Sonntag, 12. Januar 2014

Taufe, Aufnahme und Profess - einige Fragen


Das Fest der Taufe des Herrn im Zusammenhang mit der Ordensgeschichte anzusehen, gibt Anlass, einmal zu fragen, wie es sich denn mit der Entstehung der Ordensnamen in der Geschichte verhält und ab wann sie üblich wurden. Frühe Namensveränderungen sind bei den Päpsten bekannt. Auch ist die Umbenennung des Angelsachsen Winfrid in Bonifatius ein Beispiel solcher Praxis im religiösen Kontext. Doch ab wann haben sich die Klöster regelmäßig einer solchen Tradition bedient? Die Zeremonie des Namenswechsels und die Symbolik von Einkleidung und Profess transportieren im Hintergrund viele theologische Gesichtspunkte, die offenbar eine zeitlich wechselnde Betonung erfuhren. Die bisherige Literatur dazu ist rar.[1] Die heutigen Elemente im Ritus einer schrittweisen Aufnahme in die Klostergemeinschaft bis zur Profess, der Gedanke des Neuanfangs als neuer Mensch, versinnbildlicht im neuen Namen, der Verweis auf die Reinheit und kindliche Unschuld in Form eines weißen Ordenskleids, das Überreichen einer Kerze analog zur Taufkerze, sind ganz klar der Erinnerung an die Taufe gewidmet.

Dass diese Praxis in der symbolträchtigen Fülle heutiger Einkleidungs- und Professfeiern nicht ganz dem Ritus des 12. und 13. Jahrhunderts entspricht, lässt sich vor allem in einem Werk der Gertrud von Helfta nachverfolgen[2]. In ihren Exercitia spiritualia zeichnet sie jedes rituelle Element sowohl der Taufe als auch der Aufnahme ins Kloster, der Nonnenweihe und der Professfeier ihrer Zeit nach und versucht sie so ihren Mitschwestern in Form einer geistlichen Andachtsübung nahezubringen. Für die obige Fragestellung ist hier der Aufnahmeritus von Interesse. Die Kandidatin erhält beim Eintritt ein geistliches Gewand, die Farbe scheint dabei unerheblich zu sein. Die damit verbundenen Anrufungen der Trinität werden in diesem Kontext je Person mit einem besonderen Zeichen erwähnt, dem Vater wird das Licht zugeordnet, dem Sohn die Reinheit, dem Heiligen Geist das Zeichen eines geistlichen Namens[3]. Darin könnte man vielleicht als symbolische Attribute Kerze, Taufkleid und Ordensnamen entdecken. Es fällt überdies auf, dass auch im Kloster in Helfta im 13. Jahrhundert Nonnenweihe und Profess noch zwei voneinander getrennte Feierlichkeiten waren. Dabei betonte man im Ritus dann die Hochzeit mit dem himmlischen Bräutigam mehr als die Taufsymbolik.

Noch ein anderer Gedanke, der in diesem Zusammenhang aufkommt, wäre ein interessantes Forschungsobjekt: Jede Kirche hatte in der Frühzeit ein Taufbecken und hat bis heute einen Taufbrunnen. Jedes Kloster hatte einen Brunnen im Kreuzgang, der möglicherweise auch in rituelle Zeremonien einbezogen war. Während die Mönche den Brunnen nutzten, um ihre Tonsur nachzuschneiden, ist nichts darüber bekannt, wie die Frauen mit ihrer "Frisur" umgingen. Dass aber die langen Haare im Zusammenhang mit der Profess abgeschnitten wurden, ist eine bekannte Tatsache. Noch niemand hat bisher bei den Frauenklöstern die Lage der Brunnen in ihrer Nähe zur Kirche überprüft. Doch mancherorts sind sie der Kirche viel näher als man erwarten würde. Zufall oder Absicht? War der Verlust der Haarpracht bei den Frauen Teil der Zeremonie einer Aufnahme, der Nonnenweihe oder des Professritus? Wann, wo und in welchem Kontext wurde diese Maßnahme vorgenommen, in welcher Form erneuert? Dass es ein feierlicher Moment gewesen sein muss, ist anzunehmen, da sich doch einige aus diesen Haaren erstellte Kunstwerke erhalten haben. Die Nonnen haben die zu diesem Anlass abgeschnittenen Haare also als etwas ihnen Wertvolles aufbewahrt.


