Mittwoch, 4. Juni 2014

Es kann sein, dass ein fremder Mönch von weither kommt... (RB 61,1)

Wenn Benedikt in seiner Regel von fremden Mönchen spricht, geht es ihm um die Lebensweise im Sinne einer zu praktizierenden christlichen Form der Gastfreundschaft.1 Die mitunter daraus folgende Eingliederung Einzelner in den Konvent steht zunächst unter diesem Vorzeichen. Dass es sich dabei mehrheitlich wohl nicht um solche Fremdlinge handelte, bei denen es zu ernsthaften Sprachbarrieren gekommen wäre, erschließt sich daraus, dass in dem Kapitel auch auf Gespräche und Unterredungen verwiesen wird, in denen der fremde Mönch eine begründete Kritik äußern oder auf etwas aufmerksam machen konnte (RB 61,4). Bedingt durch Pilgerreisen und das unter asketischem Aspekt geübte Wandermönchtum sowie auch aus Gründen der Aus- und Weiterbildung in speziellen Fertigkeiten kam es zu vielfältigen Begegnungen mit Vertretern anderer Gemeinschaften und damit einem beständigen Austausch von Nachrichten, was die enge Verbundenheit der verschiedenen Klöster trotz der zurückgezogenen Lage ihrer Standorte unterstreicht. Nun hat es nicht nur große männliche Anachoreten und Seelenführer gegeben, sondern auch geistliche Mütter, deren Weisung und Rat gesucht und befolgt wurde2. Pilgerreisen frommer und abenteuerlustiger Frauen sind beschrieben3. Sehr wahrscheinlich hat es also auch ein monastisches Wandern von Frauen aus asketischem und missionarischem Antrieb gegeben. Hätte beispielsweise die heilige Walburga ihr Klosterleben ohne solchen Eifer nicht in ihrem Heimatland beendet? Ob und wie sich dieses Wandern weiblicher Ordensleute von der Praxis der Mönche unterschied, wie solche Ortsveränderungen durch männliche Verwandte eventuell vorbereitet, gesteuert und begleitet wurden, darüber könnte man sich sicher noch durch vertieftes Quellenstudium kundig machen und dabei einiges entdecken. Mir soll es hier eher um die Frage der verbalen Kommunikation fremder Religioser untereinander gehen, die bis ins Mittelalter hinein für die Klöster offenbar kein Problem darstellte.
Wenn sich spätestens seit der Frühen Neuzeit mit dem Rückgang lateinischer Sprachkenntnisse und der Etablierung der jeweiligen Landessprachen auch in der Schriftkultur die Möglichkeiten des gegenseitigen Verstehens für Menschen verschiedener Herkunft veränderten und ein Leben in strengster Klausur und Schweigen an einem ganz konkreten Ort ein zusätzliches, die Sprachkompetenz beeinflussendes Hindernis für Nonnen darstellte, so könnte es von Interesse sein, wie sich verbale Kommunikationsprobleme fremder Konventualinnen, welche beispielsweise durch Vertreibung und Auflösung ihrer eigenen Klöster in andere Gemeinschaften übertraten, auf das klösterliche Zusammenleben auswirkten. Hier denke ich vor allem an die französischen Konvente, die Aufnahme im deutschsprachigen Gebiet suchten. Einen anderen Blickwinkel auf die verflochtenen Beziehungen von Klöstern kann man bekommen, wenn man auf diejenigen Gemeinschaften im Osten schaut, die in einem mehrheitlich protestantisch gewordenen Umfeld dadurch den Fortbestand sicherten, dass sie Novizen aus entfernteren katholischen Regionen aufnahmen und sich im Rahmen der Möglichkeiten eines kontemplativen Klosters aus existenziellen Gründen ganz bewusst für eine  Art Offenheit (wie sie sich im Detail ausgewirkt haben mag, ist vorerst noch nicht eingehend erforscht) entschieden4.
In den biblischen Texten zum Pfingstfest ist von zwei Ereignissen, in denen Kommunikation wesentlich ist, die Rede: Beim Turmbau zu Babel (Gen 11, 1-9) wird deutlich, dass das gemeinsame, die menschliche Anmaßung illustrierende Bauvorhaben, mit der Verwirrung der Sprachen ein plötzliches Ende fand. Das Pfingstwunder, bei dem jeder die Apostel in seiner Sprache […] reden hörte (Apg 2, 6), bezog Menschen verschiedener Herkunftsländer in das Verstehen der Ereignisse ein, bewirkte also Gemeinschaft. Fachliche Kompetenz und gemeinsames Streben auf ein Ziel hin finden dort eine Grenze, wo sie / es sprachlich nicht vermittelt werden kann. Sprachbarrieren können damit elementare Hemmschuhe im Miteinander sein und sollten dadurch in gewisser Weise auch für Klöster historisch greifbar sein. Wie wirkten sie sich also in kontemplativen Gemeinschaften aus? In welcher Form nahm man darauf im Alltag Rücksicht, z.B. bei Ansprachen, Absprachen und der Erklärung von zu übertragenden Aufgaben? Wie geschah und geschieht Integration fremdsprachiger Mitglieder in klösterlichen Gemeinschaften in Deutschland? Gibt es Hinweise auf Veränderungen der Konvente durch die Öffnung für diese Menschen und ihre Traditionen? Gegenwärtig gibt es unter den Ordensleuten in deutschen Zisterzienserinnenkonventen Schwestern aus Ungarn, Österreich, Bolivien, Dänemark, Rumänien (ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Wenn Kommunikation ein wesentlicher Aspekt gelebten Miteinanders ist, so könnte ein Blick auf die gegenseitige Anstrengung bei der Überwindung von Sprach- und Sozialisationsproblemen im weitesten Sinn einen wichtigen Hinweis auf den je zeitbedingten Umgang mit den eigenen nationalen und traditionalistischen Tendenzen geben.

