Montag, 27. April 2020

Innocenz IV. privilegiert die Zisterzienserinnen

Während des Thüringischen Erbfolgekrieges 1247 - 1264 mischte sich der Papst ganz aktiv in das lokale Geschehen ein. Die folgende Urkunde vom 05. Juni 1249 aus dem Stadtarchiv in Nordhausen (StadtA NDH, Best. 1.2./ II Ob 2, S. 349f.), die heute nur noch kopial überliefert ist, könnte dabei der Anreiz für die Stifter gewesen sein, Frauenklöster zu gründen. Denn in jenen Jahren sind eine ganze Reihe thüringischer und hessischer Frauenklöster zisterziensischer Prägung neu entstanden, die es allerdings langfristig nicht immer schafften, selbst wenn sie Abkömmlinge anerkannter Zisterzienserinnenklöster waren, was im Detail auch noch zu erforschen wäre, den gleichen Status zu bekommen, wie ihre Mutterklöster. Hier sehe ich einen interessanten neuen Aspekt in der Forschungsgeschichte Mitteldeutschlands. Nach meinem Empfinden wirft die folgende Urkunde noch einmal ein ganz anderes Licht auf die Blütephase der Zisterzienserinnenklöster. Sie ist meines Wissens die einzige, die je von einem Papst an die Äbtissinnen des Ordens gerichtet wurde. Es muss davon mit Sicherheit Abschriften in anderen Klöstern gegeben haben. Der Zeitpunkt war äußerst günstig: Der Mainzer Stuhl war vakant. Und dass die Überlieferung so gering ist, verwundert auch nicht, denn die meisten thüringischen Klöster sind bischöflichen Rechts gewesen bzw. geworden. Hier der Text der Urkunde, die sich nur bei Dobenecker (III, 1726) und Förstemann (Neue Mitteilungen aus dem Gebiet hist.-antiqu. Forsch. 13/4 1874, S. 546f.) als Regest findet, nicht aber bei Potthast (von mir transkribiert, ergänzt [ ] und übersetzt):

Innocentius Episcopus servus servorum Dei dilectis in Christo filiabus Abbatissis earumque conventibus universis Cister[c]i[i] ordinis salute[m] et apostolicam benedictionem.

Solet annue sedes apostolica piis votis ex honestis petentium precibus favorem benevolum impartiri. Eapropter dilecta in Christo filia vestris iustis postulatibus grato concurrentes assensu ut eisdem privilegiis et indulgentiis vobis conpetentibus quibus ordo vester munitus dinoscite uti lib[er] valeatis, plenam vobis concedimus authorit[a]te praesentium facultatem. Nulli ergo omni[no] hominum liceat hanc paginam nostrae con[ci]onis infringere vel ei ausu temerario contra[ire] signis autem hoc attentare praesumpserit in[di]gnationem omnipotentis Dei et beatorum Pe[tri] et Pauli apostolorum eius se noverit incursu[m].

Datum Lugdunum Nonis Junij pontificatis Annorum 6.


Innocenz, Bischof, Diener der Diener Gottes, den in Christus geliebten Äbtissinnen und ihren Konventen des Zisterzienserordens Heil und apostolischen Segen. Aus den ehrenwerten Gesuchen der sich an ihn wendenden, pflegt der apostolische Stuhl jährlich, frommen Bitten eine wohlwollende Begünstigung zu gewähren. Deshalb, in Christus geliebte Tochter, da Eures Rechtes Bittgesuche auf willkommene Zustimmung treffen, gestatten wir Euch mit unserer Autorität auf Eure Bitten hin das volle Recht des hier genannten. Nehmt also zur Kenntnis, dass ihr dieselben Privilegien und Nachlässe frei gebrauchen könnt, mit denen Euer Orden ausgestattet ist. Keinem Menschen sei es erlaubt, diese Seite unserer Rede zu entkräften oder sich ihr mit tollkühnem Wagemut entgegenzustellen; wagte er jedoch dies anzutasten, möge er wissen, dass er sich in die Ungnade des allmächtigen Gottes und der seligen Apostel Petrus und Paulus hineinstürzt.
Gegeben zu Lyon in der Non des Juni des sechsten Jahres des Ponitifikats.

