Sonntag, 2. Januar 2022

O quam mira ... – eine mitteldeutsche Katastrophe, versteckt in einem Weihnachtslied

1294 fällt König Adolf von Nassau in Thüringen ein. Kurz vor Weihnachten nimmt er die belagerte Stadt Freyburg an der Unstrut ein, was er nach der Chronik von Reinhardsbrunn "mit grausamer Unmenschlichkeit und unmenschlicher Grausamkeit"  getan hat (MGH SS 30,1, S. 639f). Er hatte die Stadt nach Verrat durch die Bürger erobert und angezündet, seinen Kontrahenten, den Wettiner und letzten männlichen Stauferspross Friedrich den Gebissenen gefangen genommen und aus seiner Heimat verbannt. Die Chronik berichtet auch darüber, dass es unmittelbar danach sehr kalt wurde und ein Teil der grausamen königlichen Truppen erfror. Zwischen dem 20.12. 1294 und dem 01.01.1295 fehlt ein Eintrag im königlichen Itinerar. Ein Weihnachtstext am Beginn des Liber specialis gratiae zitiert das folgende Lied mit einer Zeile aus dem Refrain an.

 Refrain: 
O quam mira perpetrasti, 
Jesu, propter hominem, 
tam ardenter quem amasti, 
Paradiso exulem!

1. 
Altitudo, quid hic jaces in tam vili stabulo?
Qui creasti coeli faces, alges in praesepio?

2.
 Fortitudo infirmatur, parva fit immensitas.
Liberator alligatur, nascitur aeternitas.

3. 
Premis ubera labellis, sed intactae virginis.
Ploras uvidis ocellis, coelum replens gaudiis. 

 Wenn wir uns zunächst den Refrain besehen: Ist es ein konkreter Mensch, um den es hier geht, oder der "Mensch" als solcher, der prototypisch für die Menschheit steht und nach Genesis 4,25 Adam hieß? Im Horizont von Weihnachten und unseren heutigen Assoziationen mit diesem Fest, sind wir geneigt, den Text so zu übersetzen:

O wie wunderbar hast Du, Jesus, es erreicht, 
dem Menschen nahe zu sein, 
den Du so brennend geliebt hast, 
den aus dem Paradies Verstoßenen!

Aber der Wortbestand ließe auch die folgende Möglichkeit zu, die nicht ganz so harmonisch klingt:

O wie sonderbar hast Du, Jesus, es erreicht, 
dem Menschen nahe zu sein! 
So sehr ist gequält, den Du geliebt hast,
der aus dem Paradies Verstoßene!

Der große Ordenshistoriker Jean Leclercq (OSB) prägte den Leitsatz, dass jeder klösterliche mittelalterliche Text einen liturgischen Hintergrund und einen biblischen Untergrund habe. Ist das Auszusagende also mit der Bibel gesagt? Machen wir eine Probe. Liturgisch ist der obige Liedtext wohl ganz eindeutig dem Weihnachtsgeschehen zuzuordnen. Den ersten und ganz offensichtlichen biblischen Verweis findet jeder, der die Paradiesgeschichte kennt. Der theologische Zusammenhang zwischen Paradiesgeschichte und Weihnachtsgeschehen ist auch klar und seit dem 2. Jahrhundert auf vielfältige Weise zur Deutung der Heilsgeschichte in Texten benutzt und belegt. Schon der biblische Hebräerbrief nimmt sich dieses Themas an.

Zum Refrain: Das Wort "mira" kommt in der Vulgata 3x vor: Gen 41,4; Est 1,6; Est 8,17. "Perpetrasti" ist kein so gängiges Weihnachtsliedwort. Die Form "perpetrastis" findet sich nur 1x in der Vulgata, in Jeremia 44,25.  Desgleichen steht "amasti" nur 1x in diesem Buch, wie das zuvor genannte in der 2. Person Plural, nämlich in Johannes 16,27. - Die Szenerie dieser Textstellen spricht davon, dass die mageren Kühe im reichen Ägypten in Josephs Traum die fetten fressen, dass ein erlesenes königliches Mahl stattfindet, bei dem die Königin nicht anwesend ist, dass nach einem Sieg viele die Seiten wechseln. Die Szenerie der Jeremiastelle entfaltet sich von Jer 44,22-29 und kündet Frevlern Unheil an. Joh 16,25-32 trägt auch noch etwas zum Szenario bei. In gewisser Weise steht das Alleingelassenwerden von den Menschen, von dem hier die Rede ist, im Kontrast zu der Nähe, die von Jesus im Vordergrundtext ausgesagt ist. 

In dieser Lesart wird klar, auf welcher Seite der Texter des Liedes steht. Mitteldeutschland wird mit dem reichen und fruchtbaren Ägypten verglichen. Und: In dem Refrain kann also auch von einem ganz bestimmten Menschen die Rede sein, dem es gerade gar nicht gut geht.