1Ausführliches zum Kontext und den Hintergründen dieses Kapitels: Michaela PUZICHA, Kommentar zur Benediktusregel. Mit einer Einführung von Christian Schütz. Hg. Von der Salzburger Äbtekonferenz (St. Ottilien 2002) 515-522. Zum Aspekt der Kommunikation und Integration äußert sich im Kontext des Kapitels RB 61: Bruno FROMME, Der Liebe zu Christus nichts vorziehen. Anstöße aus der Regel des hl. Benedikt. Hg. Von der Säkularvereinigung Similitudo Dei (Großlittgen 2004) 332-334.
2Genannt seien hier beispielsweise die Frauen Synkletia und Theodora aus den Apophthegmata Patrum. Weitere Beispiele großer frühchristlicher monastisch lebender Frauengestalten finden sich in folgendem Werk: Sophronia FELDHOHN / Jakobus KAFFANKE, Sich täglich den Tod vor Augen halten. Sterbeberichte früher Mönche und Nonnen. (Weisungen der Väter 2, Beuron ²2010).
3Für die Zisterzienserinnengeschichte ist hier die von Thomas von Froidmont überlieferte Geschichte seiner Schwester Margareta von Beverly zu nennen. Edition: Paul Gerhard SCHMIDT,  ' Peregrinatio periculosa'. Thomas von Froidmont über die Jerusalemfahrten seiner Schwester Margareta.  In: Kontinuität und Wandel. Lateinische Poesie von Naevius bis Baudelaire. Franco Munari zum 65. Geburtstag. Hgg. von Ulrich Justus STACHE, Wolfgang MAAZ und Fritz WAGNER (Hildesheim 1986) 461 - 486. Jenseits der Zisterzienserinnengeschichte kann auch die von ihr selbst beschriebene Pilgerreise der Egeria über ein derartiges Unternehmen näher informieren, in deren Einleitung Georg Röwekamp noch weitere Namen pilgernder Frauen - hier des 4. und 5. Jahrhunderts - nennt: EGERIA, Itinerarium. Reisebericht. Lateinisch - Deutsch, übers. u. eingeleitet v. Georg RÖWEKAMP unter Mitarbeit v. Dietmar THÖNNES  (Fontes Christiani 20, Freiburg / Basel / Wien / Barcelona / Rom / New York 1995).
4Notiert z.B. jüngst für Neuzelle im Beitrag: Helmut FLACHENECKER, Kirchliche Raumordnung im Spannungsfeld zwischen Beharrung und Wandel. Die Apostolische Administratur des Bistums Meißen in den Lausitzen. In: Die Nieder- und Oberlausitz - Konturen einer Integrationslandschaft: Band III: Frühes 19. Jahrhundert, hgg. von Thomas BRECHENMACHER, Heinz-Dieter HEIMANN, Klaus NEITMANN (Berlin 2014) 55-70, hier 61.