Samstag, 21. März 2020

Hieronymus Bosch, Dante Alighieri und Mechtild von Hakeborn

Vielleicht ist das eine seltsame Zusammenstellung - ich finde sie spannend. Ein Bezug zwischen Dante und Mechtild wird ja schon lange diskutiert. Dabei geht es darum, dass jene Matelda, die dem Autor Blumen pflückend am Rand des Gotteswaldes begegnet, Mechtild sei. Was aber könnte Hieronymus Bosch damit zutun haben?
Die Beziehung zwischen Mechtild von Hakeborn und Hieronymus Bosch erfolgt über ein Sprichwort, das bei beiden vorkommt: Der Wald hat Ohren, das Feld hat Augen. Bei Mechtild wird das Sprichwort allegorisch gedeutet. Hieronymus Bosch malt es in einer Federzeichnung. - Auch das kann mal vorkommen. Mir scheint jedoch, das Bild des Hieronymus hat einen inhaltlichen Bezug zur Vision der Mechtild von Hakeborn im Liber 2, Kapitel 22 des Liber specialis gratiae. Ich habe diesen in einem Artikel dargelegt, der in Heft 1/2020 der CistercienserChronik erscheint. [An dieser Stelle ist wirklich zu bedauern, dass das entsprechende Kapitel in der neuen englischen Ausgabe der Werke Mechtilds fehlt.]
Der Wald des Hieronymus hat zwei Ohren. In dem einen ist mitten in einem Wäldchen eine Frauengestalt mit Schleier skizziert. Das andere Ohr hat die Umrisse eines Männerkopfes. Wenn, wie es scheint, die Frauengestalt Mechtild ist, wer ist dann der Männerkopf am Rand des Wäldchens? Bosch selbst (zumal er die Federzeichnung gegen Ende seines Lebens anfertigte)? Es wäre eine Interpretationsmöglichkeit. Aufgrund des gemalten Wäldchens, der Augen als Blumen und dem Kontext der das Sprichwort behandelnden Vision bei Mechtild, könnte es auch Dantes Kopf sein, am Rand des Gotteswaldes. Hier der Link zum Bild, das sich heute im Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz befindet, in dessen Blog ich es fand.
Vielleicht finden sich in Literatur und Kunst des 14. bis 16. Jahrhunderts ja noch weitere Bezüge einer literarischen und künstlerischen Verarbeitung von Mechtilds Visionen. Ich sage es noch einmal: Für mich ist das sehr spannend und vertiefungswürdig.

Freitag, 20. März 2020

Adam von Sankt Viktors gesungene Predigt

Bei der Lektüre des Liber specialis gratiae finde ich es manchmal recht spannend, Texte auszugraben, die heute nicht mehr so vertraut sind. Da die Zisterzienser das Marienlob seit der Anfangszeit pflegen, mag es nicht verwundern, dass die Mariensequenzen, die bis auf eine Ausnahme mit der Liturgiereform des Konzils von Trient untergegangen sind, dort mit dem einen oder anderen Zitat erwähnt sind und somit zum Aufhänger einer Reflexion werden, der nicht so schnell zu folgen ist, wenn man den Text nicht präsent hat. Eine solche Sequenz stammt von Adam von St. Viktor, der seine Predigten gerne vertonte. Mechtild spielt in ihrer Reflexion (Liber I, Cap. XXXVII) auf Maria als Tempel an. Hier der deutsche Text des Ave Maria...virgo serena:

Gruß Dir , Maria, voll der Gnade,
der Herr ist mir Dir, fröhliche Jungfrau!

Unter den Frauen bist Du benedeit,
die den Menschen den Frieden geboren
und der Engel Ehre ist.

Gesegnet sei Deines Leibes Frucht,
die uns durch Gnade zu Miterben macht,
damit wir Sein (Eigen) würden.

