Montag, 20. Juli 2020

Medizinische Begutachtung einer Mystikerin - Mechtild von Hakeborn: Eine Diagnose

Sie war eine ungemein vielseitige und kenntnisreiche Ordensfrau - ab 50 wurde sie krank. Aber gerade als ob ihre große Begabung noch nicht ganz ausgeschöpft ist, zeigte sie nun in ganz anderer Weise die Größe und Tiefe ihres Geistes. Kranksein ist in jedem Leben eine Art Ausnahmezustand, der herausfordert. Und hier zeigt sich für einen Ordenschristen auch die Reife seiner Hoffnung am deutlichsten. - Doch woran litt sie eigentlich? Kann man aus den quer durch das Buch gesäten Hinweisen (gemeint ist der Liber specialis gratiae) Anhaltspunkte für eine Diagnose finden?

Der wichtigste allgemeine Grundsatz zuerst: Das Häufige ist häufig.

Benediktinisch-zisterziensich lebende Ordensfrauen haben einen Schleier und ein langes Gewand und befinden sich den überwiegenden Teil ihres Lebens in geschlossenen Gebäuden, mal betend, mal arbeitend, mal lesend. Damit fehlt der Haut das Sonnenlicht, ist ihr Spiegel an Vitamin D nicht gerade hoch. Mechtild von Hakeborn war Schulleiterin, Novizenmeisterin, Bibliothekarin, Leiterin des Scriptoriums und Cantorin - alles Tätigkeiten, die dafür sprechen, dass auch sie nicht viel an die Sonne gekommen ist. Das bedeutet, dass sich über kurz oder lang eine Störung im Knochenstoffwechsel eingestellt hat, z.B. bei extremem Vitamin D3-Mangel ein sekundärer Hyperparathyreoidismus mit Osteomalacie, die sogenannte renale Osteopathie, resultierend in Muskelschwäche, diffusen Knochenschmerzen und hepatischer Osteodystrophie. Die Knochenschmerzen entstehen durch Umbauprozesse und gelenknahe Verkalkungen. Bildung von Calciumoxalatsteinen, damit Nierenkoliken. Die Symptomentrias "Stein-Bein-Magenpein" wäre hier also durchaus zu unterstellen. Hinzu kommt in diesem Alter noch die durch Hormonveränderungen bedingte Osteoporose.

Liest man das einleitende Kapitel über Mechtild in ihrem Buch, so ist zu erfahren, dass sie ein Steinleiden, Kopfschmerzen und 'Hitze der Leber' also ein unspezifisches Oberbauchgefühl hatte [vgl. Vorwort zum erstenTeil]. Alle drei Symptome wären in ihrer Genese durchaus mit obiger Ursache zu vereinbaren. Umbauprozesse im Übergang vom Kopf zur Halswirbelsäule können Kopfschmerzen verursachen, Schmerzen Verspannungen - ein circulus vitiosus. Doch hier dürfte im Laufe der Erkrankung noch viel mehr die chronische Niereninsuffizienz mit den entsprechenden Folgen, z.B. Bluthochdruck verantwortlich sein. Kreislaufveränderungen, ein pochendes Herz wird im Buch beschrieben. Auch psychotische Veränderungen (Halluzinationen) kommen vor. Im Kontext dieses komplexen Erkrankungsbildes steht auch die oft im Buch beschriebene Schwäche. Veränderungen an der Wirbelsäule können zudem Nervenreizungen mit ischialgiformen Beschwerden hervorrufen, die ebenso beschrieben sind z.B. "dass der Schmerz dich bis zu den Knien erfasst"[Kapitel XXXIX].