Das "altitudo" der ersten Strophe kann "Höhe" oder "Tiefe" heißen. Möglich ist aber auch die "Erhabenheit", die man im Sinne von "Eure Erhabenheit" hier im Verein mit dem Verb in der 2. P. Singular auch als Anrede verstehen kann. Für einen eindeutigen biblischen Verweis ist seine Worthäufigkeit mit 21 Stellen zu groß. Im weihnachtlichen Kontext von Stall und Krippe wird jeder zuerst ans Jesuskind denken: 

Du (aus der) Höhe, wozu liegst Du hier am Boden in einem wertlosen Stall?
Der Du die Sternenglut des Himmels erschaffen hast, frierst in einer Krippe?

Doch es geht auch so: 

Erhabenheit, wen legst Du hier auf den Boden, in solch eine einfache Unterkunft?
Du frierst in einem liederlichen Haus, der du des Himmels Fackelschein verursacht hast?

Auch hier wieder: "vili", ein Unicum, einzig in Jer 15,19 vorkommend. "Stabulo", als Wort im Singular, steht als "stabulum" nur  in Lk 10,34. Auch "faces" ist nur einmal in der Vulgata vorhanden und steht in Ri 15,4. "Creasti" gibt es 3x, eine der drei Aussagen bezieht sich auf den Menschen: Ps 89,48. 

Jer 15,11-21 erzählt von Niederlage, Gefangensein, Verbannung, am Schluss aber von göttlicher Rettung aus der Hand eines Tyrannen. Die "primitive Unterkunft" führt zum Gleichnis vom barmherzigen Samariter, der Wunden abwäscht und den Verprügelten pflegt und verköstigt. In der Simsongeschichte im Buch der Richter, in der das Fackelwort sich findet, wurden Füchse gefangen, deren Schwanz, angezündet, die Ernte der Philister vernichtete. Da ist also ganz schön was los, in dem Text! Die Hitze von Fackeln wird dem Frieren gegenübergestellt - nicht unbegründet, wie noch zu zeigen ist. Im Folgevers nach dem Vers mit dem "creasti" im Psalm, hier Ps 89,49, wird deutlich angesprochen, dass jeder Mensch ein sterbliches Wesen ist. – So ganz lieblich und harmlos scheint das Weihnachtslied offenbar nicht zu sein.

Strophe zwei liefert Schlagworte in der Stilform des Oxymorons:

Die Stärke ist geschwächt, klein wird die unermessliche Größe. 
Der Befreier ist festgebunden, die Ewigkeit ist geboren.
 
Oder: 
Die Stärke ist geschwächt, klein wird die unermessliche Größe. 
Der Befreier ist festgebunden, die Unsterblichkeit ist gekommen.

Den Gegensatz von Schwachheit und Stärke unter den fünf Vulgatanennungen von "infirmatur" diskutiert der 2. Korintherbrief in 13,3f. Im Verein mit dem am Boden liegenden noch Unbekannten aus Strophe 1 hat auch 2 Kor 11,29 mit seinem Fürsorgegedanken seine Berechtigung. Sodann eröffnet "parva" eine Reihe von Deutungsmöglichkeiten, obwohl es insgesamt 10x vorkommt. Dabei ist das Stichwort Flucht ein interessantes Thema, das sich aus Gen 19,20 ergibt. Auch Apg 12,18 schildert die Verwirrung, nachdem Petrus aus der Haft entkommen ist. Koh 9,14 spricht von der Belagerung einer kleinen Stadt durch einen mächtigen König. Ez 16,20f spricht von einem unverantwortlichen Familienoberhaupt, das seine Kinder preisgibt. Ijob 8,5-7 knüpft die Hoffnung auf die Wiederherstellung eines Hauses an göttliche Bedingungen. 

Im zweiten Liedteil ist zu erfahren, dass der nun Gebundene ein Hoffnungsträger war und dass jener, der gekommen ist, sich für einen Gott hält. Dies wäre jedenfalls zu denken, wenn man im Übergang zur nächsten Strophe das "premit ubera" aus Spr. 30,33 mit dem Kontext Spr. 30,29-31 beachtet. Da ist die Rede von einem König, der sich vor seinem Volk als Gott präsentiert.

Du presst mit den Lippen die Brüste, jedoch die einer Jungfrau. 
Du weinst mit feuchten Äuglein, während Du den Himmel mit Freuden erfüllst. 