Nämlich durch dieses Ave,
das der Welt so süß,
hast Du gegen das Recht des Fleisches
ein Kind geboren:
durch den neu geborenen Stern
den neuen Glanz.

Du warst des Erlösers Christi Tempel,
des Geringen und Großen,
des Löwen und des Lammes,
doch unberührte Jungfrau.

Du, der Blüte und des Tautropfens, 
des Schafes und Hirten der Jungfrauen  
Königin:
als Rose ohne Dornen
wurdest Du zur Gottesmutter gemacht.

Du Stadt des Reiches der Gerechtigkeit
bist Mutter der Barmherzigkeit,
indem Du vom Teich des Auswurfs und der Not
den Gott liebenden durch die Gnade verwandelst.

Dich rühmt der himmlische Hof,
Dich verehren wir mit unserer Hingabe,
durch Dich wird dem Schuldigen Gnade zuteil,
durch Dich bringen die Gerechten den Dank.

Deshalb, Stern des Meeres,
Keimzelle des Wortes Gottes
und des Einzigen Morgenröte;
Pforte des Paradieses,
von der das Licht ausgegangen ist,
bitte Deinen Sohn:

Dass er uns von Sünden löse
und ins Reich der Liebe
wo das Licht sorgsam leuchte,
für alle Zeiten einquartiere.
Amen.

Dienstag, 25. Februar 2020

Höhen und Tiefen auf dem klösterlichen Weg - eine Reflexion

Die meisten europäischen Klöster haben heute nur wenige Mönche oder Nonnen, und meist sieht man sie durch die Gegend sprinten, jedenfalls die, die man sieht. Das Thema Burnout ist durchaus eine reale Gefahr für manche Vertreter dieser Spezies. Doch schon Benedikt wusste, dass es auch die anderen gibt, wenn er sagte: Ist aber einer so nachlässig und träge, dass er nicht willens oder nicht fähig ist, etwas zu lernen oder zu lesen, trage man ihm eine Tätigkeit auf, damit er nicht müßig ist. (RB48,23). Aber daraus jetzt einfach gute und schlechte Mönche oder Nonnen zu machen, ist gar zu sehr vereinfacht. Denn jeder ist zu gewissen Zeiten und in gewissen Situationen gut oder schlecht. Es gibt keinen Menschen, der immer und überall nur eifrig sein kann. Und - Eifer hin, Eifer her - es bleibt dabei doch noch zu fragen: Was ist das Motiv eines Engagements? Für wen oder was wird Energie geleistet? Geht es am Ende vielleicht nur darum, besser zu sein als andere? Nein - weder das eine noch das andere ist nur gut oder nur schlecht. Alle im Kloster sind menschliche Wesen, die in Gesundheit und Krankheit wie auch im Laufe des Prozesses des Alterns Phasen erleben, in denen nicht alles so läuft, wie man es gerne laufen sähe, in denen auch einmal der Punkt erreicht ist, an dem einfach keine Motivation oder Kraft da ist, das Aufgetragene mit Elan zu tun. Und es gibt auch im Kloster durchkreuzte Pläne, gescheiterte Projekte, gleichgültig wie sie zustande kamen. Wenn darin viel Arbeit steckt und diese umsonst war, folgt erstmal tiefe Ernüchterung. Dann geht vorübergehend nichts mehr, und die Sinnfrage stellt sich. Diese Höhen und Tiefen verändern! Sie verändern aber auch ganz natürlich die Dynamik im Alltagsgeschehen und deren Außenwirkung. Doch die Power, die eine Gemeinschaft als Ganze hat, ist die Summe ihrer Mitglieder. Wenn alle in den Seilen hängen, weil man zum Beispiel nicht rechtzeitig auf entsprechende Belastungen reagiert hat oder an jahrhundertealten Traditionen festhält, weil es immer so war, dann ist das einer Gemeinschaft ebenso anzumerken wie einer, in der alle vor Energie gleich platzen würden. Die ausgleichende Funktion der Körperschaft für das Wohlbefinden des Einzelnen ist nicht zu unterschätzen. Im Kloster steht man füreinander ein oder man geht gemeinsam unter!

