrohlichen Situation einst eine so inständige Bitte...

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BERLINER REPERTORIUM, Conditor alme siderum: URI:
https://repertorium.sprachen.hu-berlin.de/repertorium/browse/hymn/7165?
skip=0&_bc=S1.7165, abgerufen am 29.12.2019

GNEUSS, Helmut, Zur Geschichte des Hymnars, in: Andreas HAUG – Christoph MÄRZ
– Lorenz WELKER (Hgg.) Der lateinische Hymnus im Mittelalter. Überlieferung –
Ästhetik – Ausstrahlung, (Bärenreiter-Verlag, Kassel / Basel [u.a.]), 2004, S. 63 – 86.

LIPP, Alexander, Die Hymnen des Cistercienser – Brevieres, Heinrich-Kirsch-Verlag,
Wien, 1890.

PLANK, Peter, Trishagion, LTHK 10, (Herder – Verlag, Freiburg -
Basel – Rom – Wien), 2001, Spp. 262-263.

WILLIAMS, Rowan D., Arius, Arianismus, LTHK 1, (Herder – Verlag, Freiburg -
Basel – Rom – Wien), 1993, Spp. 981-989.







Sonntag, 24. November 2019

Klöster und Branding

Eigentlich war ich auch früher schon beeindruckt, wieviele Produkte es doch gibt, die man mit einem bekannten Klosternamen als "Klosterprodukt" kaufen kann oder solche, die zumindest als Produkt nach Klosterrezept vertrieben werden oder aber noch solche, die zwar weder ein echtes Klosterprodukt sind noch einem klösterlichen Rezept oder Produktionsverfahren folgen, jedoch dennoch mit einem Klostermarketing auftreten, weil der Ort, an dem die Firma produziert, einst ein Kloster oder Klosterort war. Und es werden stetig mehr. Lässt sich das in Zahlen ausdrücken? So klar, wie man meinen möchte, ist der Begriff "Klosterprodukt" ja keineswegs. Von daher lohnte es sich, einmal etwas Ordnung in diese Vielfalt zu bringen.

Was fasziniert daran, mit dem Begriff 'Kloster' und diverser weiterer Begriffe aus diesem Wortfeld ein Produkt zu bewerben? Ist es vielleicht so eine Art Bio - Effekt, der diese Produkte mit einer idealisierten klösterlichen Lebensweise in Verbindung bringt, in der sich vollkommene Sorgfalt und höchste Reinheit mit einer gedanklich egozentrischen Szenerie paaren, in der der Verbraucher einem monastischen Erzeuger ein Leben wie im Paradies, d.h. in einer idyllischen Klosterkulisse in der Stille der Natur und in permanentem inneren Frieden unterstellt? In irgendeiner Form muss da soetwas wie Nostalgie mitspielen. Aber auch die satirische Ebene kommt werbend zur Geltung, wenn es darum geht, als Unternehmen mit diesem Begriff ein Geschäft zu machen. Es gibt also echte und unechte Klosterprodukte, solche, die für die 'Frommen' als Zielgruppe beworben werden und solche, die eher die Distanzierten und Spötter aufs Korn nehmen. Und dann gibt es eben tatsächlich noch die originalen, von monastischer Hand gefertigten und vertriebenen, Klosterprodukte.

Das große Paradox an diesem Markt: Das Interesse am Klosterleben ist mehr als gering. Immer weniger Menschen interessieren sich für einen solchen Lebensweg. Die Zahl derer, die als Ordensleute noch Anteil an solcher Produktion haben, schwindet, und die verbleibenden Mitglieder in den Gemeinschaften müssen zunehmend mehr Arbeitslast übernehmen. Ein riesiger Markt scheint einer aussterbenden Welt den Hof zu machen. Ja - die Attraktivität von Klosterprodukten liegt durchaus im Trend. Die Nachfrage erscheint eher steigend. Und sie wandelt sich auch. Hierauf könnte man einmal ein analytisches wissenschaftliches Auge werfen. Mir ist solche Forschung in größerem Stil nicht bekannt.

Klosterprodukte, Klostermärkte früher und heute, der Weg in die Ladenketten, die Vermarktungsstrategien, die Veränderung von Produkten und Produktionswegen und die Abkopplung der Kloster-Produkte vom Kloster durch Verkauf der Marke oder durch Untergang des Klosters, die Rolle von Transportwegen und - mitteln, auch die Entfremdung der Produkte vom eigentlichen Zweck, dass nämlich der Erlös dem Unterhalt eines Klosters dient - all das wäre ein Blickwinkel über den man noch so manches erforschen könnte, gerade angesichts der großen Veränderungen, die vor allem im 19. und 20. Jahrhundert den Klöstern Anpassungen abverlangten. Und sicher gibt es noch viele weitere Aspekte.

