Mittwoch, 4. November 2020

1294 - Helfta "in höchster Furcht vor dem König"

Das Kapitel elf des vierten Buches des Liber specialis gratiae spielt auf den ersten Thüringenfeldzug des Königs Adolf von Nassau 1294 an, der nicht weit entfernt von unserem Kloster stand. Die einleitenden Worte, es habe höchste Furcht geherrscht, und sie wären nicht weit entfernt gewesen, lassen keinen anderen Schluss zu, als dass es jederzeit möglich war, dass die königlichen Truppen einfallen konnten. So nahm die ältere Geschichtsschreibung - natürlich ohne diesen Text als Quelle einzubeziehen - an, dass nicht der alte thüringische Gerichtsort Mittelhausen bei Erfurt der Lagerplatz des Heeres war, sondern Mittelhausen bei Farnstädt. Von dort waren es bloß 13,9 km Fußweg bis Helfta. In etwas mehr als zwei Stunden zu Fuß zu schaffen, während das andere Mittelhausen, das in jüngerer Zeit postuliert wurde, 76 km weit weg ist, was den Superlativ der höchste(n) Furcht nicht erklärte.

Wie aber, wenn dem Gesagten, das ja bei den Zeitgenossen nur Wirkung entfaltet hätte, wenn es Wahres, ja Nachvollziehbares, in den Kontext der überirdischen Wirklichkeit stellte, also ein wirkliches Wunder berichtete, tatsächlich Quellenwert zugeschrieben werden würde? 

Das strategische Konzept Adolfs wäre dann natürlich zu überdenken, wenn das Mittelhausen ein anderes gewesen wäre. Vom Mittelhausen bei Farnstädt konnte er sowohl rasch ins Osterland als auch nach Thüringen ziehen. Dann wäre der Lagerplatz wohl weniger eine symbolische Siegerpose gewesen, als vielmehr ein günstiger Ausgangspunkt, der viele Wege offen ließ. Doch ein Ort ist in Mechtilds Buch nicht genannt.

In dem kurzen Text über den König heißt es, Helfta sei verschont geblieben, obwohl viele andere Klöster von schwersten Schäden betroffen wurden. Zu fragen wäre deshalb, wie es den Klöstern rings um Mittelhausen in Sachsen-Anhalt erging, ob es Hinweise baulicher, urkundlicher, archivalischer Art gibt, die in der Zusammenschau der Befunde auf solche Gewaltakte in der Region hindeuten. Diese Klöster wären Klosternaundorf, Holzzelle und Sittichenbach, vielleicht auch St. Cyriakus in Wimmelburg. Wenn es dorthin Übergriffe gegeben hätte, dann wäre es in der Tat berechtigt gewesen, sich als nächstes Opfer zu vermuten und Tage höchster Angst zu verleben.



Freitag, 23. Oktober 2020

Bildmaterial zu Mechtild von Hakeborn - eine Anregung

Verschwunden und vom Zahn der Zeit zerfressen - so könnte man das beschreiben. 

Eine Suche nach bildlichen Darstellungen, seien es nun Skizzen, Gemälde oder Skulpturen, bringt bisher wenig Ertrag. Allein die Erwähnung der Matelda in Dantes Göttlicher Komödie und die kurz in diesem Blog (im März 2020) erwähnte und verlinkte Federzeichnung des Hieronymus Bosch spricht jedoch für eine gewisse Bekanntheit und Verehrung dieser Mechtild bis ins frühe 16. Jahrhundert hinein. Ist wirklich fast alles verschwunden?

Nun sind die meisten ZisterzienserInnenkirchen in ihrer Ausstattung eher barocklastig, pflegen also den Stil einer Zeit, in der Mechtilds "Stern" bereits im Schatten ihrer Mitschwester Gertrud stand. Doch wie ist es mit dem Bestand von Dorfkirchen, die einst zu Klöstern gehörten? Um Mechtild zu finden, müssten - neben heutigen - vor allem Darstellungen von vor 1517 unter den Heiligen in Altären, Deckengemälden, Figurengruppen und Statuen einmal gezielter untersucht werden. Wie wurde sie dargestellt? Ähnlich wie Gertrud, sodass eine ursprüngliche Mechtild später problemlos zu einer Gertrud werden konnte?