Sonntag, 25. Mai 2014

Aurora lucis rutilat

In der Osterzeit wird jeden Morgen der Hymnus Aurora lucis rutilat gesungen. Das Morgenrot am Horizont wird mit dem ersten Licht des Ostertages verglichen. Der auferstandene Christus wird als die wahre Ostersonne im Loblied besungen, und gerade in dieser Zeit wiederholt sich das Schauspiel Sonnenaufgang täglich auf phantastische Weise am Horizont. Der Hymnus wird Ambrosius von Mailand (4.Jh.) zugeschrieben, stammt jedenfalls aus seiner Zeit, und überliefert damit auch auf gewisse Weise eine monastische Erfahrung der Mönche von damals. Heute haben nur wenige Klöster noch eine Ordnung, die sie so früh in den Chor ruft, dass sie dieses Schauspiel ganz wahrnehmen können, bei dem man das Morgenlob dieses Hymnus direkt hinein in den erwachenden Tag singen und den Vögeln beim Aufwachen zuhören kann. Das Hineingestellt-sein in den Rhythmus der Natur geht auch bei den Gemeinschaften nach und nach verloren. Heute sind es die Arbeitnehmer mit den weiten Anfahrtswegen, die Zeugen solcher morgendlicher Auferstehungserfahrungen werden können, wenn sie schon wach genug sind und einen Sensus dafür haben. In den Klöstern ist man darauf angewiesen, diese Erfahrungen zunehmend aus dem beschriebenen Text zu extrahieren und sich die dazugehörigen Bilder in Gedanken aus früheren Erfahrungen herbeizuholen. Das manchmal beklagte und oft von Gästen so bewunderte tägliche frühe Aufstehen gestaltet sich im Vergleich zu früheren Jahrhunderten sehr moderat. Kaum ein deutscher Konvent des Zisterzienserordens hält die Matutin frühmorgens und fängt mit dem Morgenlob vor 6:00 Uhr an. Geschuldet ist solche Ordnung den wirtschaftlichen Erfordernissen und der Tatsache, dass auch in Klöstern die Zeit nach der Komplet zum Arbeiten genutzt wird, die die einzige ist, die nicht mehr von irgendeiner Gebetszeit oder sonstigen Verpflichtung unterbrochen wird, vor allem dann, wenn es sich um administrative und im weitesten Sinne schriftliche Dinge handelt, für die man mehr zusammenhängende Zeit benötigt.
Interessant ist auch die einstige Länge des Hymnus, der heute in drei Teile zerlegt ist. Neben Aurora lucis rutilat, gehören die Hymnen Tristes erant Apostoli und Paschale mundo gaudium zum ursprünglichen Text.

Online-Literatur (abgerufen am 25.05.2014): 
http://hymnarium.de/hymni-ex-thesauro/hymnen/148-aurora-lucis-rutilat

Samstag, 24. Mai 2014

In schlechten Zeiten...