Samstag, 24. August 2019

Diskrete Indiskretion

Klöster sind Orte des Schweigens. Wenigstens sollten sie das sein. Wer in einer Haltung des Betens schweigt, der hört und sieht und erkennt Dinge anders. Aber Klöster sind auch Schulen zur Übung in solcher Disziplin. Manch ein 'Schüler' braucht lebenslänglich, um sowas zu lernen.

Schweigen hat auch mit Diskretion zu tun. Wenn man sehr eng und dauerhaft miteinnander zusammenlebt, erfährt man mit der Zeit auch so einiges über die anderen und umgekehrt. Das lässt sich gar nicht vermeiden. Anderes erfährt man wiederum nie, weil Begegnungen und damit verbundene Erfahrungen zumeist kontextbezogen sind. Das fällt zumeist auch nicht auf oder erst, wenn sich durch äußere Veränderungen andere Situationen ergeben oder anlässlich eines Nachrufes. Dabei geht die "Wissenspyramide" von oben nach unten. Von Neueintretenden will man natürlich alles wissen. Die älteren wissen ohnehin voneinander, nach unten hin wird es dann immer weniger. Sind Klöster aber deshalb schon Orte der Diskretion?

Eines scheint - je nach Kloster - nicht in den Bereich des Schweigens zu gehören: Der Umgang mit den Krankheiten von Mitschwestern. Als Gemeinschaft möchte man natürlich wissen, wie es dem anderen geht. Ob dabei der vordringlichste Grund aber das Gebet für die Kranken ist, das man ja auch ohne dieses Wissen zum Himmel schicken kann, wage ich zu bezweifeln. Vor allem war es verschiedentlich offenbar durchaus Praxis, wie ich gerade in alten Briefen aus den 1990er Jahren eines süddeutschen Klosters las, solche Informationen sogar in Freundesbriefe zu drucken und sie auch mündlich weiterzugeben. - Dankeschön! - Dazu fallen mir dann auch gleich so tolle Fürbitten ein, die ich früher öfter hörte, wie: "Herr, hilf den Kranken, ihr Leiden als Dein Kreuz anzunehmen!"  Ja, es dürfte wirklich ein Kreuz sein, wenn man krank darniederliegt und andere nichts Besseres zu tun haben, als die eigene Befindlichkeit in jedem Detail nach außen zu tragen. In meinen Augen liest sich sowas abscheulich. Und es ist erst dreißig Jahre her! Ob die Betreffenden sich dessen bewusst waren, dass es auch ihnen so hätte ergehen können oder vielleicht auch schon so ergangen ist? Ob das alle so getan haben?

Wenn jemand sein Leiden tapfer erträgt, nennt man das in Klostersprache 'erbaulich'. Darüber hat man Hagiographien geschrieben. Und in dieser Form war solches Beobachten jahrhundertelang legitimiert. Möglicherweise erhält das Miteinander im Krankendienst in einer beiderseitigen durchbeteten Atmosphäre der einander wertschätzenden Begegnung ab und zu tatsächlich dieses Charisma, also ein Etwas, das sich kommunizierend zwischen zwei Personen abspielt, die sich trotz unterschiedlicher Rollen (Helfender und Hilfsbedürftiger) achten. Aber die modernere Form davon (also die von vor dreißig Jahren) hat eher etwas von kalter voyeuristischer Deskription. Man kann alles als Ritus pflegen und fortführen, jahrhundertelang. Aber wenn der Geist aus einem Ritus verschwunden ist, dann wird er zur leeren Hülle.

Freitag, 16. August 2019

Klöster und der lange Weg von einer Theorie zur Praxis

Das Jahr 1993 ist ja schon eine ganze Weile her. Damals war ich Studentin, sang in einer Choralschola und nahm gerade mit anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern an einem Choralkurs in einem süddeutschen Benediktinerkloster teil. Es war ein Zusammentreffen der Scholamitglieder und Kantoren vieler Orte, an denen Gregorianik praktiziert wurde, also von Laien ebenso wie von Ordensleuten unterschiedlicher benediktinischer und zisterziensischer Frauen und Männerklöster.  Man lernte sich kennen, fragte viele Dinge, besuchte sich dann auch mal und tauschte sich in jedem Fall über viele interessante Themen rund um das Klosterleben aus und hatte dort natürlich auch die sonst seltenere Möglichkeit des Vergleichs von Vertretern von Ordensgemeinschaften untereinander. Es war schön, informativ, und von dort brachten wir auch jedesmal - der Kurs ging über drei Jahre - interessante Impulse für unsere Choralarbeit mit. Die Verbindungen hielten über Jahre, man sah sich, lernte neue Leute im Umkreis der Klöster kennen und immer auch neue Ideen. 