Da das kommende Jahr Dante Alighieri feiert, könnte es reizen, alte Illustrationen seiner Werkausgaben einmal auf ein solches Bildmaterial hin zu untersuchen. Darin könnten zudem am ehesten noch nachreformatorische Darstellungen zu erwarten sein. Und wer von diesem Werk als Künstler beeindruckt war, hätte - ähnlich wie Bosch - durchaus ein Motiv gehabt, die kleine Begegnung mit Mechtild zu malen, z.B. auch als den zu besteigenden Berg mit den Stufen zum Paradies...

Im Kloster ist die Möglichkeit begrenzt, in solcher Sache suchend unterwegs zu sein. Doch da Mechtilds Werk heute interessiert, könnten sich ja vielleicht Menschen finden, die helfen, solche Verweise zusammenzutragen...

Da mich das Werk der Mechtild immer wieder beschäftigt, beabsichtige ich, in nächster Zeit einen gesonderten Blog zu ihrem Werk zu starten.

Freitag, 16. Oktober 2020

Von einem Ort zum andern - ein Segen?

Gemeinhin wird man die Frage nach dem Segen eines Ortswechsels mit 'Nein' beantworten. Denn es widerspricht in Klöstern, die nach der Regel des hl. Benedikt leben, dem Gelübde der Stabilitas. Allerdings kommen Umzüge dennoch vor, aus vielfältigen und auch individuellen Gründen. Es gibt ein stilles Wandern von Haus zu Haus. Doch davon soll hier nicht die Rede sein. Es betrifft auch nicht die Mehrheit der Ordensleute.

Zwei Ereignisse sind allerdings besonders geeignet, Ortsveränderungen abzunötigen: Neugründungen und Klosterauflösungen. Der große Unterschied dürfte im Anlass liegen, denn die erste Gruppe bringt Elan mit, manchmal auch das, womit es andernorts Probleme gab. Die zweite Gruppe kennzeichnet Traurigkeit und Wehmut. Der Energiepegel steht kurz vor der vollständigen Akkuentladung. Sie haben etwas verloren, was ihnen sehr lieb war: Ihr Zuhause.

Nichtsdestotrotz kann dies auch positive Folgen haben, gibt doch die neue Mischung am neuen Ort denen, die zuvor noch bis zum Umfallen arbeiteten, nun ein ruhigeres Umfeld zum Einleben, und es verändert dieses Dasein allein durch die Anwesenheit über die Zeit auch die Gemeinschaft am neuen Ort. Und darin liegt eine Chance! Betagte Schwestern haben mitunter viel Lebenserfahrung, die sie einbringen können. Und sie haben gelernt, zu beten, während jüngere Schwestern regelmäßig viel auf ihre eigene Leistung und Intelligenz setzen. So ist eine Auflösung nicht immer nur Drama, sondern auch Geschenk am neuen Ort.
 
Doch auch der erstgenannte Fall bietet Ambivalentes, gerade dann, wenn zuviele und zuviele unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichsten Gemeinschaften eine Neugründung bevölkern. Es dauert mitunter Jahre und Jahrzehnte, bis eine einheitliche Linie gefunden ist, die das Positive aller aufnimmt, bis also eine Gemeinschaft im engeren Sinn entsteht (z.B. auch, wenn Menschen verschiedener Ordensgemeinschaften sich mit der Absicht eines Übertritts sammeln). Ein solches Werden steht und fällt mit der Bereitschaft jedes einzelnen Mitglieds, sich einzubringen, aber auch zurückzunehmen, wo es not tut. Und natürlich ist es dann wichtig, sich auf die Spiritualität des neuen Ordens einzulassen. Wer zuvor franziskanische Wurzeln hatte, erlebt die Praxis benediktinischer Armut anders, denn hier lag der Schwerpunkt schon immer darauf, in Gastfreundschaft dienstbar zu sein. Nicht jeder schafft es, dann auf die zuvor gelebten Prämissen zu verzichten, anders zu werden.

Ortsveränderung ist immer Arbeit! Handgreifliche und geistliche.

Mittwoch, 7. Oktober 2020

Monastische Lebensdaten

Jeder weiß, dass der Eintrittstag, der Einkleidungstag und der Professtag wichtige klösterliche Daten im Leben einer Ordensfrau sind. Sie sind verbunden mit Wünschen, Hoffnungen und Emotionen. Das macht ihren Erinnerungswert aus. Für den Nichteingeweihten sind es ganz schlichte Zahlen, deren Bedeutung sich nicht von selbst erschließt, wenn solche Zahlen im Vorspann einer Bibel oder eines Gebetbuches auftauchen. Mit einem Menschen geht oft auch seine Geschichte unter.