Das Gehorsamsgelübde spielt außerdem eine wesentliche, manchmal auch den jeweiligen Schwung beeinflussende Rolle. Ein Mönch oder eine Nonne ist gehalten, jedwede Sache zu tun, die ihm / ihr aufgetragen ist, unabhängig von eigenen Vorlieben und Talenten. Die jeweils aufgetragenen Dinge haben aber mitunter nicht nur den Aspekt der Erledigung einer Aufgabe, sondern auch persönlichkeitsbildende Funktion. Was in Klöstern zählt, ist nicht monastische Selbstverwirklichung an einem ausgesuchten Ort, sondern die Bereitschaft, mit den eigenen Fähigkeiten der Gemeinschaft zu dienen. Doch auch dies lässt noch viel persönlichen Interpretationsspielraum, wo es sich besser dienen lässt. In vielen Klöstern gibt es daher eine Art Rotationssystem. Denn es kann recht schnell passieren, dass ein Einzelner seinen Verantwortungsbereich bewusst oder unbewusst zum Machtbereich ausbaut. Ein monachus kann, auf Abwege gleitend, durchaus auch einmal zum dominus monopoli werden. Aber auch das Gegenteilige gibt es, dass eine insgesamt schwache Gemeinschaft ein vermeintlich starkes Mitglied aus reiner Angst um je eigene Chancen an den Rand drängt, diese Talente also nicht so nutzt, wie sie unter optimalen Bedingungen zum Nutzen der Gemeinschaft nutzbar wären. Hier kommt zudem das Gelübde der Armut ins Spiel. Und nicht immer wird soetwas unter diesem Begriff subsummiert, da vieles ja auch unbewusst läuft: Die Bedeutung von Einfluss und Beeinflussung über persönliche Kompetenzen und Möglichkeiten ist nicht zu unterschätzen. Auch dies ist in sich weder gut noch schlecht. Denn zum einen ist es notwendig, seine Fähigkeiten auch zu gebrauchen und Verantwortung wahrzunehmen, und zum anderen kommt niemand als perfektes Wesen auf die Welt. Hier hat die jeweilige Gemeinschaft korrigierende Funktion, die aber selbst als Ganze ebenso auf dem Weg des Lernens ist.

Gerade einer unliebsamen Aufgabe entläuft man auch im Kloster schneller, sie wird häufiger durch andere Tätigkeiten und sich anbietende Gelegenheiten unterbrochen. Wenn man dies mit weltlichen Arbeitsbedingungen vergleicht, wo es ebenso ist, dürfte das wohl kaum überraschen, denn die primäre Prägung eines Mönches oder einer Nonne kommt ja von draußen und ist je nach Eintrittsalter unterschiedlich intensiv ausgefaltet. Die Vorstellung täuscht, dass in einem Kloster alles perfekt laufen muss und alle wie Bienen in der Hochsaison schaffen - dies entspricht selbst in der Natur nur als Momentaufnahme der Schöpfung, denn auch Bienen haben einen Rhythmus und Ruhephasen. Permanente Betriebsamkeit wäre unmenschlich, und solche Erwartung ist genauso ein von außen aufgestülpter Mythos wie permanente 'betende' Untätigkeit. Denn ein wesentliches Merkmal klösterlichen Seins ist der Rhythmus, der beständige Wechsel von Arbeit und Betrachtung im Gebet. Diesen Dienst übt die Gemeinschaft als Ganze aus. Es ist Sorge des Abtes / der Äbtissin, dem Individuum innerhalb der Gemeinschaft im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten den Raum zu geben, der diesem Menschen dient, seinen monastischen Weg zu gehen, in dem er seine kreativen Fähigkeiten zum Wohl und Nutzen der Gemeinschaft einsetzen kann. Auch hier hat schon Benedikt von den Starken und Schwachen gesprochen. Und es ist sehr vielfältig, worin man stark und schwach sein kann.
 