Zu "premis" und "ubera" wurde schon eine Stelle gefunden, die beide Worte aufzubieten hat. Im Kontext weihnachtlicher Lesungen ist bei "ubera" auch an die Friedensvision des Jesaja 66, 10-12 zu denken und ihr Gegenteil in Jes 32,12-14. Im Kontext von Krieg und Gewalttat bietet sich Ez 23 an, in dem dieses Wort mehrfach vorkommt. Von den 5x "virginis" im Genitiv Singular, die die Vulgata aufzuweisen hat, beziehen sich jene vier Nennungen, die keinen Bezug zum Weihnachtsgeschehen haben, auf Kriegshandlungen. Jdt 9,2 stellt dabei die Schändung von Jungfrauen in den Vordergrund. Das in diesem Weihnachtslied davorgesetzte "intactae" – nur 2x in der Vulgata – verweist im Kontext von Krieg und Zerstörung auf 2 Kön 23,18, wo Altäre und deren ganzes Umfeld zerstört wurden und einzig das Grabmal dessen, der diese Tat voraussagte (vgl. 1 Kön 13,2), unangetastet blieb.

"Ploras", im zweiten Teil der dritten Strophe führt zum Geschehen am leeren Grab im Johannesevangelium, Joh 20,13 und Joh 20,15: Frau, warum weinst Du? "replens" findet sich als PPA "replentes" in Ez 8, 17 und in 2 Makk 13,15. Bei Ezechiel ist von den Gräueltaten die Rede, die ein Land mit Gewalt anfüllen, 2 Makk 13,15 schildert den nächtlichen erfolgreichen Überfall auf das Lager des Königs und den Ausgang der Kriegshandlungen zugunsten der Makkabäer.

Nun könnte man sehr wohl sagen, dass Worte in einem Text auch in anderen Texten vorkommen können, wodurch sich nicht zwangsläufig ein Zusammenhang ergeben muss. Andererseits lassen sich biblische Worte und Bibelstellen auch wiederum bewusst so gezielt auswählen und zusammenstellen, dass eine Aussage entsteht, die im eigentlichen Vordergrundtext nicht steht.

Im Liber specialis gratiae ist am Ende des ersten Buchkapitels von Buch 1 ein Festmahl im Himmel geschildert, bei dem die Zeile tam ardenter quem amasti aus dem Refrain des obigen Weihnachtsliedes zitiert wird. Da es sich bei den dort Angesprochenen um die Gruppe der Apostel handelt, bekommt der biblisch Versierte, der den Liedtext erkennt, auch gleich noch ein weiteres Stichwort über das erste Wort der ersten Strophe "altitudo", das nämlich der Völkerapostel Paulus in Röm 11,33 benutzt: "O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unerklärlich..." Die Sinnfrage kommt darin zum Ausdruck. Der Verweis auf einen Liedtext wird zudem dadurch gegeben, dass der jeweilige Dialogtext als Reim vorgetragen wird, in dem ein zumeist gregorianischer Gesang anzitiert wird. Im konkreten Fall wird, wie im Refrain des hier vorgestellten Weihnachtsliedes, die 2. Person Perfekt verwendet, lediglich dass hier, da es sich ja um eine angesprochene Gruppe handelt, der Plural steht. Nach den Engeln, die nicht aus dem dargebotenen Becher trinken, werden fünf Personengruppen vorgestellt. Viermal beginnt die Ansprache mit dem Ausruf "Accipite!" - "Nehmt (ihn) auf!" 

Kann es sein, dass dieses in den Himmel verlegte Mahl ein eigentlich irdisches ist, eines, über dem noch die Rauchwolken gerade vergangener Kampfeshandlungen liegen, bei dem jedes falsche Wort neue Kampfhandlungen zeitigen kann? Und: Hat der König sein Weihnachtsfest mit den regionalen und gedemütigten Großen in Helfta gefeiert? 

Die Stadt Freyburg liegt etwa 30 km südlich von Helfta. Wenn, wie mir von meinen Vorfahren glaubhaft versichert wurde, der nächtliche Feuerschein der mehr als 60 km weit entfernten brennenden Stadt Kassel im letzten Krieg in meinem Heimatdorf noch zu sehen war, dann dürften 30 km keine Entfernung für eine wie eine Fackel brennende Stadt in der Nacht sein. Es ist also möglich, dass der Feuerschein der brennenden Stadt Freyburg in Helfta gesehen werden konnte. Der Verursacher dieses Feuerscheins war König Adolf von Nassau. In der Reinhardsbrunner Chronik ist zudem die Schilderung der Behandlung einer alten Frau beschrieben. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich eine aktualisierte Version der Simsongeschichte vorzustellen, die man als grausame Unmenschlichkeit bezeichnen kann, die sich dann also mit den Aussagen der Rheinhardsbrunner Chronik deckt. Das 2. Makkabäerbuch verweist auf einen nächtlichen Überfall. Dort ist auch das Thema Verrat angesprochen. 