Derzeit gibt es Engagement und Interesse, um in dem Jahr, in dem sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum einhundertsten Mal jährt, auch die subjektive Verarbeitung solcher Katastrophen anhand von individuellen Zeugnissen zu beleuchten. Traumatisierende Verluste an Leib und Leben oder auch nur Lebensqualität hat es aber in vielen Kontexten von Krieg und Vertreibung sowie Gewalttätigkeiten jedweder Genese gegeben und könnte damit auch ein relevanter Aspekt für die Aufarbeitung der Geschichte und gelebten Spiritualität monastischer Gemeinschaften sein. Dass dabei Vertreter klösterlicher Gemeinschaften nicht immer nur Opfer, sondern auch Täter sein konnten, wird schon bei Cäsarius von Heisterbach erwähnt: Tötet sie alle, Gott wird die Seinen gut wiedererkennen!, habe Generalabt Arnault Amaury, der päpstliche Bevollmächtigte im Kreuzzug gegen die Albigenser, bei der Belagerung der Stadt Béziers im Jahre 1209 auf die Frage eines Soldaten geantwortet, wie man die Katholiken von den Häretikern unterscheiden könne - es wurden 20000 Menschen umgebracht.1 Eine weitere Gestalt dieser traurigen Kategorie in der Zisterziensergeschichte war der thüringische Mönch Heinrich Pfeiffer. Er war Anführer eines Bauernhaufens und stürmte und brandschatzte sein eigenes Kloster.2 Ob und wie Vertreterinnen zisterziensischer Frauenklöster eine aktive politische Rolle im Zusammenhang von Krieg und Kriegsdienstleistungen in ihrer jeweiligen Region spielten oder in kriminelle Machenschaften verwickelt waren, ist bisher wenig zusammengetragen worden.3 Auch sind Beispiele ausgelebter Machtfülle im oben geschilderten Ausmaß meines Wissens bisher nicht für mittelalterliche und frühneuzeitliche Frauenzisterzen erarbeitet (schon gar nicht klosterübergreifend). 
Dies ist die eine Seite, menschliche Fehlleistungen zu erforschen und im heutigen öffentlichen Interesse wohl noch die interessantere.
Doch wie sieht es mit der passiven Seite des Gewalt-erfahrens aus? Diese Seite hat die Wissenschaft bisher noch weniger interessiert, obwohl sie einen guten soziologischen Einblick geben könnte. Wie haben sich betroffene geistliche Menschen, die ihr Leben durch Willkürakte von Rittern, Bauern, Söldnern und Behörden existenziell durchkreuzt sahen, dazu gestellt? Was ging in ihnen vor und wie haben die Klosterschwestern und Klosterbrüder weitergelebt, etwa nach Vergewaltigungen oder Verstümmelungen?4 Welche Hilfe wurde ihnen innerhalb ihrer Gemeinschaften zuteil, und wie gingen die Nichtbetroffenen dort mit ihnen um? Wie geistlich oder weltlich lebten und reagierten Klosterleute im Miteinander in Elend und Not? Wie gestaltete sich das Herzstück klösterlichen Seins, das vertrauensvolle Gebet und das geschwisterliche Miteinander im Ernstfall? Welche Akzente einer geistlich-caritativen Positionierung sind in Notzeiten erkennbar?
Im Zusammenhang mit der Vertreibung - sowohl Einzelner als auch ganzer Gemeinschaften - wäre weiter zu fragen: Was blieb in den Menschen an gefühlten Verlusten zurück und bestimmte womöglich den weiteren Verlauf der Existenz? Und worin bestand eigentlich der Verlust eines Menschen, der sich auf Gedeih und Verderb an einem ganz konkreten Ort auf Lebenszeit Gott verfügt hatte? War es das geordnete Leben, die klare Führung oder der spezielle Ort? Was betrauerten diese Menschen am meisten? Und was verbitterte sie? Wie verfolgten sie beispielsweise Tagesereignisse und auf welcher Seite standen sie jeweils? Die äußere Not und die wirtschaftlichen Einbußen, z.B. in Bauernkrieg und Säkularisation, sind immer wieder untersucht und beschrieben worden. Über das, was einfache Ordensleute in diesen Zeiten lebten, hofften, dachten und fürchteten, wissen wir bisher wenig. Es gab die Flucht ganzer Konvente in andere Klöster des Ordens und in die Städte und Stadthöfe, so die Flucht von Oberschönenfeld nach Stams, von Seligenthal nach Salzburg, von Wechterswinkel nach Oberweimar, von Königsbruck nach Lichtenthal. Andere wiederum flüchteten zu den Verwandten. Auch im unterschiedlichen Fluchtverhalten spiegelt sich nicht nur politisches Kalkül, sondern auch die geistliche Dimension von Menschen wieder. Auch hier gäbe es Stoff für vielfältige Fragestellungen.