[1] Deutschsprachige Literatur zu diesem Thema ist insgesamt selten: Stephan HILPISCH, Die Entwicklung des Profeßritus der Nonnen, Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige 66 (1955) 28-34. Neuester englischsprachiger Beitrag zum Thema: Nancy Bradley WARREN, The Ritual for the Ordination of Nuns, in: Medieval Christianity in practice, hg. von Miri RUBIN (Princeton readings in religions 1, Princeton 2009) 318 - 326.
[2] GERTRUD VON HELFTA, Exercitia spiritualia – Geistliche Übungen. Lateinisch und deutsch, hg. übers. u. komm. von Siegfried RINGLER (Elberfeld 2001).
[3] GERTRUD VON HELFTA, Exercitia spiritualia – Geistliche Übungen. Lateinisch und deutsch, hg. übers. u. komm. von Siegfried RINGLER (Elberfeld 2001) 69.

Dienstag, 7. Januar 2014

Kalenderkunde - (k)ein Thema?


Der Heiligenkult ist Ausdruck privater, aber auch kollektiver Verehrung einer konkreten Persönlichkeit, die sich durch irgendein besonderes Merkmal christlicher Tugend auszeichnete. Er ist durch viele Faktoren beeinflussbar und damit in gewissen Grenzen zeitgebunden. Einen besonderen Stellenwert unter den Heiligen hatten schon immer die frühchristlichen Märtyrer. Zu ihrer hohen Popularität trug unter anderem auch die bis ins Hochmittelalter und darüber hinaus gängige Praxis von Translationen bei, die einem religiösen Zentrum dadurch mehr Bedeutung und durch die Einrichtung von Wallfahrten reiche Einnahmequellen verschaffen konnte. Nicht selten wurden dadurch auch mehrere Gedenk- und Feiertage eines Heiligen im Jahresverlauf üblich. Die Dopplung von Namen trug ein Übriges zur Vielfalt und später auch zur Verwechslung verschiedener  Personen gleichen Namens bei. Da die Bedeutung der jeweiligen Heiligen im Alltagsleben an eine persönliche Verehrung und einen regionalen Kult gebunden sind, durch welchen ihr Wirken memoriert wird, wundert es nicht, dass fast jeder kleinere Heilige neben seinem ehemaligen Wirk- oder Leidensort auch soetwas wie eine zweite "Heimat" hat. Dies alles gibt der Kalenderforschung einige Möglichkeiten der regionalen Einordnung.

Der zisterziensische Festkalender, wie er in den Ecclesiastica Officia erwähnt wird[1], hat trotz der allgemeinen Verbindlichkeit auch Raum für individuelle lokale Gepflogenheiten gelassen. Nicht umsonst haben die Bollandisten eine ganze Reihe zisterziensischer Kalender unterschiedlicher Regionen zusammengetragen. Dies erklärt sich einerseits durch die in der Frühzeit praktizierte Stellung unter bischöfliche Amtsgewalt und die erst schrittweise Exemtion aus dem Diözesanverband, in der späteren Zeit durch die Einrichtung von Kongregationen, durch die das lokale Element gegenüber der zentralistischen Organisationsstruktur wieder aufgewertet wurde.

Sich auf die Spuren von Klosterkalendarien u.a. in Psalterien, Brevieren, Missalen, Sammelhandschriften und Nekrologen zu machen, die hier und da ganz vergessen in irgendeinem Archiv oder irgendeiner Handschrift schlummern, könnte vor allem bei den Frauenklöstern auch einiges über die mögliche Herkunft, eventuelle Filiationszusammenhänge offenlegen und noch Beiträge zu vielen weiteren Fragestellungen liefern. Überdies dürfte interessant sein, ob und in welcher Weise Kompromisse in den nichtexemten Frauenklöstern im Vergleich zu den exemten bezüglich der Festtage notwendig waren. Publikationen solcher Kalendarien sind bisher selten. Exemplarisch sei in diesem Zusammenhang auf die Kalendarien aus Königsbruck[2], Medingen[3], Schmerlenbach[4] und Billigheim[5] hingewiesen. Weiteres Material scheint es in Gnadenthal und Sonnefeld zu geben, und auch Wechterswinkel hat einen Kalender, wie Helmut Flachenecker zusammenträgt [6]. Die sorgfältige Recherche und dann vor allem die Zusammenschau solcher publizierter Einzelarbeiten dürften wertvolle Ergebnisse bringen.