Eine andere Sache sind die häufigen Ohnmachten im Chor, beschrieben in mehreren Kapiteln zu Beginn des zweiten Buches. Dass sie als Hauptkantorin mit vollem Einsatz sang, ist u.a. im dritten Teil [Kapitel VII] beschrieben. Nun gibt es ja Menschen, deren Blutdruck in den Morgenstunden nicht besonders hoch ist, was im Verein mit Schwäche zu Ohnmachten führen kann. Angesichts der oben beschriebenen Symptomatik halte ich diese Genese für nicht so logisch. Es gibt aber noch ein anderes Phänomen, den sogenannten Euler-Liljestrand-Reflex. Areale in der Lunge, die nicht belüftet sind, werden auch nicht durchblutet. Wenn man in der Nacht als Mensch mit Schwäche und einem gewissen Alter im Bett liegt, können nichtbelüftete Lungenbereiche mehr werden, gerade beim Schlaf in Rückenlage ohne große Bewegung. Wenn solch ein Mensch nun z.B. zum Einsingen Tiefatmungen und Atemübungen macht, könnten solche Lungenbezirke plötzlich wieder am Gasaustausch teilnehmen, werden somit auch wieder durchblutet, womit durch die Blutumverteilung ein Blutdruckabfall resultiert.

Die vorliegende Symptomatik ist medizinhistorisch interessant, weil sie einen Verlauf jenseits der heute üblichen Behandlungsmethoden, inklusive der Schmerzmittel, dokumentiert. Religionsgeschichtlich offenbart sie die Art der Verarbeitung ihres Leidens. Und ihre hohe Bildung und Gottesbeziehung machten daraus das entstandene Werk.

Dienstag, 26. Mai 2020

Medien und moderne Kommunikationsmittel im Kloster

Der Einzug von Neuerungen in Klöster hinkt naturgemäß etwas hinter der allgemeinen Verbreitungsgeschwindigkeit hinterher. Doch der Segen der modernen Kommunikation hat mittlerweise auch den Klöstern den PC, den Laptop und das Handy gebracht, wobei es in der Verbreitung natürlich noch sehr unterschiedlich zugeht. Es gibt Klöster, die mit drei PC's (einen für die Äbtissin, die Ökonomin und einen für alle anderen) im ganzen Haus auskommen und andere, in denen fast jeder einen für seinen Dienst braucht. Das liegt auch an den jeweiligen Aufgaben eines Klosters und an klösterlichem Produktmanagement. Gänzlich ohne PC aber geht es wohl heute nicht mehr, auch deshalb, weil er die Schreibmaschine inzwischen vollständig ersetzt hat. Doch wann und wie fing es an mit den Instrumenten moderner Kommunikation in den Frauenklöstern des Zisterzienserordens?

In einer alten CistercienserChronik (8/1896, S. 56) fand ich den folgenden Hinweis zum Telefon:

"Gebrauch des Telephons in Frauenklöstern. Der Beichtvater eines Klosters der Cistercienserinnen von der strengen Observanz (San Ildefonso en Feror Las Palmas auf Gr. Canaria) wohnt von diesem etwas weiter entfernt, infolge dessen er zum Sterbefall einer Schwester nicht mehr rechtzeitig ankam. Der dortige Bischof (von Canaria) bat nun beim hl. Stuhl um die Erlaubnis, dass zwischen der Wohnung des Beichtvaters und dem Kloster eine telephonische Verbindung hergestellt werde. Die Congreg. f. d. Bischöfe und Regularen ertheilte nun die Bewilligung unterm 20. März 1895, und zwar für den Fall der Nothwendigkeit, den Beichtvater zu verständigen,unter Beobachtung der nöthigen Vorsichten, damit keine Ungehörigkeit vorkomme..."

Von der Erfindung 1861 (Philipp Reis) und der ersten praktischen Anwendung 1876 (Alexander Graham Bell) hatte es nur knapp 20 Jahre gedauert, bis sich annehmbare Gründe für eine interne Verwendung in einem Frauenkloster fanden. Es ist anzunehmen, dass es kein päpstliches Dokument gibt, welches die Anwendung in einem Männerkloster eigens erlaubt. Aber immerhin liefert diese Mitteilung zwei Fährten, wo sich solche Informationen finden lassen. Möglicherweise könnten auch alte Klosterrechnungen solche Hinweise liefern.