1Vgl. Marcel LEBEAU, Chronologie de l'histoire de Cîteaux, Cîteaux 1997, 21.
2 Zur Person: Günter VOGLER, Pfeiffer, Heinrich. In: Neue Deutsche Biographie (NDB), Bd. 20, Duncker & Humblot, Berlin 2001, 319f, http://daten.digitale-sammlungen.de/0001/bsb00016338/images/index.html?seite=335. (abgerufen am 24.05.2014). Jüngster Beitrag: Thomas T. MÜLLER, Vom Zisterzienser zum Prediger im Bauernkrieg: Heinrich Pfeiffers Beziehungen zum Kloster Reifenstein. Cistercienserchronik 120/3 (2013) 381-388.
3 In diese Kategorie gehört wenigstens ein bisschen der Beitrag von Elisabeth LUSSET, Propriae salutis immemores? Réflexions sur la correction des moniales criminelles en Occident, XIIIe-XVe siècles. In: Figures de femmes criminelles, De l'Antiquité à nos jours, hgg. von Loic CADIET, Frédéric CHAUVAUD, Claude GAUVARD [u.a. ] (Paris 2010) 255-265.
4 Zum Thema Krankheit wäre in jüngerer Zeit der folgende Buchbeitrag erwähnenswert: Susanne KNACKMUSS, 'Moniales debiles' oder behinderte Bräute Christi. (Chronische) Krankheit, Behinderung und Familienbande im Frauenkloster um 1500. In: Homo debilis. Behinderte - Kranke - Versehrte in der Gesellschaft des Mittelalters, hg. von Cordula NOLTE (Studien und Texte zur Geistes- und Sozialgeschichte des Mittelalters 3, Korb 2009) 335-368.

Donnerstag, 1. Mai 2014

Guerric von Igny - Osterpredigt

Einige von euch wissen, wenn ich mich nicht täusche, aus Erfahrung: Oft, wenn sie Jesus auf den Altären der Kapellen gesucht haben, wie die Frauen im Grab, haben sie ihn nicht gefunden; aber dann ist er - gegen alle Erwartung - auf dem Weg ihrer Arbeit zu ihnen gekommen.

Aus: 3. Predigt über die Auferstehung. Sermons, t. II. SC n° 202.

Freitag, 18. April 2014

Ob Infirmis

Nachdenken über einen bisher weitgehend vernachlässigten Teil lebendiger Klostergeschichte: 
Angesichts der Tatsache, dass jeder im Verlauf seines Lebens einmal krank wird, ist es nicht uninteressant, zu fragen, wie sich Kranksein im Kloster gestaltet und gestaltete. Welche Gebrechen rechtfertigten in den frühen Zeiten beispielsweise ein Kranksein, und in welcher rituellen Form gestaltete sich die Bitte um Entpflichtung der Obliegenheiten und deren Wiederaufnahme nach der Genesung? Was erwartete die Kranke / den Kranken, wenn sie / er in die Infirmerie kam? Was ist über den Tagesablauf dort im Unterschied zum normalen klösterlichen Alltag in Erfahrung zu bringen? Wie war die Infirmerie in einem Frauenkloster ausgestattet und wer tat dort seinen Dienst mit welchen Befugnissen und Begrenzungen? Auch steht die Frage, wieviele Verantwortliche sich in welcher Form um die Kranken der Gemeinschaft kümmerten. Wie verhielt es sich mit den gewährten Erleichterungen hinsichtlich der Speise und der Körperpflege in der Praxis? Was taten Klöster in Zeiten von Epidemien, beispielsweise der Pest, wenn erste Konventsmitglieder scheinbar oder tatsächlich daran verstorben waren? Die Sorge für die Kranken muss - nach den Worten des hl. Benedikt (RB 36,1) - vor und über allem stehen. Was taten und tun Klöster für ihre Kranken?
 