Das Lied scheint aber noch mehr zu sagen. Es informiert, dass der bisher ungenannte Besiegte, Friedrich, der Gebissene, der Hoffnungsträger war, der nun sein Heimatrecht verloren hat, also in die Verbannung muss. Wir erfahren, dass er gefesselt ist, dass man ihm aber, wie in der Geschichte vom barmherzigen Samariter, schon helfen konnte. Das Thema Fluchtweg und -möglichkeit scheint hochaktuell. Das Lied nimmt auch noch das Geschehen nach dem Sieg des Königs auf, dass nämlich der himmlische König dem irdischen Möchtegerngott einen offenbar bedeutenden Teil seiner Truppen durch den plötzlichen Kälteeinbruch für immer entzogen hat. Über Ez 16,20 bekommt zudem der entartete Vater Friedrichs sein Fett ab, der dieses Desaster durch den Verkauf der Landgrafschaft und die damit verbundene Enterbung seiner Söhne erst in Gang setzte.

Es ist sicher, dass dieser Friedrich bis zum Tod dieses Königs 1298 außerhalb seiner Heimat weilte. Ob er aber in Helfta war und von dort in die nahe Stadt Eisleben fliehen konnte, ist bisher unbelegt. Auch ist nicht bekannt, welche Frau mit den Worten aus Johannes 20,15 angesprochen, informiert und getröstet werden sollte. 

Man muss dieser Darlegung nicht zwingend folgen. Mir scheint jedoch, dass hier zwei Textsorten, denen man das gar nicht so zutraut, zwar weitgehend verschlüsselte, aber dennoch sehr bildgewaltige historische Zeugnisse geben. So gesehen, muss das besagte Weihnachtslied 1294 entstanden sein und sich in der Region wie ein Lauffeuer verbreitet haben, von Helfta aus. Denn dort, so die zweite Textquelle, der Liber specialis gratiae, feierte der König mit den geladenen Großen das Weihnachtsfest. Da der anzitierte Text Mechtild von Hakeborn in den Mund gelegt wurde, könnte sie vielleicht auch die Autorin sein. Immerhin wird sie an einer Stelle auch als "Heerführerin" bezeichnet. Dort, wo also die Reinhardsbrunner Chronik aufhört, könnte sich der Liber mit seinen zugegeben sehr vorsichtigen Hinweisen als Geschichtsquelle anschließen.

Es folgt noch ein Nachtrag im nächsten Beitrag: Lied, Nachricht und einfühlsame Todesanzeige.



Samstag, 14. August 2021

Deutscher Orden und Seelsorge für Zisterzienserinnen?

Das Land Thüringen hatte neben dem Frankenland wohl die meisten Zisterzienserinnenklöster auf deutschem Boden. Fast alle verschwanden mit der Reformation und so geriet auch ihre Überlieferung in Vergessenheit. Vieles bleibt da noch zu tun, um den Schatz zu heben, der das geistig-kulturelle Leben dieser Region einst prägte. War doch diese Region im frühen 13. Jahrhundert das Zentrum des Reiches. 

Bei der Beschäftigung mit einer sehr kurzlebigen Gründung, Breitenbich nahe der Stadt Mühlhausen, aber auch im Kontext einer Schrift des Heinrich von Hesler fiel mir die Beziehung zwischen Deutschem Orden und Zisterzienserinnen auf. Natürlich sind die Indizien vage. Die Familie eines Edelherren, dessen Werke von den Deutschordensherren verbreitet werden, kann ihr Anwesen zufällig in ein Zisterzienserinnenkloster umgewandelt haben. Und die Gewährung von Ablässen, die Deutschherren dem Zisterzienserinnenkloster in Anrode anlässlich der Kirchweihe von Georgenthal zukommen ließen - auch sie können eine Gabe unter vielen sein, in einer Zeit, als die Popularität dieses Ordens im beständigen Wachsen war.

Meines Wissens sind die Relikte der Thüringer Balleien bisher noch nicht groß erforscht worden, sodass sich zu den intermonasteren Beziehungen gerade im Hinblick auf Frauenklöster wenig aussagen lässt. Es schadet allerdings nicht, eine solche These zunächst einmal aufzustellen, bevor man sie anhand erarbeiteter Fakten wieder verwirft. 

Verbindungen zwischen zisterziensischen Ordenshäusern und Deutschordensrittern ergeben sich bei den Männerklöstern über die Brüder von Dobrin, die Vorläufer der Deutschen Ordens im Deutschordensland. Sie entstammten dem Zisterzienserorden und gingen im Deutschen Orden auf. Das Element ritterlicher Tugend scheint also in beiden Orden ein hoher Wert gewesen zu sein. 