Auf dieser Ebene liegt auch der Begriff Einsamkeit. Eine Gemeinschaft respektiert im optimalen Fall die Bedürfnisse des Einzelnen und hilft ihm / ihr mit Toleranz und Geduld auf den Weg. Doch nur jemand, der ganz bei sich sein kann und es dort aushält, ist auch gemeinschaftsfähig. Vieles lässt sich kompensieren über Arbeit und Kreativität, zum Teil über lange Zeit. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Einsatzort. In einem Klosterladen oder im Gästebereich oder in der Sakristei wird man durch mehr Infos unterhalten, mit mehr Sorgen oder auch Nöten konfrontiert, als wenn man Gästezimmer oder Gänge zu putzen hat oder die Senioren seines Hauses verpflegt. Erstgenannte Arbeitsplätze bieten durch ihre Abwechslung mehr Möglichkeiten, sich von sich selbst abzulenken und sich in den Augen anderer zu profilieren. Doch nicht immer im Leben wird es so sein, dass jemand mit 'seiner' Arbeit beschäftigt ist und reichlich Außenkontakte pflegen kann. Zudem gibt es niemanden, der dauerhaft nur produktiv und von Nutzen ist. An diesem Punkt zeigt sich dann auch die Herausforderung im Miteinander gemeinschaftlichen Lebens, dort wo Gesprächsgelegenheiten gesucht werden, weil jemand im Laufe der Jahre eben doch nicht bei sich zu Hause angekommen ist, weil es gerade keine interessanten Dinge gibt, weil gerade nichts passiert. Ja - an diesem entscheidenden Punkt zeigt sich, ob jemand über die Zeit zum Beter wird oder für Geschwätz offen ist, wie schon Benedikt weiß.

Sonntag, 2. Februar 2020

Wo hatte Gertrud ihr Grab? - Die häufigste Frage in Helfta.

Eines vorab: Helfta kennt weder die Begräbnisstätte der hl. Gertrud noch verfügt das Kloster über Reliquien dieser Heiligen. Deshalb die Gegenfrage: Wo kommen die Reliquien her, die von Gertrud in Umlauf sind? Und in der Tat gibt es Orte, die über eine authentisch beglaubigte Reliquie verfügen. Da wäre es doch ein interessanter Ansatz, einmal den Weg vom Knochen zum Grab zu gehen, statt umgekehrt. Das ist zwar aufwändig, doch irgendwo ist immer notiert, wer wann eine Reliquie wohin verschenkt hat. So müsste man dann auch schlussendlich zumindest den Namen der Instanz erfahren können, die am Anfang der Vergabe stand.
Gesetzt den Fall, Papst Innozenz XI. hätte 1678 bei der offiziellen Heiligsprechung Reliquien gehabt, so dürfte es darüber sicher auch noch Unterlagen geben. Dann müsste sich auch der Name dessen finden können, der ihre Knochen von Helfta nach Rom geschafft hätte. Und diese Person müsste dann wohl gewusst haben, wo ihr Grab war... Dies zumindest unter der Prämisse, dass es schon lang vorher eine Verehrung gegeben hätte und er nicht geschwindelt hat.
Ist eine Verehrung vor diesem Zeitpunkt nicht der Fall, so muss man annehmen, Gertrud ist als eine unter vielen anderen Mitschwestern bestattet worden. Und dies an einem Ort, der zwischen 1342 und 1525 gar nicht als Klosterort genutzt wurde, da die Schwestern ja ihr Kloster in die Stadt Eisleben verlegt hatten. Haben sie die Knochen aller bis dahin Verstorbenen dorthin mitgenommen? Dann wäre das Grab zwischenzeitlich also in Eisleben gewesen? ... Und dann nach der Reformation wieder zum alten Standort gewandert?... Darüber kann man viel fantasieren. Und dann ist da noch die nachklösterliche Zeit, die ja auch noch vor der Heiligsprechung begann, der dreißigjährige Krieg, dem es Helfta verdankt, dass die alten, bis dahin irgendwie erhaltenen Konventgebäude des Klosterquadrats restlos untergingen. Wer hat sich in jener Zeit um den Erhalt einer klösterlichen Grabstätte gekümmert? Mit dem Verstand will sich mir das alles nicht erschließen.