Sonntag, 30. März 2014

Gastfreundschaft und Chorgebet


Vielen Klosterbesuchern ist es ein besonders beeindruckendes Erlebnis, dem Chorgebet zu lauschen. Die Bedürfnisse der Gäste sind dabei sicher ganz unterschiedlich und reichen vom schlichten Interesse an fremdartig anmutenden Bräuchen vergangener Jahrhunderte über den Wunsch nach kulturellem Genuss bis hin zur aktiven persönlichen Mitfeier der Horen. Für diejenigen, die dieses Gebet täglich vollziehen, ist all dies primär von untergeordneter Bedeutung oder sollte es zumindest sein, denn es ist in erster Linie eine gemeinschaftlich gesungene Form der Gottesverehrung. So sollte die Anwesenheit bestimmter zuhörender Personen, egal ob musikalisch begabt oder von hohem Rang, die Qualität des Gesanges nicht wesentlich ändern, denn dies bedeutete ja, dass nicht mehr Gott der wirkliche Adressat dieses Chorgebetes ist. Dennoch wird ein ganz auf Gott ausgerichtetes Singen eine Wirkung haben, die auch die Zuhörer beschenkt und aus Kulturgenuss vielleicht auch eine Gotteserfahrung macht, denn es ist der Spiegel auch sonstigen Miteinanders im Alltag, der von einer gegenseitigen Achtsamkeit geprägt sein sollte. Ein perfekt gesungenes Chorgebet kann daher auf den Zuhörer kälter und steriler wirken, als eines, in dem vorkommende Fehler durch das spürbare Engagement aller aufgefangen und mitgetragen wird. Ein Gebet jedoch, dem anzumerken wäre, dass es sich hierbei um die Ableistung einer notwendigen Pflicht handelt, wird vom Zuhörer mit seismographischer Genauigkeit registriert und spricht natürlich auch wenig an.

Gerhoch von Reichersberg, ein Regularkanoniker des 12. Jahrhunderts, hat in einem Widmungsschreiben an ein unbekanntes Frauenkloster den folgenden Text verfasst[1], der seine Erfahrung von Gastfreundschaft und Chorgebet in einem Frauenkloster wiedergibt: 

Bruder Gerhoh, Propst von Reichersberg, den Schwestern in Christo, die wachen und die Ankunft des Bräutigams erwarten. O in Christus geliebte Schwestern, die Ihr, das Chorgebet über andere Dinge achtsam erhebend, tüchtige Eiferinnen seid, für mich bereitstehend, sei es gelegen oder ungelegen, um dem geschätzten Mann bald den angemessenen Wein zum Trinken und mit den Lippen und Zähnen zu verkosten, bald vom Mehl der täglichen Psalmodie das tägliche Brot zum Verzehren hervorzuholen, bin ich von Euch herausgefordert, nicht so sehr vom Werk der Stärke tüchtiger Frauen, sondern von der Milch und dem Honig, die unter Eurer Zunge verborgen, zwischen den Gesängen hervorströmen, die - gleich süßem Honig - alles überragende Gottesliebe und die wie Milch überfließende Nächstenliebe. 

Das Schreiben ist im Poznan – Kodex (Rkp. 173) überliefert, einer Handschrift des 13. Jahrhunderts, die mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der Abtei Ebrach stammt[2], sodass an eine überlieferte Sammlung von Texten aus den benachbarten Frauenzisterzen (Wechterswinkel oder St. Theodor in Bamberg) gedacht werden könnte, ohne dass dies schon ganz bewiesen wäre.[3] Zudem geht dieser Text der schon genannten Mirakelsammlung des Engelhard von Langheim in der Sammelhandschrift voraus, so dass auch eine zeitlich frühere Entstehung möglich wäre.[4] 

Ein schöneres Kompliment und Zeugnis eines vorbildlichen monastischen Lebens in einem Frauenkonvent des 12. Jahrhunderts wird man wohl nicht finden. Für das Chorgebet ist es die gelungene Umsetzung der Weisung Benedikts in RB 19,7.

[1] Original: Poznan – Kodex, Rkp. 173, fol 27v-30r, transkribierter Text hier nach Otto KURTH, Ein Brief Gerhohs von Reichersberg. Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde 19 (1894) 462-467464 – 467, hier 464. Online unter: http://www.digizeitschriften.de/dms/img/?PPN=PPN345858530_0019&DMDID=dmdlog40. 
[2] Vgl. Hans D. OPPEL, Die exemplarischen Mirakel des Engelhard von Langheim. Untersuchungen und kommentierte Textausgabe, (Dissertation Würzburg, 1978) 33-35. 
[3] Vgl. OPPEL, ebd. 35. 
[4] Zur zeitlichen Einordnung einer Entstehung um 1160 äußert sich u.a. Peter CLASSEN, Gerhoch von Reichersberg. Eine Biographie. Mit einem Anhang über die Quellen, ihre handschriftliche Überlieferung und ihre Chronologie, (Wiesbaden 1960) 366-376, Seitenangabe nach OPPEL.