Die Frauenklöster könnten dort ins Spiel kommen, wo es darum ging, die Ausrüstung für diesen Orden herzustellen. Das würde erklären, weshalb so weit entfernt tätige Ordensritter einem sehr arm lebenden Zisterzienserinnenkloster in Thüringen, nämlich Anrode, mit einer Ablasserteilung Einnahmen verschafften. Und ausgerechnet die nahegelegene Stadt Mühlhausen hatte seinerzeit zwei Deutschordenskommenden. 

Geht man davon aus, dass sich die Mitglieder des Deutschen Ordens zu einem hohen Prozentsatz aus der städtischen Bevölkerung rekrutierten und in den Städten präsent waren, und diese Herkunft genauso für die in Stadtrandlage gelegenen Zisterzienserinnenklöster gilt, so wären vielleicht auch ähnliche Denk- und Aktionsmuster vorhanden, könnte man nach geistlichem Austausch und fürsorgenden Tätigkeiten spiritueller Art zu suchen. Ist es denn bewiesen, dass nach den Kanonikern ausschließlich die Dominikaner und die Franziskaner im Hoch- und Spätmittelalter die Seelsorge in den OCist-Frauenklöstern übernahmen? Könnten es nicht auch Deutschordenspriester gewesen sein?

Es könnte vielleicht einen Bezug zum Deutschen Orden geben, der auch einen Standesunterschied dokumentierte: Dass nämlich die von Kleinadligen und Ministerialen in Stadtrandlage gegründeten OCist-Frauenklöster den ursprünglichen zisterziensischen Geist, der auf Handarbeit setzte, intensiver und aktiver tradierten, als die hochadeligen Ordenshäuser, deren Schwerpunkt die Bildungswelt war. Es könnte sein, dass diese Häuser in ihrer spirituellen Geisteshaltung mit der motivierenden Thematik des Kämpfens für Christus, ohne in eine Schlacht zu ziehen, dem Bild also, das Bernhard von Clairvaux für seine Mönche skizziert hatte, mehr oblagen bzw. ihren Handlungsradius anders verstanden, als die adeligen zisterziensischen Häuser.  Mich jedenfalls beeindruckt eine Notiz, wonach die Nonnen von Anrode bei minus 40°C im Winter tapfer ihr Chorgebet hielten. Solches Selbstverständnis ist nicht situativ, sondern in der Haustradition gewachsen. Für solch ein Tun braucht man den Konsens einer gewachsenen Gemeinschaft. Das kämpferische Element ist also da!

Dienstag, 29. Juni 2021

Hatte das ehemalige Benediktinerkloster Ansbach was mit Helfta zu tun?

Grund und Boden des Klostergrundes von Helfta wurde zur Gründungszeit in einigen Fällen von der Benediktinerabtei Hersfeld abgelöst. Patron der Abtei war der hl. Wigbert. Komischerweise gab es aber in Helfta nie eine Wigbertikirche. Eine der ältesten Kirchen des Ortes trug das Patrozinium des hl. Gumpert. Auch dieser Patron weist ins Frankenland. Allerdings nach Ansbach. An der fränkischen Mission hat sich nämlich auch eine andere Abtei beteiligt, über deren Frühgeschichte nicht gar so viel bekannt ist, wie über Hersfeld, schon gar nicht, wenn es um Besitzungen in Mitteldeutschland geht. Bekannt ist eigentlich nur, dass Karl der Große die Abtei privilegierte und beschenkte.

Schön, könnte man denken. Nur dass die 1977/78 bei Grabungen gefundene Kirche an der sogenannten "Großen Klaus", nahe des jetzigen Grabungsgebietes relativ klein war und nur auf das 13. Jahrhundert datiert wurde. Die Flurbezeichnung "Große Klaus" des Hügels weckt irgendwie andere Erwartungen. Kaum zu glauben, dass man groß und klein verwechselt hat. Denn nebendran, dort, wo jetzt die Kaiserplalz ausgegraben wird, heißt das Flurstück mit der größeren Kirche "Kleine Klaus". Seltsam -  nicht wahr?

Jedenfalls, enttäuscht das Ergebnis, wenn das alles gewesen sein soll. Alles klingt verdreht. Doch die erwähnte alte Grabungsstelle lag mehr im "Hüttengrund" als auf dem mit "Große Klaus" benannten Hügel und schnitt diesen nur an. Ein Scan mit modernen Verfahren nebst Bodenwiderstandsmessung hat dieses Areal noch nicht erfasst. Das aber wäre wünschenswert, um nichts zu übersehen.