Kürzlich fand ich eine solche Zahlenreihe mit mehreren Klostereintrittsversuchen in einem Gebetbuch, deren Überschrift besonders bemerkenswert die positive Verarbeitung zeigt, die mehr als ein Zisterzienserinnenkloster betrifft:


Was steckt dahinter?

1951 Klostereintritt, dann die üblichen Daten von Einkleidung und Erstprofess, dann ein Austritt, eine Pause...

ein neuer Eintritt...

und noch ein Eintritt...

dann eine größere zeitliche Pause und schließlich ein letzter Eintritt usque ad finem...

Manchmal kostet ein Klostereintritt eine Menge Geduld!

Die Schwester wurde über 90 Jahre alt und ist 2020 verstorben. 


Freitag, 25. September 2020

Ordenskultur als Einheitsbrei - was Medien vermitteln

Ist Ordenszugehörigkeit in der öffentlichen Wahrnehmung Einheitsbrei bzw. immer noch Einheitsbrei?

Ich frage mich das deshalb, weil hinter den Fragen von Journalisten ja oft Konzepte für Stories stecken, die wiederum entweder einer Zielgruppe entsprechen sollen oder als Botschaft vermittelt werden. Natürlich gibt es viele, die wissen, was Zisterzienser sind und die dann die schönen Bauten von verschiedenen Urlaubsreisen im Inneren Revue passieren lassen können, wenn sie das Stichwort Zisterzienserin hören. Doch abgesehen von der Kunst, die man natürlich noch weithin einordnen kann - ist Orden gleich Orden und Nonne gleich Nonne? Ist das in unserer Welt der traurige Rest des Wissens über Institutionen, denen wir einen Großteil unserer abendländischen Kultur verdanken?

Was weiß so mancher Christ in verantwortungsvoller Stellung, der Wissen medial an die Leute bringt, vom Christentum? Okay - das Mönchtum ist heute nicht der Nabel der Welt. Aber es brauchte doch tatsächlich nur einen Orden, wenn Unterschiede gleich Null wären. Reduziert sich selbst kirchenintern das Ordensleben auf die Trias des CIC: Armut, Gehorsam, Keuschheit? Die gleichen Leute, die in ihren Gärten sicher mehr als eine Blumensorte kultivieren, finden Ordensleben als Monokultur absolut ausreichend. Und was kommt dabei dann heraus?

Vor vielen Jahren besuchte ich einmal eine der vielen historischen Zisterzienserstätten in unserem Land und nahm an einer Führung teil. Die die Gruppe durch das Gelände führende Dame erklärte den Leuten dabei ganz selbstverständlich, dass die Mönche dort nach der Regel Benedikts gelebt hätten und Armut, Gehorsam und Keuschheit gelobt hatten. Wusste sie es nicht besser? Es ist wohl zu verlockend, mit einer griffigen Formel alle gleichzusetzen! Gerade, wo Wissen vermittelt werden soll, kann man sich nicht an falsches Allgemeinwissen anbiedern.

Weniger lang ist es her, als mich nach einer Führung für eine Schulklasse, bei der ich die Schöpfungsgeschichte zu Hilfe nahm, um den Kreuzgarten zu erklären, die Lehrerin im Anschluss beiseite nahm und mir erklärte, dass solche Bilder rein gar nichts bewirken, wenn man sie nicht kennt. Sie hatte sich wohlgemerkt nicht daran gestoßen, dass ich den Begriff Kloster aus dem Lateinischen herleitete, das hätte man ja durchaus als zu anspruchsvoll für manch eine siebte Klasse ansehen können, ihr Argument war, dass die Bilder der Schöpfungsgeschichte nicht mehr bekannt sind. Das bedeutete, wenn ich das glauben soll, dass Siebtklässler nicht mehr wissen, wer Adam und Eva waren. Wenn die Paradiesgeschichte aber nicht mehr da ist, wie soll man da vermitteln was die Intention klösterlichen Lebens ist, wie es der Lehrplan der siebten Klasse eigentlich vorsieht? Ist Klosterleben dann ein ganzjähriger Maskenball für schräge Vögel, die gerne in alten Gemäuern zu Hause sind und für Deko-Zwecke gut sind? Ist es nicht Aufgabe einer Bildungseinrichtung, wenigstens ein paar Basics über das Christentum zu vermitteln?