Die CistercienserChronik scheint mit dem Erscheinen ab 1889 auch in den Frauenklöstern gelesen worden zu sein. Ab wann leisteten sich die Frauenklöster eine Tageszeitung?

Ebenso schwierig zu beantworten ist die noch nicht so lange zurückliegende Einführung des PC's. Wann fand der erste Computer in ein Frauenkloster? Hierbei von der Gegenwart auf die Vergangenheit zurückzuschließen, würde bedeuten, dass irgendwann einmal eine Kandidatin einen mitbrachte. Sicher ist, dass Ende der 1990er Jahre ein Klosteraufenthalt auch schon per Email angefragt und bestätigt werden konnte.

Zuvor aber hatte noch eine andere Erfindung kurzzeitig einen Platz im Kloster. In den 80er (???) Jahren löste der Piepser die Verständigung über die Glockenzeichen ab. Dieser wurde mancherorts (etwa um das Jahr 2010) durch das Handy abgelöst. Zunächst natürlich für diejenigen, die wichtige Funktionen innehatten.

Aber - weitergefragt: Wer unter den zisterziensischen Frauenklöstern hatte die erste Internetpräsenz, und wann war das? Welcher Orden war Vorreiter dabei mit seinen Klöstern? Unser Orden hat etwa um das Jahr 2004/5 einen ersten Blog eingerichtet, der ein gutes Medium ordensinterner Verbindung wurde. Zum wohl ersten offiziell hausintern erlaubten Blog einer Zisterzienserin lässt sich meinerseits Genaueres sagen: Er kam aus dem Kloster Seligenthal und ging Ende 2011 unter dem Namen "Nonnenleben. Nonnige Gedanken und Abenteuer" an den Start.

Mittlerweile geht die Technik weiter vorwärts. Seit der Coronakrise sind Internetkonferenzen häufiger und Livestreams notwendig geworden.

Nicht erwähnt wurden in dieser Zusammenschau Radio und Fernsehen. Dies alles nur als Anregung, einmal diese Entwicklung nachzuzeichnen, anlässlich meines Stolperns über jenes Zitat von 1896.

Man könnte mit anderem Blickwinkel auch einmal die mediale Präsenz von Ordensleuten in Rundfunk, Fernsehen und Printmedien in ihrer Entwicklung nachverfolgen.

Was es im Bereich der Nutzung und Einführung der Kommunikationsmittel definitiv gibt, sind Gender-Unterschiede.



Montag, 27. April 2020

Innocenz IV. privilegiert die Zisterzienserinnen

Während des Thüringischen Erbfolgekrieges 1247 - 1264 mischte sich der Papst ganz aktiv in das lokale Geschehen ein. Die folgende Urkunde vom 05. Juni 1249 aus dem Stadtarchiv in Nordhausen (StadtA NDH, Best. 1.2./ II Ob 2, S. 349f.), die heute nur noch kopial überliefert ist, könnte dabei der Anreiz für die Stifter gewesen sein, Frauenklöster zu gründen. Denn in jenen Jahren sind eine ganze Reihe thüringischer und hessischer Frauenklöster zisterziensischer Prägung neu entstanden, die es allerdings langfristig nicht immer schafften, selbst wenn sie Abkömmlinge anerkannter Zisterzienserinnenklöster waren, was im Detail auch noch zu erforschen wäre, den gleichen Status zu bekommen, wie ihre Mutterklöster. Hier sehe ich einen interessanten neuen Aspekt in der Forschungsgeschichte Mitteldeutschlands. Nach meinem Empfinden wirft die folgende Urkunde noch einmal ein ganz anderes Licht auf die Blütephase der Zisterzienserinnenklöster. Sie ist meines Wissens die einzige, die je von einem Papst an die Äbtissinnen des Ordens gerichtet wurde. Es muss davon mit Sicherheit Abschriften in anderen Klöstern gegeben haben. Der Zeitpunkt war äußerst günstig: Der Mainzer Stuhl war vakant. Und dass die Überlieferung so gering ist, verwundert auch nicht, denn die meisten thüringischen Klöster sind bischöflichen Rechts gewesen bzw. geworden. Hier der Text der Urkunde, die sich nur bei Dobenecker (III, 1726) und Förstemann (Neue Mitteilungen aus dem Gebiet hist.-antiqu. Forsch. 13/4 1874, S. 546f.) als Regest findet, nicht aber bei Potthast (von mir transkribiert, ergänzt [ ] und übersetzt):