Was wäre zu erwarten? Nach meiner Logik, verdiente - unter der Voraussetzung, dass mit der Flurbezeichnung "Klaus" eine Kirche gemeint war - die sogenannte "Große Klaus" nur dann diese Bezeichnung, wenn die dort stehende Kirche größer gewesen wäre, als die auf der "Kleinen Klaus". Dabei ist davon auszugehen, dass es eine Zeitspanne gegeben haben muss, in der die beiden Kirchen gleichzeitig nebeneinander existierten. Unter dieser Prämisse, müsste die Kirche auf der "Großen Klaus" entsprechend der Bezeichnung wenigstens eine solche Zeitspanne lang, die für eine Namensgebung ausreichend wäre, größer gewesen sein, als diejenige auf der "Kleinen Klaus".

Also ist St. Gumpert im Großformat noch nicht gefunden. Gab es vielleicht zwei auseinanderfolgende Kirchen mit gleichem Patrozinium an bzw. auf der "Großen Klaus"? Dann wäre die größere und ältere noch zu suchen. Ich denke da an die Forschungen des Würzburger Archivars Paul Schöffel, der in einem Artikel über Pfarreiorganisation (1947) auch beschrieben hat, wie ein Bischof eine Eigenkirche ablöste, nämlich, indem er einfach eine ihm gehörende Kirche daneben erbauen ließ. - Zu St. Gumpert in Helfta zurückkehrend, lässt sich die kleine Kirche mit diesem ausgefallenem Patrozinium dann vielleicht so erklären, dass diese der Ersatzbau für eine ältere Kirche war, die noch nicht zum Bistum Halberstadt gehörte. 

Benediktiner haben in erhabener Lage gebaut. Die Hügelspitze der "Großen Klaus" ist erhaben. Und das Kloster Ansbach war um das Jahr Tausend herum eine bedeutende Abtei. Könnte nicht in jener Zeit, als man auf der "Kleinen Klaus" das imposante Bauwerk zu errichten begann, das derzeit ergraben wird, die "Große Klaus" mit einer altehrwürdigen großen Benediktinerkirche geziert gewesen sein, deren Eigentümer die Benediktiner von Ansbach waren? St. Gumpert gibt jedenfalls diese Frage auf. Und ob zum Baubeginn auf der "Kleinen Klaus" nicht bereits ein kleineres Kirchlein dort bestand, das den Anlass für die Verhältnisbestimmung von "groß" und "klein" bei der Flurbezeichnung gab? - Mal sehen, was die Grabungen ergeben.

... In den nächsten Tagen folgt hier etwas Literatur dazu ...

Freitag, 25. Juni 2021

Spannende Frage - Urkunden verloren oder erst gar nicht geschrieben? Die sehr geringe Zahl an Ausfertigungen in Helfta

Gerade wird, wie vor zwei Tagen durch die Medien gegangen, die Kaiserpfalz in Helfta ausgebuddelt. Endlich! Warum aber gibt es nur eine Urkunde, die in Helfta ausgefertigt wurde? Wo sind die anderen geblieben oder gab es keine weiteren? Dabei war mindestens dreimal ein ottonischer Herrscher hier.

Zwar lässt sich diese Frage nicht einfach so beantworten. Was aber möglich ist, sind kleine Reflexionen. Sicher war das Urkundenaufkommen in einer Kanzlei immens. Sowas wie Zentralarchive gab es aber wohl noch nicht. Oder doch? Meines Wissens wurden, wenigstens bei wichtigen Urkunden zwei Ausfertigungen geschrieben, nämlich jeweils für die Parteien. Wenn also ein König oder Kaiser eine Gunst gewährte, war das ja auch für seine persönliche Dokumentation von Belang. Bei einem Reisekönigtum konnte man aber nicht in jedem Haus ein Archiv einrichten. Was hätte das denn genützt? Hat man also Pfalzen gehabt, an denen ausgestellte Diplome gesammelt und gelagert wurden? Schließlich konnte man ja nicht bei jeder Reise einen immer größer werdenden Konvoi von immer älteren Dokumenten von Ort zu Ort transportieren. 

Gab es also doch sowas wie Lagerorte für Urkundenbestände in ganz bestimmten Pfalzen bei den Ottonen, Saliern und Staufern? Dann wäre der Untergang oder die Zerstörung solch einer Pfalz mit dem Verlust einer größeren Menge an Dokumenten auch umliegender Pfalzen behaftet gewesen, aus denen eben sehr wenige Dokumente bekannt sind. Es wäre doch eine Überlegung wert. Ob man sowas anhand von Formularbehelfen herauskriegen könnte, indem man deren bevorzugte Ausstellungsorte und Regionen für Formulartypen auflistete (Natürlich nicht bei den Empfängerausfertigungen, die hätten ja überall hinreisen können.)? 