[1] Vgl. die Zusammenstellung der dort erwähnten Feste in: Ecclesiastica Officia. Gebräuchebuch der Zisterzienser aus dem 12. Jahrhundert, übers., bearb. und hrsg. von Hermann M. HERZOG und Johannes MÜLLER (Quellen und Studien zur Zisterzienserliteratur 7, Langwaden 2003) 499 – 502. 
[2] Alfred PFLEGER, Ein Königsbrucker Kalender des 15. Jahrhunderts, Etudes Haguenauiennes (1948) 61-77. 
[3] Wolfgang IRTENKAUF, Vor 500 Jahren: der Medinger Kalender, Heimatkalender für Stadt und Kreis Uelzen (1998) 135 – 140. 
[4] Franziskus Lothar BÜLL, Quellen und Forschungen zur Geschichte der mittelalterlichen Frauenabtei Schmerlenbach im Spessart, (2 Bde. Würzburg 1970, Bd. 2) 754 – 777.
[5] Karl-Heinz MISTELE, Kalendar und Nekrolog des Klosters Billigheim, CistC 69 (1962) 55-68.
[6] Helmut FLACHENECKER, Memoria und Herrschaftssicherung. Vom fränkischen Adel und von frommen Frauen zwischen Spessart und Thüringer Wald, in: Nonnen, Kanonissen, Mystikerinnen. Religiöse Frauengemeinschaften in Süddeutschland, hgg. von Eva SCHLOTHEUBER / Helmut FLACHENECKER / Ingrid GARDILL (Studien zur Germania Sacra 31, Veröffentlichungen des Max-Planck- Instituts für Geschichte 235, Göttingen 2008) 143-177, hier 174f.

Dienstag, 24. Dezember 2013

Gloria in excelsis Deo

Einige Kirchportale zisterziensischer Frauenklöster, die auf den ersten Blick recht einfach, vielleicht sogar für den heutigen Betrachter nichtssagend gestaltet sind, verweisen auf ihre Weise nicht nur auf Christus und das kommende Heil, sondern auf die paradiesische Herrlichkeit schlechthin. Ohne figürliche  Darstellungen, sind es hier rein die Zahlen und Ornamente, die sie sprechen lassen. Eine besondere Zahl ist in diesem Zusammenhang die Fünf, die für Incarnatio, Passio, Resurrectio, Ascensio und Wiederkunft zum Gericht (Sauer S. 73) steht, aber auch die fünf Wunden oder die törichten und klugen Jungfrauen symbolisieren kann. Eine besondere Darstellung dieser Art und eine Geschichte, die man sich erst erarbeiten muss, findet sich an der Kirche von Wiebrechtshausen in Niedersachsen.

Kirchportal von Wiebrechtshausen
Es ist ein dreistufiges Rundbogenportal mit sieben hervorgehobenen Steinen im äußeren Bogen. Es besteht je Seite aus jeweils drei mittig unterteilten Säulen mit Kapitellen aus Flechtwerk. Im Zentrum dieses Bogenportals, im Tympanon, ist ein leichtes Spitzdach eingezogen, unter dem sich säulenartig fünf angedeutete Joche unter reichem Pflanzendekor zeigen. Der Teil des Tympanonbogens oberhalb dieses "Daches" ist heute leer und war vielleicht einmal bemalt. In das Darstellungskonzept einzubeziehen sind aber auch noch der erste und zweite Rundbogen, in dem auf einem zwischen den beiden Säulen gelegenen Raum eine Arkade, gebildet aus vier Reihen mit unzähligen Augen, entstanden ist, die sich bis zu den Kapitellen hinunter erstreckt.