Was ergibt sich historisch aus Vereinfachungen und Gleichmacherei, vielleicht in der Suche nach dem vermeintlich 'Richtigeren'?  Im 12. Jahrhundert kannte jeder die Zisterzienser bzw. die Werte der damals neuen Orden. Die alten waren mit ihren Gebräuchen nicht mehr so interessant. Im 13. Jh. war es die nachhinkende Welle der Frauenklostergründungen, waren es die Franziskaner und Dominikaner, die auch die älteren Orden nun mit ihren Impulsen mitprägten. Danach kamen in ihrer prägenden Bedeutung Kartäuser und Birgitten, obwohl die ersteren schon älter waren. Dann trugen die Karmeliten und Jesuiten ihre Ideen in die Ordenswelt hinein. - So kann man sich dann auch erklären, dass eine historisch gewachsene Zisterzienserinnenbibliothek wie beispielsweise die von Eschenbach, in ihrem  Bestand bevorzugt jesuitische Bücher als Schwerpunkt hatte. - Und: Spätestens nach der Säkularisation zog man vermutlich den Habit eines dem Wohnort nächstgelegenen Klosters an, und unterschied sich dann in ein paar äußeren Gebräuchen, während die Spiritualität der Ordensgemeinschaften eine vergleichbare Ausrichtung hatte. 

Ich kann es nicht besser formulieren, doch vielleicht versteht jemand das umrissene Problem. Während die Wissenschaft sich alle Mühe gibt, die Unterschiede im Detail herauszufinden, gab es vor allem in der jüngeren Geschichte ab dem 19. Jh. im gelebten Vollzug eine Nivellierungstendenz, bei der es im schlimmsten Fall ausreichte, die richtige Habitfarbe zu tragen und die Biografie von Bernhard, Benedikt oder Franziskus als Identitätsmerkmal zu kennen. So ist eben 'Nonne' nicht einmal mehr ein zusammenfassender Oberbegriff wie 'Blume', sondern schon die letzte Spezifizierung, weil ja die Unterkategorien im allgemeinen öffentlichen Bewusstsein kaum mehr existieren. 

Und so nährt ein Journalist ein bekanntes Klischee, wenn er, wie mir kürzlich passiert, fragt, wieso ich in Helfta eintrat, wo es doch soviele Schulschwestern in meiner Heimat gäbe, die sich über Nachwuchs gefreut hätten.

Montag, 20. Juli 2020

Medizinische Begutachtung einer Mystikerin - Mechtild von Hakeborn: Eine Diagnose

Sie war eine ungemein vielseitige und kenntnisreiche Ordensfrau - ab 50 wurde sie krank. Aber gerade als ob ihre große Begabung noch nicht ganz ausgeschöpft ist, zeigte sie nun in ganz anderer Weise die Größe und Tiefe ihres Geistes. Kranksein ist in jedem Leben eine Art Ausnahmezustand, der herausfordert. Und hier zeigt sich für einen Ordenschristen auch die Reife seiner Hoffnung am deutlichsten. - Doch woran litt sie eigentlich? Kann man aus den quer durch das Buch gesäten Hinweisen (gemeint ist der Liber specialis gratiae) Anhaltspunkte für eine Diagnose finden?

Der wichtigste allgemeine Grundsatz zuerst: Das Häufige ist häufig.

Benediktinisch-zisterziensich lebende Ordensfrauen haben einen Schleier und ein langes Gewand und befinden sich den überwiegenden Teil ihres Lebens in geschlossenen Gebäuden, mal betend, mal arbeitend, mal lesend. Damit fehlt der Haut das Sonnenlicht, ist ihr Spiegel an Vitamin D nicht gerade hoch. Mechtild von Hakeborn war Schulleiterin, Novizenmeisterin, Bibliothekarin, Leiterin des Scriptoriums und Cantorin - alles Tätigkeiten, die dafür sprechen, dass auch sie nicht viel an die Sonne gekommen ist. Das bedeutet, dass sich über kurz oder lang eine Störung im Knochenstoffwechsel eingestellt hat, z.B. bei extremem Vitamin D3-Mangel ein sekundärer Hyperparathyreoidismus mit Osteomalacie, die sogenannte renale Osteopathie, resultierend in Muskelschwäche, diffusen Knochenschmerzen und hepatischer Osteodystrophie. Die Knochenschmerzen entstehen durch Umbauprozesse und gelenknahe Verkalkungen. Bildung von Calciumoxalatsteinen, damit Nierenkoliken. Die Symptomentrias "Stein-Bein-Magenpein" wäre hier also durchaus zu unterstellen. Hinzu kommt in diesem Alter noch die durch Hormonveränderungen bedingte Osteoporose.