Verluste durch die Jahrhunderte sind aber auch bei den Empfängern nicht gering gewesen. Insofern kann es natürlich sein, dass in Helfta mehr als eine Urkunde ausgestellt wurde, diese aber heute verloren sind. Alternativ könnte man ansonsten auch darüber nachdenken, ob es Pfalzen gab, in die sich ein Herrscher zum Zwecke der Erholung von den Staatsgeschäften zurückzog, die also nur zu bestimmten Jahreszeiten aufgesucht wurden und deren Ausstattung dann mehr diesem Anliegen entsprach. Schließlich konnte doch auch ein Herrscher mal für eine gewisse Zeit nicht zu sprechen sein. - Ja wie hat die Diplomatik eines Reisekönigtums tatsächlich funktioniert und wo gingen die Ausstellerexemplare verloren? Kann man an diesem Punkt noch zu Antworten kommen?

Freitag, 11. Juni 2021

Nach hochheilig kommt unheilig

Jeder weiß: "Nach fest kommt ab." Ein überspannter Faden reißt. Die Frage, die sich dabei im Kontext des Heiligen stellt, ist, auf welchem Weg das in der geistlichen Welt geschieht. Wer nicht bloß abstrakte Fakten in der Geschichte konstatiert, wird diese Wellenbewegung entdecken. Warum überbordet cluniazensische Liturgie und fällt dann in die Bedeutungslosigkeit ab? Warum geht der Stern der Zisterzienser so kometenartig auf, um im Jahrhundert darauf mit Revolten, wirtschaftlicher Not und drohendem Niedergang konfrontiert zu sein? Die Frauenklöster blühen im 13. Jahrhundert, und auch hier sind knapp hundert Jahre später überwiegend Negativkonnotationen bekannt. Was geschieht da auf der geistlichen Schiene?

Das Herz klösterlichen Tuns sind Gebet und Liturgie, und dies nicht zum Selbstzweck, sondern in, mit und für die Welt. Muss man da nicht genauer schauen, was in diesem Bereich passiert(e), wenn da jeweils zyklisch solch ein Abrutschen zu verzeichnen ist? Was geschieht zuerst: der wirtschaftliche Niedergang oder der geistliche, der einen wirtschaftlichen nach sich zieht? Was ist der Grund? Ist es eine Art Fassadentuning, dergestalt, dass nach außen die altehrwürdigen Riten als Hülse fortgeführt werden, während man im Inneren auch voreinander nicht zugeben kann, dass das beständige Schweben in mystischen Höhen nicht funktioniert und in einer Art kollektiver Normsetzung, die öffentlich als überhöht zu bezeichnen, sich niemand traut, der erste zu sein, auch immer weniger funktionieren kann. So kommen wahrscheinlich nach und nach alle in den Zwiespalt, etwas als gültige Norm zu bezeichnen bzw. bezeichnen zu müssen und in seiner Bedeutung zu preisen, dessen inneres Korrelat unsichtbar geworden ist, weil der Eifer erkaltete.

Sobald das Besondere Routinecharakter bekommt, verliert es seine Erhabenheit und Zugkraft, weicht die Ehrfurcht zurück, wird es mehr verwaltet, denn verehrt. Hier dürfte die Wurzel klösterlicher Niedergänge zu finden sein. Aus ehrerbietiger Feier wird die Verwaltung einer toten Höhe, nicht weil sie tot ist, sondern weil die Praxis des Lobpreisens über den zu Lobenden gestellt wird. Dort aber, wo die jeweiligen Hüter und Hüterinnen des Heiligen gerade durch den pausenlosen Umgang mit dem Höchsten die Ehrfurcht verlieren, dort wird man das über Kurz oder Lang auch außen bemerken. So wird Glaubwürdigkeit verloren. 

Und fängt dann jemand wieder in ehrlicher, ja authentischer Weise klein und einfach an, dann laufen die Suchenden geradewegs dorthin, und der Prozess des Wachsens und Blühens beginnt von vorn.

Dienstag, 24. November 2020

Eine Grangie im 21. Jahrhundert

Das Wort Grangie leitet sich von seinem Verwendungszweck her, ein Gebäude zu sein, in dem man Korn aufbewahrt (lateinisch "granum"). Schon in der Bibel ist von solchen Vorratshäusern die Rede, wenn man beispielsweise an den Kornbauern denkt, der wegen einer reichen Ernte Neubaupläne hegt (vgl. Lk 12, 16-21). Da diese Getreidespeicher allerdings mit dem landwirtschaftlichen Aufschwung und der Bewirtschaftung größerer Flächen typisch für zisterziensische Lebenskultur wurden, ist das Grangienwesen zum Charakteristikum der Zisterzienser geworden. Dabei haben sich entsprechend dem Stil ihrer Bauten auch typische Formen dieser Gebäude herausgebildet. Man kann darüber philosophieren, ob das hier und da beabsichtigt war oder vielleicht nur heute so erscheint. Denn einheitliche Wirtschaftsform, gleicher Verwendungszweck und gleiche Sozialisierung sind ja doch für sich genommen schon starke Einflussgrößen für einen einheitlichen Stil. 