Paradiesisches Tympanon von Wiebrechtshausen


Der reiche Pflanzenschmuck zwischen dem Dach und den fünf Jochbögen hat etwas Paradiesisches und soll wohl auch den Tempel des himmlischen Jerusalem darstellen. Der Hinweis auf die Erlösungstat Christi ist unverkennbar durch die Anzahl der Joche und deren Symbolik unter dem "Dach" des Tempels gegeben. Wenn man eine Entsprechung für die vielen Augen und die vier Reihen in der Hl. Schrift sucht und die Vierzahl als eine Symbolik für die Evangelisten interpretiert, welche - wiederum - nach der Tradition eine symbolische Entsprechung zu den vier Paradiesströmen haben, so wird man von der noch vorhandenen Szenerie in das Buch der Offenbarung geführt, wo im vierten Kapitel die Huldigung vor dem Thron Gottes geschildert wird. Es fällt dann nicht schwer, sich im freien Feld den Thron Gottes vorzustellen und in den mehrfachen (=7) Wölbungen, die durch die Säulen und deren Zwischenräume über dem hier einmal vorgestellten Thron gebildet sind, den Regenbogen, der wie ein Smaragd aussah (Offb 4,3). Der obere, aus den sieben Steinen gebildete Abschluss der äußeren Stufe des Portals könnte dann auf die sieben Geister Gottes verweisen, die als lodernde Fackeln vor dem Thron brennen.


Die farbliche Absetzung des oberen Teils des Portals durch die Nutzung weißen Sandsteins, während im unteren Teil roter Sandstein Verwendung fand, scheint das Himmlische vom Irdischen optisch abzutrennen. Durch die mittige Unterteilung der Säulen in Halbsäulen ergeben sich, da der äußere Bogen nicht vollständig ausgeführt ist, zehn Halbsäulen, Sinnbild für den Dekalog, Zahl der christlichen Vollkommenheit. Die Zehn symbolisiert den Abschluss des menschlichen und irdischen Tagewerkes. Erde und Himmel, Mensch und Gott, Gegenwart und verheißene Zukunft - diese Verbindung, die wir heute wieder neu feiern dürfen, ist hier an diesem Portal dargestellt, zwar völlig anders, als wir sie heute darstellen würden, jedoch nicht weniger treffend und feierlich.

Zur Symbolik vgl. Joseph Sauer, Symbolik des Kirchengebäudes und seiner Ausstattung in der Auffassung des Mittelalters, (²1924 Freiburg im Breisgau) bes. S. 62, 72f, Zitat S. 80 und 81.