Eine dieser Ideen, die an der Schnittstelle von christlichem Studentenleben (KSG und ESG) in Kontakt mit Klöstern gegen Ende meines Studiums (1998) diskutiert wurde, war das Thema "Freiwilliges spirituelles Jahr". Denn es gab damals schon einige StudentInnen vor allem aus den Freikirchen, die ein "Jahr für Gott", entstanden in den 1950er Jahren, abgeleistet hatten. In jener Zeit kam auch das "Freiwillige ökologische Jahr" auf. Katholischerseits gab es damals schon "Kloster auf Zeit", nach meiner Erinnerung waren das als begleitete Wochen meist ein bis zwei Wochen. Wenn man schonmal öfter da war, gingen auch etwas längere Zeiträume. Alles andere war individuelles Geschehen. Das hatte den Effekt, dass es heute viele Menschen gibt, die im Kontakt zu den Klöstern das monastische Stundengebet pflegen und führte zu einer Belebung des Oblateninstituts um die Klöster herum. Ab und zu gab und gibt es dann auch echte Eintritte aus solch einem Kreis. Die meisten aber blieben und bleiben in ihrem angestammten Berufsleben. - Nun gibt es seit 2016 in Österreich und ab diesem Jahr auch in Deutschland das "Freiwillige Ordensjahr".

Mir imponiert inzwischen ein anderer Gedanke sehr, der mehr unverbindliche Gestaltungsmöglichkeiten lässt und neben Einblicken auch Wissen vermittelt - die Schule der Gertrud von Hakeborn neu aufzubauen. Es ist nämlich nicht damit getan, hinter die Kulissen zu schauen, man bedarf auch einer Anleitung, "was da auf der spirituellen Innenseite als Motivation abgeht".  So etwa stelle ich mir das vor: Nicht im Konvent der Professschwestern, sondern separat davon, aber mit einer zwingenden Konnexstelle zum Klosterkonvent, sei es durch gemeinsame Horen, eine angeleitete Arbeit oder richtigen Unterricht mit viel Fragemöglichkeit, eine Schule, die nicht das vermittelt, was man in der Schule lernt, sondern die das monastische Leben in vielerlei Hinsicht als praktische Lernmöglichkeit abbildet, das bietet, was eigentlich seit jeher internes monastisches Ausbildungsprogramm wäre (z.B. Ablauf des Stundengebets, RB, Choralunterricht, Liturgie, Texte monastischer Autoren, Ordensgeschichte, Ordensheilige) gepaart mit dem labora-Teil und der Teilnahme an den Gebetszeiten.

Zu uns kommen einige Schulklassen, die Klosterleben kennenlernen wollen, weil das Mittelalter als Unterrichtsthema in der siebten Klasse auf dem Lehrplan steht. Was anlassbezogen läuft, könnte man durchaus auch für einen größeren Interessentenkreis und dauerhaft anbieten kann, wo man beispielsweise einmal in einer größeren Gruppe begleitet eine Mahlzeit mit Tischlesung im Schweigen erproben kann. Was Schüler mit Begeisterung machen, könnten auch Erwachsene interessant finden.
Vor nicht allzu langer Zeit habe ich beispielsweise - neben anderen - eine Gruppe begleitet, deren Themen 'Klosterküche', 'Mittelalterlicher Fundamentbau mit theologischem Bezug', 'Pilgernde Frauen im Mittelalter' waren. Bei einer anderen Gruppe ging es um die monastische Kleidung und deren Bedeutung, um die elementar notwendige Bildung für einen mittelalterlichen Chormönch, eine Chornonne, um Klosterkrimis und die dahinterstehenden Problematiken, um Urkunden, um Siegel, um Klosteranlagen und ihre biblische Sinngebung). Dabei war der Schwerpunkt das klösterliche Miteinander anhand der Thematik, sowohl in der Gruppenarbeit, als auch bei den Mahlzeiten. Eine solche Annäherung finde ich gut, weil hier eine adaptierte und vielseitige Annäherung erfolgt. Zudem fände ich es auch nicht schlecht, eine solche Schulform unter einem Langzeitforschungsaspekt zu etablieren mit universitärer Anbindung. Im Mittelalter hat man in Klöstern gelernt und damit auch die Klöster als Teil der Welt kennengelernt. Das hat beiden Seiten was gegeben. Und die Kinder solcher Klosterschüler sind wieder in diese Schulen gegangen, die betagte Generation zog sich am Lebensabend in die Klöster zurück. Ein solches Eingebundensein hätte in der Tat ein großes Potential auch der sozialen Wertevermittlung - damit ist ganz und gar nicht Mission gemeint, sondern wirklich eine Wertevermittlung. Die heute oft gestellte Frage lautet doch, was Klöster der Gesellschaft praktisch-konkret zu geben haben - z.B. sowas. Es könnte zum gegenseitigen Vorteil sein!