Innocentius Episcopus servus servorum Dei dilectis in Christo filiabus Abbatissis earumque conventibus universis Cister[c]i[i] ordinis salute[m] et apostolicam benedictionem.

Solet annue sedes apostolica piis votis ex honestis petentium precibus favorem benevolum impartiri. Eapropter dilecta in Christo filia vestris iustis postulatibus grato concurrentes assensu ut eisdem privilegiis et indulgentiis vobis conpetentibus quibus ordo vester munitus dinoscite uti lib[er] valeatis, plenam vobis concedimus authorit[a]te praesentium facultatem. Nulli ergo omni[no] hominum liceat hanc paginam nostrae con[ci]onis infringere vel ei ausu temerario contra[ire] signis autem hoc attentare praesumpserit in[di]gnationem omnipotentis Dei et beatorum Pe[tri] et Pauli apostolorum eius se noverit incursu[m].

Datum Lugdunum Nonis Junij pontificatis Annorum 6.


Innocenz, Bischof, Diener der Diener Gottes, den in Christus geliebten Äbtissinnen und ihren Konventen des Zisterzienserordens Heil und apostolischen Segen. Aus den ehrenwerten Gesuchen der sich an ihn wendenden, pflegt der apostolische Stuhl jährlich, frommen Bitten eine wohlwollende Begünstigung zu gewähren. Deshalb, in Christus geliebte Tochter, da Eures Rechtes Bittgesuche auf willkommene Zustimmung treffen, gestatten wir Euch mit unserer Autorität auf Eure Bitten hin das volle Recht des hier genannten. Nehmt also zur Kenntnis, dass ihr dieselben Privilegien und Nachlässe frei gebrauchen könnt, mit denen Euer Orden ausgestattet ist. Keinem Menschen sei es erlaubt, diese Seite unserer Rede zu entkräften oder sich ihr mit tollkühnem Wagemut entgegenzustellen; wagte er jedoch dies anzutasten, möge er wissen, dass er sich in die Ungnade des allmächtigen Gottes und der seligen Apostel Petrus und Paulus hineinstürzt.
Gegeben zu Lyon in der Non des Juni des sechsten Jahres des Ponitifikats.

Samstag, 21. März 2020

Hieronymus Bosch, Dante Alighieri und Mechtild von Hakeborn

Vielleicht ist das eine seltsame Zusammenstellung - ich finde sie spannend. Ein Bezug zwischen Dante und Mechtild wird ja schon lange diskutiert. Dabei geht es darum, dass jene Matelda, die dem Autor Blumen pflückend am Rand des Gotteswaldes begegnet, Mechtild sei. Was aber könnte Hieronymus Bosch damit zutun haben?
Die Beziehung zwischen Mechtild von Hakeborn und Hieronymus Bosch erfolgt über ein Sprichwort, das bei beiden vorkommt: Der Wald hat Ohren, das Feld hat Augen. Bei Mechtild wird das Sprichwort allegorisch gedeutet. Hieronymus Bosch malt es in einer Federzeichnung. - Auch das kann mal vorkommen. Mir scheint jedoch, das Bild des Hieronymus hat einen inhaltlichen Bezug zur Vision der Mechtild von Hakeborn im Liber 2, Kapitel 22 des Liber specialis gratiae. Ich habe diesen in einem Artikel dargelegt, der in Heft 1/2020 der CistercienserChronik erscheint. [An dieser Stelle ist wirklich zu bedauern, dass das entsprechende Kapitel in der neuen englischen Ausgabe der Werke Mechtilds fehlt.]
Der Wald des Hieronymus hat zwei Ohren. In dem einen ist mitten in einem Wäldchen eine Frauengestalt mit Schleier skizziert. Das andere Ohr hat die Umrisse eines Männerkopfes. Wenn, wie es scheint, die Frauengestalt Mechtild ist, wer ist dann der Männerkopf am Rand des Wäldchens? Bosch selbst (zumal er die Federzeichnung gegen Ende seines Lebens anfertigte)? Es wäre eine Interpretationsmöglichkeit. Aufgrund des gemalten Wäldchens, der Augen als Blumen und dem Kontext der das Sprichwort behandelnden Vision bei Mechtild, könnte es auch Dantes Kopf sein, am Rand des Gotteswaldes. Hier der Link zum Bild, das sich heute im Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz befindet, in dessen Blog ich es fand.
Vielleicht finden sich in Literatur und Kunst des 14. bis 16. Jahrhunderts ja noch weitere Bezüge einer literarischen und künstlerischen Verarbeitung von Mechtilds Visionen. Ich sage es noch einmal: Für mich ist das sehr spannend und vertiefungswürdig.