Sonntag, 15. Dezember 2013

Jak 5, 10: Im Leiden und in der Geduld nehmt Euch die Propheten zum Vorbild

Wenn es um die jeweilig erste Generation einer neuen religiösen Bewegung geht, so darf man einen Elan und Eifer unterstellen, der zum Staunen bringt. Die Faszination eines Neuanfangs setzte schon immer ungeheure Kräfte frei, um all die schwierigen Bedingungen und Anstrengungen in Kauf zu nehmen, die es bis zum Erreichen des gewünschten Zieles zu durchleben galt. Vor allem war es eine von positiver Lebensenergie getragene Ausstrahlung und Zuversicht, die ansteckend und mitreißend wirkte. Nur so kann man sich den wachsenden Einfluss und die Etablierung trotz widriger Umstände erklären. 
Der mittelalterliche Mensch des 12. Jahrhunderts war von seinem Glauben an die Wiederkunft Christi besonders geprägt und suchte als Ordenschrist daher besonders dem täglichen Advent Ausdruck zu verleihen. In der zisterziensischen Klosterwelt haben später besonders die adventlichen Gedanken Bernhards von Clairvaux die Ordensleute erreicht. Die gedankliche wie praktisch vollzogene und auch rituelle Wegbereitung für diese Wiederkunft Christi war alles Andere als süßlich und dabei doch keineswegs schal und trocken in ihrer Ausdrucksweise.
Die freiwillige Armut, die den frühen Zisterzienserinnen als bewusstes Lebenselement testiert wird, hatte mancherorts anfangs durchaus einen über diese Freiwilligkeit hinausgehenden Aspekt einer existenziellen Notlage. Und nicht immer standen sofort reiche Stifter und Wohltäter an ihrer Seite. In solchen Zeiten des wirklich rückhaltlos geforderten Gottvertrauens konnte aber auch am intensivsten Gottes Hilfe und die barmherzige mitmenschliche Zuwendung voller Dank erfahren werden. So hat, in der Phase eigener Aufbauarbeit, ein anderer berühmter Zisterzienser einen beispielhaften praktischen Akzent des Mitleidens gesetzt, der von dem dankbaren Frauenkloster durch die Jahrhunderte überliefert wurde. Er hat sich im Journal des Saints erhalten, das J. Ressayre 1706 für die Nonnen von Tart drucken ließ. Dort wird unter dem Gedenktag Stephan Hardings am 17. April (S. 193) vermerkt, dass dieser einen Teil der seinem Kloster zugewandten Almosen dazu verwandte, dieses Frauenkloster zu unterstützen: [...] il faisoit part à ce Monastere des aumônes qu’il recevoit des fideles [...]. Leiden, Mitleiden und Geduld zeichnen eine ganz andere Wirklichkeit adventlicher Existenz. Und konsequenterweise war es die recht umfangreiche Moralia in Job des hl. Gregors des Großen, die neben der Hl. Schrift als erstes Werk bei den Zisterziensern abgeschrieben wurde. Kann die so gespeiste Lebensphilosophie  auch heute noch lebendiges Tun sein, d.h. begeisternd, ja mitreißend? Die Memorialüberlieferungen klösterlicher Einrichtungen sind durch die Jahrhunderte angefüllt mit Beispielen erwiesener Wohltaten und der Hilfe im Überstehen von die Geduld herausfordernden Durststrecken. Sollte die berichtende und jährlich rituell repetierte Überlieferung solcher Fakten am Ende stärker sein als die Tradierung des solche Handlungen und Gaben einst motivierenden Gründungscharismas?

Donnerstag, 5. Dezember 2013

Eine fränkische Volkssage und ihr Wahrheitsgehalt



Im Jahre 1901 wurde in einer bayerischen Wochenschrift eine Sage veröffentlicht, die sich mit der Gründung der beiden Klöster Maria Bildhausen und Wechterswinkel befasste.[1] Sie besteht inhaltlich eigentlich aus zwei Teilen und stellt wohl eine Kompilation zweier ehemals unabhängiger Geschichten dar. Der erste Teil berichtet aus der Zeit des Frühmittelalters: Als Karl der Große auf der Salzburg bei Neustadt a. S. Hof hielt […].[2] In dieser Epoche sei das Geschlecht der Edlen von Bastheim durch eine Gunst des Herrschers aus Armut und damit aus der Unfreiheit in den Adelsstand erhoben worden. Die Rede ist vom Geschenk eines Schlossgutes und eines erblichen Titels.
Der zweite Teil der Geschichte spielt im Hochmittelalter und beschreibt zunächst ein anderes Geschlecht, die Herren von Stein, die als sehr wohlhabend bezeichnet werden. Es ist von einem Stammschloss die Rede, wodurch weitere Herrschaftssitze zu unterstellen sind. In Form einer Steigerung gegenüber der Schilderung der erstgenannten Dynasten und ihrem Besitz wird bei letzteren die Schönheit ihrer Burg besonders hervorgehoben: Nicht weit von der Ritterburg der Edlen von Bastheim hatten die Herren „von Stein“ ihr reichbegütertes Stammschloß. Die Zierden der prächtigen Burg aber waren die adeligen Kinder, ein Sohn und eine Tochter.[3] Geschildert wird in der Folge ein tragischer Unglücksfall, wodurch das begüterte und mit 2 Nachkommen gesegnete Ehepaar die beiden noch jugendlichen Kinder verlor. Während der Sohn bei einem Ausritt vom scheuenden Pferd stürzte, sich im Steigbügel verfing und dadurch zu Tode geschleift wurde, ereilte die Tochter der Tod, als sie sich beim Anblick des Leichnams ihres Bruders so erschreckte, dass sie eine Nadel, die sie während der Unterbrechung ihrer Handarbeit zwischen die Lippen genommen hatte, in den Hals bekam und daran erstickte. Dieses Ereignis sei - so der Volksmund - Anlass gewesen, die beiden genannten Klöster zu gründen. Die Mutter habe Wechterswinkel und der Vater Bildhausen gegründet. Soweit die Geschichte.