Liest man das einleitende Kapitel über Mechtild in ihrem Buch, so ist zu erfahren, dass sie ein Steinleiden, Kopfschmerzen und 'Hitze der Leber' also ein unspezifisches Oberbauchgefühl hatte [vgl. Vorwort zum erstenTeil]. Alle drei Symptome wären in ihrer Genese durchaus mit obiger Ursache zu vereinbaren. Umbauprozesse im Übergang vom Kopf zur Halswirbelsäule können Kopfschmerzen verursachen, Schmerzen Verspannungen - ein circulus vitiosus. Doch hier dürfte im Laufe der Erkrankung noch viel mehr die chronische Niereninsuffizienz mit den entsprechenden Folgen, z.B. Bluthochdruck verantwortlich sein. Kreislaufveränderungen, ein pochendes Herz wird im Buch beschrieben. Auch psychotische Veränderungen (Halluzinationen) kommen vor. Im Kontext dieses komplexen Erkrankungsbildes steht auch die oft im Buch beschriebene Schwäche. Veränderungen an der Wirbelsäule können zudem Nervenreizungen mit ischialgiformen Beschwerden hervorrufen, die ebenso beschrieben sind z.B. "dass der Schmerz dich bis zu den Knien erfasst"[Kapitel XXXIX].

Eine andere Sache sind die häufigen Ohnmachten im Chor, beschrieben in mehreren Kapiteln zu Beginn des zweiten Buches. Dass sie als Hauptkantorin mit vollem Einsatz sang, ist u.a. im dritten Teil [Kapitel VII] beschrieben. Nun gibt es ja Menschen, deren Blutdruck in den Morgenstunden nicht besonders hoch ist, was im Verein mit Schwäche zu Ohnmachten führen kann. Angesichts der oben beschriebenen Symptomatik halte ich diese Genese für nicht so logisch. Es gibt aber noch ein anderes Phänomen, den sogenannten Euler-Liljestrand-Reflex. Areale in der Lunge, die nicht belüftet sind, werden auch nicht durchblutet. Wenn man in der Nacht als Mensch mit Schwäche und einem gewissen Alter im Bett liegt, können nichtbelüftete Lungenbereiche mehr werden, gerade beim Schlaf in Rückenlage ohne große Bewegung. Wenn solch ein Mensch nun z.B. zum Einsingen Tiefatmungen und Atemübungen macht, könnten solche Lungenbezirke plötzlich wieder am Gasaustausch teilnehmen, werden somit auch wieder durchblutet, womit durch die Blutumverteilung ein Blutdruckabfall resultiert.

Die vorliegende Symptomatik ist medizinhistorisch interessant, weil sie einen Verlauf jenseits der heute üblichen Behandlungsmethoden, inklusive der Schmerzmittel, dokumentiert. Religionsgeschichtlich offenbart sie die Art der Verarbeitung ihres Leidens. Und ihre hohe Bildung und Gottesbeziehung machten daraus das entstandene Werk.

Dienstag, 26. Mai 2020

Medien und moderne Kommunikationsmittel im Kloster

Der Einzug von Neuerungen in Klöster hinkt naturgemäß etwas hinter der allgemeinen Verbreitungsgeschwindigkeit hinterher. Doch der Segen der modernen Kommunikation hat mittlerweise auch den Klöstern den PC, den Laptop und das Handy gebracht, wobei es in der Verbreitung natürlich noch sehr unterschiedlich zugeht. Es gibt Klöster, die mit drei PC's (einen für die Äbtissin, die Ökonomin und einen für alle anderen) im ganzen Haus auskommen und andere, in denen fast jeder einen für seinen Dienst braucht. Das liegt auch an den jeweiligen Aufgaben eines Klosters und an klösterlichem Produktmanagement. Gänzlich ohne PC aber geht es wohl heute nicht mehr, auch deshalb, weil er die Schreibmaschine inzwischen vollständig ersetzt hat. Doch wann und wie fing es an mit den Instrumenten moderner Kommunikation in den Frauenklöstern des Zisterzienserordens?