Freitag, 20. März 2020

Adam von Sankt Viktors gesungene Predigt

Bei der Lektüre des Liber specialis gratiae finde ich es manchmal recht spannend, Texte auszugraben, die heute nicht mehr so vertraut sind. Da die Zisterzienser das Marienlob seit der Anfangszeit pflegen, mag es nicht verwundern, dass die Mariensequenzen, die bis auf eine Ausnahme mit der Liturgiereform des Konzils von Trient untergegangen sind, dort mit dem einen oder anderen Zitat erwähnt sind und somit zum Aufhänger einer Reflexion werden, der nicht so schnell zu folgen ist, wenn man den Text nicht präsent hat. Eine solche Sequenz stammt von Adam von St. Viktor, der seine Predigten gerne vertonte. Mechtild spielt in ihrer Reflexion (Liber I, Cap. XXXVII) auf Maria als Tempel an. Hier der deutsche Text des Ave Maria...virgo serena:

Gruß Dir , Maria, voll der Gnade,
der Herr ist mir Dir, fröhliche Jungfrau!

Unter den Frauen bist Du benedeit,
die den Menschen den Frieden geboren
und der Engel Ehre ist.

Gesegnet sei Deines Leibes Frucht,
die uns durch Gnade zu Miterben macht,
damit wir Sein (Eigen) würden.

Nämlich durch dieses Ave,
das der Welt so süß,
hast Du gegen das Recht des Fleisches
ein Kind geboren:
durch den neu geborenen Stern
den neuen Glanz.

Du warst des Erlösers Christi Tempel,
des Geringen und Großen,
des Löwen und des Lammes,
doch unberührte Jungfrau.

Du, der Blüte und des Tautropfens, 
des Schafes und Hirten der Jungfrauen  
Königin:
als Rose ohne Dornen
wurdest Du zur Gottesmutter gemacht.

Du Stadt des Reiches der Gerechtigkeit
bist Mutter der Barmherzigkeit,
indem Du vom Teich des Auswurfs und der Not
den Gott liebenden durch die Gnade verwandelst.

Dich rühmt der himmlische Hof,
Dich verehren wir mit unserer Hingabe,
durch Dich wird dem Schuldigen Gnade zuteil,
durch Dich bringen die Gerechten den Dank.

Deshalb, Stern des Meeres,
Keimzelle des Wortes Gottes
und des Einzigen Morgenröte;
Pforte des Paradieses,
von der das Licht ausgegangen ist,
bitte Deinen Sohn:

Dass er uns von Sünden löse
und ins Reich der Liebe
wo das Licht sorgsam leuchte,
für alle Zeiten einquartiere.
Amen.