Andere gehen anders an die Frage heran, wollen aber wahrscheinlich zum gleichen Ziel. Da lautet die Frage dann: Wo hat man früher in einem Frauenkloster bestattet? 
Darüber gibt es sicher ein bisschen mehr an Antwortmöglichkeiten, da es einige Literatur über Frauenklöster gibt, die manchmal auch den Friedhof erwähnen. Und da erfährt man dann, dass es an folgenden Orten sein kann: im Kreuzgang oder an der nördlichen oder südlichen Aussenseite der Kirche, quasi an der Schwelle zum Haus Gottes, wie es im Psalm (Ps 84,10) heißt. Manchmal auch hinter der Ostfassade. Die Äbtissinnen begrub man im Kapitelsaal, der aber in Helfta auch schon lange nicht mehr steht. Dort würde man ja das gesuchte Grab auch nicht finden. Und was würde man denn erwarten, wenn man den Friedhof fände? Beschriftete Knochen? Aufgrund dieser Sachlage hier vor Ort weiß ich irgendwie nicht, wie jene Reliquien, die es gibt, gewonnen worden sind. Nach meiner Kenntnis ist der Platz des mittelalterlichen Nonnenfriedhofs an diesem Ort bis dato unbekannt.

Dienstag, 28. Januar 2020

Gertrud und Gertrud - wer ist wer in Helfta?

Die heilige Gertrud von Helfta, die einzige Frau, der man im 17. Jahrhundert den Titel 'die Große' beigefügt hat, wird oft mit Äbtissinnenstab und Kreuz dargestellt. Diese Insignien trug sie zu Lebzeiten aber gar nicht. Vieles, was an Helftaer Überlieferung da war, wurde von da an mit ihrem Namen verbunden. Und manches wurde ihr dabei auch in die Schuhe geschoben, wie beispielsweise Gebete ihrer Mitschwester Mechtild von Hakeborn. - Aber - unbesehen der Tatsache, dass ihr Hauptwerk sicher spirituelle Tiefe hat - warum geht jemand erst mehr als 150 Jahre nach seinem Tod als Stern am Heiligenhimmel auf? Haben ihre Zeitgenossen ihre Heiligkeit gar nicht bemerkt? Und warum hat man von da an die Überlieferung von Helfta unter ihrem Namen subsummiert? Weil derartiges Schriftgut in jener Zeit vielleicht auch soetwas wie eine 'Marke' für eine religiöse Haltung war? Vielleicht weil das Geschriebene teilweise für einen Frömmigkeitsstil stand, den es zu ihren Lebzeiten so noch nicht gab, der sich also von dem ihrer Mitschwestern etwas absetzte und ab dem 16. Jahrhundert forciert entwickelte? Mechtild von Hakeborn kennt in ihrem überlieferten Werk eine solche Individualfrömmigkeit nicht. Im Gegensatz zu Mechtild, bei der der Himmel fast immer bevölkert ist, wenn auch persönliche Begegnungen stattfinden, liegt der Schwerpunkt von Gertruds Schaffen auf dem Ich.  War da nicht auch ein bisschen der zeitgebundene Bedarf einer religiösen Erneuerung des 16. Jahrhunderts, war also ein frommer Wunsch der Vater dessen, was nun wurde, so kurz nach der Reformation? 

Für die Exercitia spiritualia beispielsweise, deren einzige Textquelle der Druck eines Kartäusermönches von 1536 ist, und der eben der Meinung war, dass die Exercitia von Gertrud mitverfasst sind, frage ich mich - entgegen der vorherrschenden Meinung - aufgrund der so völlig anderen Konzeption des Werkes sehr deutlich, ob Gertrud wirklich die Autorin dieses Werkes ist. Ist man nicht auch heute sehr schnell dabei, den Begriff Helftaer Mystik für alles zu nehmen, was aus Helfta kommt, ohne eine Differenzierung im Detail? Wie eingehend ist denn geprüft worden, dass es nicht aus der Feder einer Hakebornerin stammt? Könnte Gertrud nicht auch Gertrud von Hakeborn, eben jene berühmte Äbtissin gewesen sein? Wenn man heimlich ein Buch mit den Gedanken von Mechtild aufschreiben kann, warum dann nicht auch ein Buch mit dem Gedankengut einer hochverehrten Äbtissin?