Freitag, 28. März 2014

Motivation


Die deutsche Übersetzung des Widmungsschreibens des Engelhard von Langheim an die Äbtissin und die Nonnen von Wechterswinkel nach der Transkription von Hans Detlef Oppel[1]:


1 Der ehrwürdigen und in Christus geliebten Herrin und Mutter M., Äbtissin zu Wechterswinchel, und dem geweihten und von Gott geliebten Konvent ihrer Töchter, Engelhard, ihnen selbst zu beidem als Diener und Sohn Verpflichteter, aber mehr noch als Sohn. 2 Dank schulde ich für die Gnadenerweise, ich wünschte, (davon) abzutragen, wenn es gegeben würde, es auch zu können. 3 Großes verdientet Ihr, doch ich bin nur klein; woher sollte ich es haben? 4 Es tröstet mich allein dies, dass die Güte Euch Gewohnheit ist, dass Ihr nicht unter denen seid, die Mildtätigkeit nach Gewinn bewerten; die Frömmigkeit erstrebend, erachtet Ihr Gewinn und Ehre für nichts. 5 Denn es genügt Euch vom Freund die Treue der Freundschaft, die - wie die Weisen sagen - wenn sie echt ist, sowohl beim Reichen als auch beim Armen gleich ist, und in beiden wirkt, was sie kann. 6 Siehe meine Herrin, vieles ist mir an Wohltaten von Euch zuteil geworden, Euch aber von meinem Dienst nichts. 7 Ich bin nicht undankbar; wenngleich ich gestehe, ganz und gar unwürdig zu sein, will ich mich wenigstens entschließen, würdig zu werden, wenn auch nicht dadurch, dass ich handle, so doch wenigstens, dass ich mich bemühe. 8 Wie also könnte ich all das vergelten, meine Herrin, was mir zuteil wurde? 9 Was ihren heiligsten Töchtern für die Güte der einzigartigen Gnade? 10 Geschenke oder würdige Werke passen nicht zu mir, doch die Früchte meiner Muße gebe ich Euch, nicht Unnötiges, wie ich hoffe, wenn ich Eurer Frömmigkeit durch sie gefallen werde. 11 Eine edle Sache hört Ihr gern, am meisten, was aufbaut und was die Wahrheit durch die Verbürgtheit des Erzählten weitergibt. 12 Ich habe ein Werk dieser Art gegeben, um Euch zu dienen, aufzuschreiben, was ich gehört habe und was anzuhören dem Glauben nützlich sei und dem intensiven (geistlichen) Fortschritt helfe. 13 Lob suche ich nicht, noch sorge ich mich um Verleumdung; Euch erweise ich dadurch Zuneigung; wenn ich nur die Herzen der Lesenden aufbaue oder sicher erfreue. 14 Soweit wir sie gehört und erfahren und unsere Patres uns berichtet haben, würde ein schwaches Gedächtnis Übles tilgen, das Unrecht aber nur, wenn durch die Feder verwundet wurde und nicht zurücknehmbar ist. 15 Ich werde allein mit dem Zeugnis meines Herzens unterzeichnen, nicht weissagend, und ich möge nicht dahinein verfallen, dass ich kundtue, was in falscher Weise so erwünscht wird. 16 Nichts schreibe ich daher, was ich gelesen oder kopiert habe, sondern etwas, was ich zu sehen, am meisten, was ich zu hören bekommen habe. 17 Ich hoffe dennoch, dass es sehr viele Schriften sein mögen, die, wenn sie uns auch verborgen sein mögen, denn Vergehen würden uns verborgen sein, besonders in Ihrer Gegend und Umgebung aufbauten. 18 Wenn sie (Euch) also jetzt in die Hände gelangen, mögen sie uns nicht verurteilen; wenn sie ihnen (d.h. den Schwestern) verlesen werden, sei beides zuverlässig. 19 Wenn ich ihnen aber die Hand nicht versage, mit der sie voller Erkenntnis gestärkt werden, so bewahre dennoch Gott die Ehre seiner Werke und mir die Nachsicht meiner Handlung.



[1] Hans D. OPPEL, Die exemplarischen Mirakel des Engelhard von Langheim. Untersuchungen und kommentierte Textausgabe, (Dissertation, Würzburg 1976) Textedition 148 – 208.
Eigene Übersetzung unter Mithilfe einer weiteren Person, die ebenso anonym bleibt. Wer es besser kann, sei ausdrücklich und herzlich dazu eingeladen.