Wegen dieser Einmaligkeit steht das Wort Grangie symbolisch für die zisterziensische Wirtschaftsform. Ein solches Gebäude ist Teil einer gewachsenen zisterziensischen Kultur wie auch die Kirchen und Klöster.

Wenn es nun das Anliegen unserer Lebensweise ist, authentisch vom Ursprungscharisma her zu leben, dann macht es durchaus Sinn - wo es sich machen lässt - das Alte aufzugreifen und in neuer Form für heute zu gestalten. Denn das Zeichenhafte und Symbolische steht für den angestrebten Geist, der durch solche Hallen wehen möge.

Daher ist es wohl nicht besonders überraschend, wenn eine Gemeinschaft, die Landwirtschaft betreibt und neue Wirtschaftsgebäude benötigt, diese im ordenstypischen Stil zu bauen wünscht. So richtet sich der Blick aktuell nach Frankreich, genauer gesagt nach Boulaur, wo, begleitet von einem Filmteam, derzeit eine echte zisterziensische Grangie entsteht. Vom ersten Spatenstich bis zur Inbetriebnahme wird hier der Werdegang unter echten monastischen Bedingungen dokumentiert. Ein Crowdfoundingprojekt wirbt derzeit um Unterstützer dieser Sache. 

Ich halte dies für ein gelungenes Beispiel heutiger Zisterzienserinnen, sich dem reichen Erbe ihres Ordens zu stellen, im Heute neue Akzente aus alter Tradition zu setzen und damit aktuelle Zisterziensergeschichte zu schreiben. Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, schauen Sie auf der Webseite der Abtei Boulaur (www.boulaur.org) unter dem Stichwort "Grange 21" nach...

Mittwoch, 4. November 2020

1294 - Helfta "in höchster Furcht vor dem König"

Das Kapitel elf des vierten Buches des Liber specialis gratiae spielt auf den ersten Thüringenfeldzug des Königs Adolf von Nassau 1294 an, der nicht weit entfernt von unserem Kloster stand. Die einleitenden Worte, es habe höchste Furcht geherrscht, und sie wären nicht weit entfernt gewesen, lassen keinen anderen Schluss zu, als dass es jederzeit möglich war, dass die königlichen Truppen einfallen konnten. So nahm die ältere Geschichtsschreibung - natürlich ohne diesen Text als Quelle einzubeziehen - an, dass nicht der alte thüringische Gerichtsort Mittelhausen bei Erfurt der Lagerplatz des Heeres war, sondern Mittelhausen bei Farnstädt. Von dort waren es bloß 13,9 km Fußweg bis Helfta. In etwas mehr als zwei Stunden zu Fuß zu schaffen, während das andere Mittelhausen, das in jüngerer Zeit postuliert wurde, 76 km weit weg ist, was den Superlativ der höchste(n) Furcht nicht erklärte.

Wie aber, wenn dem Gesagten, das ja bei den Zeitgenossen nur Wirkung entfaltet hätte, wenn es Wahres, ja Nachvollziehbares, in den Kontext der überirdischen Wirklichkeit stellte, also ein wirkliches Wunder berichtete, tatsächlich Quellenwert zugeschrieben werden würde? 

Das strategische Konzept Adolfs wäre dann natürlich zu überdenken, wenn das Mittelhausen ein anderes gewesen wäre. Vom Mittelhausen bei Farnstädt konnte er sowohl rasch ins Osterland als auch nach Thüringen ziehen. Dann wäre der Lagerplatz wohl weniger eine symbolische Siegerpose gewesen, als vielmehr ein günstiger Ausgangspunkt, der viele Wege offen ließ. Doch ein Ort ist in Mechtilds Buch nicht genannt.

In dem kurzen Text über den König heißt es, Helfta sei verschont geblieben, obwohl viele andere Klöster von schwersten Schäden betroffen wurden. Zu fragen wäre deshalb, wie es den Klöstern rings um Mittelhausen in Sachsen-Anhalt erging, ob es Hinweise baulicher, urkundlicher, archivalischer Art gibt, die in der Zusammenschau der Befunde auf solche Gewaltakte in der Region hindeuten. Diese Klöster wären Klosternaundorf, Holzzelle und Sittichenbach, vielleicht auch St. Cyriakus in Wimmelburg. Wenn es dorthin Übergriffe gegeben hätte, dann wäre es in der Tat berechtigt gewesen, sich als nächstes Opfer zu vermuten und Tage höchster Angst zu verleben.