Dienstag, 25. Februar 2020

Höhen und Tiefen auf dem klösterlichen Weg - eine Reflexion

Die meisten europäischen Klöster haben heute nur wenige Mönche oder Nonnen, und meist sieht man sie durch die Gegend sprinten, jedenfalls die, die man sieht. Das Thema Burnout ist durchaus eine reale Gefahr für manche Vertreter dieser Spezies. Doch schon Benedikt wusste, dass es auch die anderen gibt, wenn er sagte: Ist aber einer so nachlässig und träge, dass er nicht willens oder nicht fähig ist, etwas zu lernen oder zu lesen, trage man ihm eine Tätigkeit auf, damit er nicht müßig ist. (RB48,23). Aber daraus jetzt einfach gute und schlechte Mönche oder Nonnen zu machen, ist gar zu sehr vereinfacht. Denn jeder ist zu gewissen Zeiten und in gewissen Situationen gut oder schlecht. Es gibt keinen Menschen, der immer und überall nur eifrig sein kann. Und - Eifer hin, Eifer her - es bleibt dabei doch noch zu fragen: Was ist das Motiv eines Engagements? Für wen oder was wird Energie geleistet? Geht es am Ende vielleicht nur darum, besser zu sein als andere? Nein - weder das eine noch das andere ist nur gut oder nur schlecht. Alle im Kloster sind menschliche Wesen, die in Gesundheit und Krankheit wie auch im Laufe des Prozesses des Alterns Phasen erleben, in denen nicht alles so läuft, wie man es gerne laufen sähe, in denen auch einmal der Punkt erreicht ist, an dem einfach keine Motivation oder Kraft da ist, das Aufgetragene mit Elan zu tun. Und es gibt auch im Kloster durchkreuzte Pläne, gescheiterte Projekte, gleichgültig wie sie zustande kamen. Wenn darin viel Arbeit steckt und diese umsonst war, folgt erstmal tiefe Ernüchterung. Dann geht vorübergehend nichts mehr, und die Sinnfrage stellt sich. Diese Höhen und Tiefen verändern! Sie verändern aber auch ganz natürlich die Dynamik im Alltagsgeschehen und deren Außenwirkung. Doch die Power, die eine Gemeinschaft als Ganze hat, ist die Summe ihrer Mitglieder. Wenn alle in den Seilen hängen, weil man zum Beispiel nicht rechtzeitig auf entsprechende Belastungen reagiert hat oder an jahrhundertealten Traditionen festhält, weil es immer so war, dann ist das einer Gemeinschaft ebenso anzumerken wie einer, in der alle vor Energie gleich platzen würden. Die ausgleichende Funktion der Körperschaft für das Wohlbefinden des Einzelnen ist nicht zu unterschätzen. Im Kloster steht man füreinander ein oder man geht gemeinsam unter!

Das Gehorsamsgelübde spielt außerdem eine wesentliche, manchmal auch den jeweiligen Schwung beeinflussende Rolle. Ein Mönch oder eine Nonne ist gehalten, jedwede Sache zu tun, die ihm / ihr aufgetragen ist, unabhängig von eigenen Vorlieben und Talenten. Die jeweils aufgetragenen Dinge haben aber mitunter nicht nur den Aspekt der Erledigung einer Aufgabe, sondern auch persönlichkeitsbildende Funktion. Was in Klöstern zählt, ist nicht monastische Selbstverwirklichung an einem ausgesuchten Ort, sondern die Bereitschaft, mit den eigenen Fähigkeiten der Gemeinschaft zu dienen. Doch auch dies lässt noch viel persönlichen Interpretationsspielraum, wo es sich besser dienen lässt. In vielen Klöstern gibt es daher eine Art Rotationssystem. Denn es kann recht schnell passieren, dass ein Einzelner seinen Verantwortungsbereich bewusst oder unbewusst zum Machtbereich ausbaut. Ein monachus kann, auf Abwege gleitend, durchaus auch einmal zum dominus monopoli werden. Aber auch das Gegenteilige gibt es, dass eine insgesamt schwache Gemeinschaft ein vermeintlich starkes Mitglied aus reiner Angst um je eigene Chancen an den Rand drängt, diese Talente also nicht so nutzt, wie sie unter optimalen Bedingungen zum Nutzen der Gemeinschaft nutzbar wären. Hier kommt zudem das Gelübde der Armut ins Spiel. Und nicht immer wird soetwas unter diesem Begriff subsummiert, da vieles ja auch unbewusst läuft: Die Bedeutung von Einfluss und Beeinflussung über persönliche Kompetenzen und Möglichkeiten ist nicht zu unterschätzen. Auch dies ist in sich weder gut noch schlecht. Denn zum einen ist es notwendig, seine Fähigkeiten auch zu gebrauchen und Verantwortung wahrzunehmen, und zum anderen kommt niemand als perfektes Wesen auf die Welt. Hier hat die jeweilige Gemeinschaft korrigierende Funktion, die aber selbst als Ganze ebenso auf dem Weg des Lernens ist.