Die großen Postulate stellt man zumeist nicht in Frage, sondern versucht alles so zu interpretieren, dass es in das vorgegebene Schema passt. Weil mir dies am Herzen liegt, weil ich in meiner Lektüre dieser Frauen zu dem Schluss gekommen bin, dass Konzeption und Stil anders sind als das, was Gertrud von Helfta im Legatus von sich gibt, mag die 'entsetzliche' Frage, möglicherweise auch die entsetzlich dumme Frage, erlaubt sein, ob die Exercitia spiritualia nicht das geistige Eigentum einer anderen Gertrud seien und wir es hier, ebenso wie beim Liber specialis gratiae damit zu tun haben, dass eine begabte Schreiberin mit Sinn für die Größe dessen, was sie da notiert, im Auftrag ihrer Äbtissin, nämlich der Nachfolgerin jener Gertrud, das geistige Erbe der beiden großen Hakebornerinnen zu Papier gebracht hat.

Es war sicher nicht Gertrud selbst, die sich da eventuell mit fremden Federn geschmückt hat. Das haben Menschen lange nach ihrem Tod aus ihrer zeitgebundenen Motivation heraus getan. Vielleicht hat auch die Überlieferung einen solchen Irrtum besorgt, denn eine Sache von einer Gertrud unter dem Namen einer anderen Gertrud einzusortieren, ist nicht wirklich schwer. Ich möchte diese Fragestellung hier aufwerfen und eine Lanze brechen für eine Frau, die in der Tat Äbtissin war, ihr Kloster in schwieriger Zeit von ihrem 19. Lebensjahr an über 40 Jahre geleitet hat und in dieser Zeit zu einer Blüte führte, wie sie Helfta danach nie wieder erlebt hat. Schließlich war es Gertrud die Große selbst, die die Lebensbeschreibung dieser Frau inklusive ihrer Bewunderung für sie im Liber specialis gratiae zu Papier gebracht hat.

Donnerstag, 9. Januar 2020

Konziliengeschichte im Hymnus

In den letzten Wochen habe ich mich intensiver mit dem Hymnus Conditor alme siderum befasst und war dabei ganz fasziniert von Inhalt und Form. Dabei stellte ich fest, dass dieses Werk, das ursprünglich wohl ein reiner Vierzeiler mit Bekenntnischarakter gewesen ist, also eher eine Akklamation als ein wirklicher Hymnus, im Laufe der Zeit, d.h. zwischen dem vierten und dem sechsten Jahrhundert, immer länger wurde, bis er im siebten Jahrhundert schließlich in der Form, die wir heute kennen, als Adventshymnus in Hymnarien erscheint (vgl. Gneuss).

Auffällig ist darin die wiedergespiegelte Konzilsgeschichte: Konstantinopel 381, Ephesus 431, Chalcedon 451. Schon allein der Text der ersten Strophe kann gegen einige Häresien bestehen. Und irgendwie paraphrasiert er ein bisschen den Christus-Hymnus im Kolosserbrief. Damit hat er auch einen anti-gnostischen Zug.

Mit dem erhabenen Schöpfer ist Christus in der kosmischen Dimension des Kolosserbriefes angesprochen. Sodann folgt mit der Bezeichnung ewiges Licht eine Absage an die Arianer, für die dieser Christus nicht ewig sein konnte und auch gegen die Manichäer, für die zwar Christus in einem Zusammenhang zum Licht stand, jedoch nicht als dessen Urheber. Schließlich scheint eventuell noch ein Hieb gegen die Donatisten ausgeteilt, wenn Christus als Erlöser von allem ja auch die in Verfolgungszeiten passager abgefallenen Getauften erlöst. Allein in dieser Strophe passt sich die Melodie dem Text an, während es in den nachfolgenden Strophen keine eindeutige Text-Melodie-Beziehung mehr gibt.