In einer alten CistercienserChronik (8/1896, S. 56) fand ich den folgenden Hinweis zum Telefon:

"Gebrauch des Telephons in Frauenklöstern. Der Beichtvater eines Klosters der Cistercienserinnen von der strengen Observanz (San Ildefonso en Feror Las Palmas auf Gr. Canaria) wohnt von diesem etwas weiter entfernt, infolge dessen er zum Sterbefall einer Schwester nicht mehr rechtzeitig ankam. Der dortige Bischof (von Canaria) bat nun beim hl. Stuhl um die Erlaubnis, dass zwischen der Wohnung des Beichtvaters und dem Kloster eine telephonische Verbindung hergestellt werde. Die Congreg. f. d. Bischöfe und Regularen ertheilte nun die Bewilligung unterm 20. März 1895, und zwar für den Fall der Nothwendigkeit, den Beichtvater zu verständigen,unter Beobachtung der nöthigen Vorsichten, damit keine Ungehörigkeit vorkomme..."

Von der Erfindung 1861 (Philipp Reis) und der ersten praktischen Anwendung 1876 (Alexander Graham Bell) hatte es nur knapp 20 Jahre gedauert, bis sich annehmbare Gründe für eine interne Verwendung in einem Frauenkloster fanden. Es ist anzunehmen, dass es kein päpstliches Dokument gibt, welches die Anwendung in einem Männerkloster eigens erlaubt. Aber immerhin liefert diese Mitteilung zwei Fährten, wo sich solche Informationen finden lassen. Möglicherweise könnten auch alte Klosterrechnungen solche Hinweise liefern.

Die CistercienserChronik scheint mit dem Erscheinen ab 1889 auch in den Frauenklöstern gelesen worden zu sein. Ab wann leisteten sich die Frauenklöster eine Tageszeitung?

Ebenso schwierig zu beantworten ist die noch nicht so lange zurückliegende Einführung des PC's. Wann fand der erste Computer in ein Frauenkloster? Hierbei von der Gegenwart auf die Vergangenheit zurückzuschließen, würde bedeuten, dass irgendwann einmal eine Kandidatin einen mitbrachte. Sicher ist, dass Ende der 1990er Jahre ein Klosteraufenthalt auch schon per Email angefragt und bestätigt werden konnte.

Zuvor aber hatte noch eine andere Erfindung kurzzeitig einen Platz im Kloster. In den 80er (???) Jahren löste der Piepser die Verständigung über die Glockenzeichen ab. Dieser wurde mancherorts (etwa um das Jahr 2010) durch das Handy abgelöst. Zunächst natürlich für diejenigen, die wichtige Funktionen innehatten.

Aber - weitergefragt: Wer unter den zisterziensischen Frauenklöstern hatte die erste Internetpräsenz, und wann war das? Welcher Orden war Vorreiter dabei mit seinen Klöstern? Unser Orden hat etwa um das Jahr 2004/5 einen ersten Blog eingerichtet, der ein gutes Medium ordensinterner Verbindung wurde. Zum wohl ersten offiziell hausintern erlaubten Blog einer Zisterzienserin lässt sich meinerseits Genaueres sagen: Er kam aus dem Kloster Seligenthal und ging Ende 2011 unter dem Namen "Nonnenleben. Nonnige Gedanken und Abenteuer" an den Start.

Mittlerweile geht die Technik weiter vorwärts. Seit der Coronakrise sind Internetkonferenzen häufiger und Livestreams notwendig geworden.

Nicht erwähnt wurden in dieser Zusammenschau Radio und Fernsehen. Dies alles nur als Anregung, einmal diese Entwicklung nachzuzeichnen, anlässlich meines Stolperns über jenes Zitat von 1896.

Man könnte mit anderem Blickwinkel auch einmal die mediale Präsenz von Ordensleuten in Rundfunk, Fernsehen und Printmedien in ihrer Entwicklung nachverfolgen.

Was es im Bereich der Nutzung und Einführung der Kommunikationsmittel definitiv gibt, sind Gender-Unterschiede.