Gerade einer unliebsamen Aufgabe entläuft man auch im Kloster schneller, sie wird häufiger durch andere Tätigkeiten und sich anbietende Gelegenheiten unterbrochen. Wenn man dies mit weltlichen Arbeitsbedingungen vergleicht, wo es ebenso ist, dürfte das wohl kaum überraschen, denn die primäre Prägung eines Mönches oder einer Nonne kommt ja von draußen und ist je nach Eintrittsalter unterschiedlich intensiv ausgefaltet. Die Vorstellung täuscht, dass in einem Kloster alles perfekt laufen muss und alle wie Bienen in der Hochsaison schaffen - dies entspricht selbst in der Natur nur als Momentaufnahme der Schöpfung, denn auch Bienen haben einen Rhythmus und Ruhephasen. Permanente Betriebsamkeit wäre unmenschlich, und solche Erwartung ist genauso ein von außen aufgestülpter Mythos wie permanente 'betende' Untätigkeit. Denn ein wesentliches Merkmal klösterlichen Seins ist der Rhythmus, der beständige Wechsel von Arbeit und Betrachtung im Gebet. Diesen Dienst übt die Gemeinschaft als Ganze aus. Es ist Sorge des Abtes / der Äbtissin, dem Individuum innerhalb der Gemeinschaft im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten den Raum zu geben, der diesem Menschen dient, seinen monastischen Weg zu gehen, in dem er seine kreativen Fähigkeiten zum Wohl und Nutzen der Gemeinschaft einsetzen kann. Auch hier hat schon Benedikt von den Starken und Schwachen gesprochen. Und es ist sehr vielfältig, worin man stark und schwach sein kann.
 
Auf dieser Ebene liegt auch der Begriff Einsamkeit. Eine Gemeinschaft respektiert im optimalen Fall die Bedürfnisse des Einzelnen und hilft ihm / ihr mit Toleranz und Geduld auf den Weg. Doch nur jemand, der ganz bei sich sein kann und es dort aushält, ist auch gemeinschaftsfähig. Vieles lässt sich kompensieren über Arbeit und Kreativität, zum Teil über lange Zeit. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Einsatzort. In einem Klosterladen oder im Gästebereich oder in der Sakristei wird man durch mehr Infos unterhalten, mit mehr Sorgen oder auch Nöten konfrontiert, als wenn man Gästezimmer oder Gänge zu putzen hat oder die Senioren seines Hauses verpflegt. Erstgenannte Arbeitsplätze bieten durch ihre Abwechslung mehr Möglichkeiten, sich von sich selbst abzulenken und sich in den Augen anderer zu profilieren. Doch nicht immer im Leben wird es so sein, dass jemand mit 'seiner' Arbeit beschäftigt ist und reichlich Außenkontakte pflegen kann. Zudem gibt es niemanden, der dauerhaft nur produktiv und von Nutzen ist. An diesem Punkt zeigt sich dann auch die Herausforderung im Miteinander gemeinschaftlichen Lebens, dort wo Gesprächsgelegenheiten gesucht werden, weil jemand im Laufe der Jahre eben doch nicht bei sich zu Hause angekommen ist, weil es gerade keine interessanten Dinge gibt, weil gerade nichts passiert. Ja - an diesem entscheidenden Punkt zeigt sich, ob jemand über die Zeit zum Beter wird oder für Geschwätz offen ist, wie schon Benedikt weiß.