Der erste Teil dieser Erzählung hat eigentlich nichts mit der Klostergründungshandlung zu tun, sondern liefert lediglich in umschriebener Form die Information, dass die Bastheimer Edelherren, will man es ganz sachlich formulieren, einst aus dem Ministerialenstand aufgestiegen waren[4], dies jedoch sicher nicht schon zur Zeit Karls des Großen. Wichtiger als der Herrschername ist hier wohl die Nachricht der Herrscherpräsenz auf der Salzburg nahe dem unterfränkischen Bad Neustadt an der Saale, welche mit dem letzten Liudolfinger endete. So scheint der zweite Teil der Geschichte historisch deutlich spannender zu sein. Deren roter Faden ist die Gründung zweier Klöster durch hochadelige Eheleute aus Anlass des Verlusts ihrer beiden Nachkommen. Die Klosternamen sind Wechterswinkel und Bildhausen.
Für das Männerkloster Bildhausen (1157) ist der Gründer bekannt: Pfalzgraf Hermann von Stahleck initiierte dieses Monasterium 1156[5], erlebte seine Gründung aber selbst nicht mehr. Doch für das Frauenkloster Wechterswinkel fehlt eine solche Gründerpersönlichkeit, und es bestand zu jener Zeit bereits mehr als 10 Jahre, denn Wechterswinkel erhielt seine erste Urkunde bereits 1144[6]. Sollte dieses überlieferte  Gründungsmotiv für Bildhausen wahr sein, so müsste sich das auslösende Ereignis wahrscheinlich im Jahre 1156 zugetragen haben. Dann hätte auch Hermanns Ehefrau Gertrud – der in der Sage genannte Name des Geschlechts wird hier erst einmal ignoriert – eine Klostergründung zu etwa gleicher Zeit unternommen, was sie auch tatsächlich hat, nämlich St. Theodor in Bamberg (1157).[7] Die Pfalzgräfin Gertrud war sogar zuvor 1156 in Wechterswinkel eingetreten[8], sodass sich auch noch ein Bezug zu diesem in der Sage genannten Kloster herstellen lässt, von dem aus das Bamberger Kloster mit Nonnen besiedelt wurde.[9] Diese reich begüterten Eheleute waren damals neben den Henneberger Grafen die Vertreter des mächtigsten Dynastengeschlechts in dieser Region. Hermann von Stahleck starb, ohne dass wir etwas über irgendwelche Nachkommen wissen. In der Literatur wird er als kinderlos verstorben beschrieben. Ein Zusammenhang zwischen den zwei namentlich genannten Klöstern und einem hochadeligen Ehepaar ohne Erben lässt sich also auch historisch herstellen. Über einen stattgehabten familiären Unglücksfall im Vorfeld der Gründungen Bildhausen und St. Theodor in Bamberg ist allerdings nichts bekannt. Dennoch böte ein solcher Schicksalsschlag ein gutes Motiv für einen derartig freigiebigen Umgang mit den eigenen Besitztümern, wie ihn Hermann von Stahleck im Jahre 1156 plötzlich praktizierte. Zumindest vom Ergebnis, d.h. den erfolgten Klostergründungen her gesehen, lässt sich schließen, dass es sich bei dem beschriebenen Ehepaar um das Pfalzgrafenpaar handelte. Doch die Sage benennt die Herren von Stein als Gründerpaar und bezeichnet ihren Stammsitz als den Wohnort zur Zeit des Unglücks. Die Herren von Stein werden in frühen Urkunden de Wenkheim oder de Lapide, de Petra genannt[10] und hatten ihre Stammburg, die Burg Altenstein, auf dem heute noch so genannten Berg südöstlich von Bildhausen.[11] Ihre so große Bedeutung in der Region hatten sie vielleicht in der Zeit der verbalen Endredaktion der Geschichte, nicht jedoch zur Zeit des Ereignisses um die Mitte des 12. Jahrhunderts. Denn auch dieses Geschlecht stammte ursprünglich aus dem Ministerialenstand. Die Güter um Bildhausen – möglicherweise auch die nahe Bildhausen gelegene Burg Altenstein – waren ehedem Besitztümer des Hermann von Stahleck.