In Strophe zwei geht es um die Zwei-Naturen-Lehre. Und je nachdem, ob man am Ende der ersten Verszeile einen Ablativ (interitu) oder einen zum Reim besser passenden Akkusativ (interitum) gelten lassen möchte, wird man sich theologisch auf eine andere Seite schlagen. Die monophysitische Version hat sich über die Zeit offenbar verflüchtigt.

In der dritten Strophe geht es nun irgendwie von vorne los, denn nachdem Christus schon durch seinen Tod der Menschheit ein Heilmittel gegeben hat, kommt er nun erst zur Welt. Hier sind wir inhaltlich beim Konzil von Ephesus, das Maria als Gottesgebärerin benannte. Aber diese Aussage betont somit auch Christus als Gott, was für die Zusammengehörigkeit der Strophen 3 bis 5 von hoher Bedeutung ist. Denn in Strophe vier wird mit dem Text des Philipperbriefes Christus als der Starke benannt, der mit der Umschreibung als wiederkommender Richter in Strophe fünf zugleich auch der Unsterbliche ist. Schon der Zwettler Zisterzienserpater Alexander Lipp hatte in seinem Hymnenkommentar von 1890 diesen Anklang an das Trishagion des Karfreitags bemerkt, welches als Formel oder Gesang in Chalcedon zuerst erwähnt ist. In diesen Hymnus ist mit agie auch ein griechisches Wort hineingelangt. Die älteste Tradition des Singens des Trishagion im Abendland soll Benevent haben...

Nach meiner Ansicht gibt es unter der Voraussetzung einer strophenweisen Verlängerung über einen längeren Zeitabschnitt und angesichts der in der ersten Strophe vorhandenen Anklänge an Häresien des vierten Jahrhunderts dann doch wieder Gründe, dem Ambrosius von Mailand die erste Strophe nebst Melodie in die Schuhe zu schieben. Im Rahmen einer heftigen antiarianischen Auseinandersetzung mit dem Kaiserhaus um die Basilica Portiana 385/386 gäbe es - wohlgemerkt kurz nach dem ersten Konzil von Konstantinopel - durchaus einen Anlass, von dem Augustinus in seinen Bekenntnissen (Conf. 9,7,15) schreibt, dass diese Auseinandersetzung der Anlass gewesen sei, Gesänge nach dem Brauch der Ostkirche in die Liturgie einzuführen. Die erste Strophe ist als in sich geschlossene inständige Bitte im vierten Kirchenton verfasst. Vielleicht war es ja auch in einer vital bedrohlichen Situation einst eine so inständige Bitte...

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BERLINER REPERTORIUM, Conditor alme siderum: URI:
https://repertorium.sprachen.hu-berlin.de/repertorium/browse/hymn/7165?
skip=0&_bc=S1.7165, abgerufen am 29.12.2019

GNEUSS, Helmut, Zur Geschichte des Hymnars, in: Andreas HAUG – Christoph MÄRZ
– Lorenz WELKER (Hgg.) Der lateinische Hymnus im Mittelalter. Überlieferung –
Ästhetik – Ausstrahlung, (Bärenreiter-Verlag, Kassel / Basel [u.a.]), 2004, S. 63 – 86.

LIPP, Alexander, Die Hymnen des Cistercienser – Brevieres, Heinrich-Kirsch-Verlag,
Wien, 1890.

PLANK, Peter, Trishagion, LTHK 10, (Herder – Verlag, Freiburg -
Basel – Rom – Wien), 2001, Spp. 262-263.

WILLIAMS, Rowan D., Arius, Arianismus, LTHK 1, (Herder – Verlag, Freiburg -
Basel – Rom – Wien), 1993, Spp. 981-989.