Sonntag, 2. Februar 2020

Wo hatte Gertrud ihr Grab? - Die häufigste Frage in Helfta.

Eines vorab: Helfta kennt weder die Begräbnisstätte der hl. Gertrud noch verfügt das Kloster über Reliquien dieser Heiligen. Deshalb die Gegenfrage: Wo kommen die Reliquien her, die von Gertrud in Umlauf sind? Und in der Tat gibt es Orte, die über eine authentisch beglaubigte Reliquie verfügen. Da wäre es doch ein interessanter Ansatz, einmal den Weg vom Knochen zum Grab zu gehen, statt umgekehrt. Das ist zwar aufwändig, doch irgendwo ist immer notiert, wer wann eine Reliquie wohin verschenkt hat. So müsste man dann auch schlussendlich zumindest den Namen der Instanz erfahren können, die am Anfang der Vergabe stand.
Gesetzt den Fall, Papst Innozenz XI. hätte 1678 bei der offiziellen Heiligsprechung Reliquien gehabt, so dürfte es darüber sicher auch noch Unterlagen geben. Dann müsste sich auch der Name dessen finden können, der ihre Knochen von Helfta nach Rom geschafft hätte. Und diese Person müsste dann wohl gewusst haben, wo ihr Grab war... Dies zumindest unter der Prämisse, dass es schon lang vorher eine Verehrung gegeben hätte und er nicht geschwindelt hat.
Ist eine Verehrung vor diesem Zeitpunkt nicht der Fall, so muss man annehmen, Gertrud ist als eine unter vielen anderen Mitschwestern bestattet worden. Und dies an einem Ort, der zwischen 1342 und 1525 gar nicht als Klosterort genutzt wurde, da die Schwestern ja ihr Kloster in die Stadt Eisleben verlegt hatten. Haben sie die Knochen aller bis dahin Verstorbenen dorthin mitgenommen? Dann wäre das Grab zwischenzeitlich also in Eisleben gewesen? ... Und dann nach der Reformation wieder zum alten Standort gewandert?... Darüber kann man viel fantasieren. Und dann ist da noch die nachklösterliche Zeit, die ja auch noch vor der Heiligsprechung begann, der dreißigjährige Krieg, dem es Helfta verdankt, dass die alten, bis dahin irgendwie erhaltenen Konventgebäude des Klosterquadrats restlos untergingen. Wer hat sich in jener Zeit um den Erhalt einer klösterlichen Grabstätte gekümmert? Mit dem Verstand will sich mir das alles nicht erschließen.

Andere gehen anders an die Frage heran, wollen aber wahrscheinlich zum gleichen Ziel. Da lautet die Frage dann: Wo hat man früher in einem Frauenkloster bestattet? 
Darüber gibt es sicher ein bisschen mehr an Antwortmöglichkeiten, da es einige Literatur über Frauenklöster gibt, die manchmal auch den Friedhof erwähnen. Und da erfährt man dann, dass es an folgenden Orten sein kann: im Kreuzgang oder an der nördlichen oder südlichen Aussenseite der Kirche, quasi an der Schwelle zum Haus Gottes, wie es im Psalm (Ps 84,10) heißt. Manchmal auch hinter der Ostfassade. Die Äbtissinnen begrub man im Kapitelsaal, der aber in Helfta auch schon lange nicht mehr steht. Dort würde man ja das gesuchte Grab auch nicht finden. Und was würde man denn erwarten, wenn man den Friedhof fände? Beschriftete Knochen? Aufgrund dieser Sachlage hier vor Ort weiß ich irgendwie nicht, wie jene Reliquien, die es gibt, gewonnen worden sind. Nach meiner Kenntnis ist der Platz des mittelalterlichen Nonnenfriedhofs an diesem Ort bis dato unbekannt.