[12] Die Herren von Stein traten im Grabfeld und in der weiteren Umgebung Bildhausens in einige Rechte des genannten Pfalzgrafen ein und mögen dort auch die Burg übernommen haben. Da eine Geschichte sich nur dann gut erzählt und tradiert, wenn sie den Zuhörern vertraute Personen oder Geschlechter enthält, so mag diese Abänderung der personellen Fakten später entstanden sein, dann nämlich, als die Herren von Stein tatsächlich unter den reichsten und einflussreichsten Adligen des Grabfeldes waren. Der rheinische Pfalzgraf Hermann war da schon lange vergessen. Dass aber die Geschichte selbst völlig frei erfunden wäre, ist unwahrscheinlich. Auch im 12. Jahrhundert hat nicht alle Tage einer der bedeutendsten Grafen sein Hab und Gut so plötzlich, so reichlich und in dieser konsequenten Weise in Klostergut umgesetzt. Zwar waren Eintritte adliger Familien ins Kloster keine ausgesprochenen Einzelfälle, aber auch nicht gerade ein solches Massenphänomen, dass sie keiner Erwähnung mehr wert waren. Zudem waren die Motive solcher Handlungen sehr unterschiedlich. In einer Zeit, in der man außergewöhnliche Ereignisse auch im Hinblick auf Bestrafung oder göttliche Gnade bewusst oder unbewusst interpretierte, hatte die mündliche Tradierung einer solchen Geschichte wohl auch noch einen moralischen Zweck. Man kann also davon ausgehen, dass der diesbezügliche Inhalt daher nicht groß abgewandelt, sondern allenfalls erzählerisch besser herausgestellt wurde.
Was Urkunden und Annalen nicht liefern, könnte hier eine regionale Sage kundtun:  Hermann von Stahleck scheint im Herbst 1155 oder im Frühjahr des Jahres 1156 seine beiden noch jungen Nachkommen aus der zweiten (?) Ehe mit Gertrud von Wettin verloren zu haben. Seine Gattin muss damals noch recht jung gewesen sein, denn sie verstarb erst 1191.[13] Sie hätte damit die Möglichkeit einer weiteren Heirat nach dem Tode ihres Mannes gehabt, so die Eheleute nicht zuvor bereits – wie offenbar geschehen – einen Klostereintritt miteinander vereinbart gehabt hätten. Wann diese zweite Ehe geschlossen wurde, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Da in der Sage das Alter des Sohnes als Jüngling bezeichnet ist, dieser bereits reiten konnte und selbständig mit dem Pferd ausgeritten war, dürfte er mindestens 12 oder 13 Jahre alt gewesen sein. Rechnerisch kommt man dann auf das Geburtsjahr 1143 oder 1144. Zu dieser Zeit ist Hermann von Stahleck Pfalzgraf geworden, und auch der Vater seiner künftigen Ehefrau, der Markgraf von Meißen, Konrad von Wettin, wurde damals entsprechend königlich gefördert: Er erhielt 1143 das Land Rochlitz und das Erbe der Groitzscher Grafen vom König, auch die Vogtei der Bistümer Naumburg und Zeitz sowie über das Benediktinerkloster Chemnitz.[14] Als Gegenleistung wurde er Anhänger des Stauferkönigs und nahm an den Feldzügen nach Polen und Böhmen teil. Eine Eheverbindung mit dem neuen, offenbar gerade verwittweten, Pfalzgrafen stellte für den Wettiner eine deutliche Rangerhöhung dar und stellte ihn in Königsnähe. Die Beförderung seines ehemaligen Schwagers Hermann von Stahleck in den Pfalzgrafenrang steht wohl in diesem Zusammenhang und scheint dem König durch die eheliche Verbindung mit der Wettinerin, die mütterlicherseits eine staufische Verwandte war, politisch sehr genutzt zu haben.


[1] Georg RAUCH, Stiftung der Klöster Wechterswinkel und Bildhausen, (Das Bayernland. Illustrierte Wochenschrift für Bayerns Volk und Land 12, München 1901) 250.
[2] Rauch, (wie Anm. 1). Wichtiger als der Herrschername ist hier wohl die Nachricht der Herrscherpräsenz auf der Salzburg nahe dem unterfränkischen Bad Neustadt an der Saale, welche mit dem letzten Liudolfinger endete und deren genaue Lage bis heute Gegenstand der archäologischen Forschung ist. Über Erkenntnisse zur Ausdehnung und den Lagebeziehungen des Königsgutes Salz und seiner Besitzungen siehe: Ludwig WAMSER, Neue Befunde zur mittelalterlichen Topographie des fiscus Salz im alten Markungsgebiet von Bad Neustadt a. d. Saale. Das archäologische Jahr in Bayern (1984) 147 - 151 und Heinrich WAGNER / Joachim ZEUNE (Hgg.), Das Salzburgbuch, (Bad Neustadt an der Saale 2008).
[3] Rauch, (wie Anm. 1).
[4]Zu den Ministerialen von Bastheim / Lauer vgl. Heinrich WAGNER, Neustadt a. d. Saale, (Historischer Atlas von Bayern. Teil Franken. Reihe 1. Heft 27, München 1982) 75f und 133 – 138; Johanna REIMANN, Johanna REIMANN, Zur Besitz- und Familiengeschichte der Ministerialen des Hochstifts Würzburg,  Mainfränkisches Jahrbuch für Geschichte und Kunst 15 (1963) 1 - 117, hier 99f.
[5] Vgl. Lionel BAUMGÄRTNER, Hermann von Stahleck, Pfalzgraf bei Rhein (1142-1156), (Dissertation Leipzig,  Altenburg 1877) 27f, 48: Regesten Hermanns, Nr. 70.
[6] Päpstliche Bestätigung durch Lucius II., Orig. StAWü WU 7047.
[7] Vgl. BAUMGÄRTNER (wie Anm. 5) 29; Robert ZINK, St. Theodor in Bamberg 1157-1554. Ein Nonnenkloster im mittelalterlichen Franken, (Historischer Verein für die Pflege der Geschichte des Ehemaligen Fürstbistums Bamberg. Beiheft 8), (Bamberg 1978).
[8] Michael WIELAND, Kloster Wechterswinkel. Sonderabdruck aus CistC 11 (1899).
[9] BAUMGÄRTNER (wie Anm. 5) 29; Bischöfliche Gründungsurkunde von 1157, Orig. StABa BU Nr. 283.
[10] Vgl. Johanna REIMANN, Die Ministerialen des Hochstifts Würzburg in sozial-, rechts- und verfassungsgeschichtlicher Sicht, Mainfränkisches Jahrbuch für Geschichte und Kunst 16 (1964) 1 - 266, hier  30-32.
[11] Auch zu dieser Burg, die, im Bauernkrieg zerstört, aber noch bis ins frühe 18. Jahrhundert bewohnt wurde, dann verfiel und unterging, gibt es mehrere Sagen, die Ludwig Bechstein zusammengetragen hat: Ludwig   BECHSTEIN, Die Sagen des Rhöngebirges und des Grabfeldes, (Würzburg 1842) 192 – 199. Eine wissenschaftliche Bearbeitung des Ortes und seiner Geschichte ist mir unbekannt.
[12] Vgl. BAUMGÄRTNER (wie Anm. 5) 7, 29, wo die zur Ausstattung Bildhausens verwendeten Orte genannt werden..
[13] Vgl. BAUMGÄRTNER (wie Anm. 5) 29 mit Anm. 158. Der Autor übernimmt diese Nachricht von Aemilian Ussermann.
[14] Vgl. Andreas THIELE, Erzählende genealogische Stammtafeln zur europäischen Geschichte. Bd. 1: Deutsche Fürstenhäuser, Teilbd. 1: Deutsche Kaiser-, Königs-, Herzogs- und Grafenhäuser (Frankfurt a. M. 1991 - 1993) Tafel 183; Hilmar SCHWARZ: Die Wettiner des Mittelalters und ihre Bedeutung für Thüringen, (Kleine Schriftenreihe der Wartburg-Stiftung 7, Leipzig 1994) 162.