Sonntag, 26. März 2017

Nur eine "Fratze" oder vielleicht doch mehr...?


 Relief an der nördlichen Außenwand der Kirche von Wechterswinkel

Im Zusammenhang mit der Beschreibung der Nordseite der ehemaligen Klosterkirche von Wechterswinkel schrieb der Konservator Karl Gröber 1921 im dritten Band der Kunstdenkmäler von Bayern den folgenden Satz zum obigen Steinrelief (S. 152): "Weiter östlich Quadern mit drei eingeritzten Fratzen." Dies ist meines Wissens alles, was es an Beschreibung zum obigen Relief gibt. Es hat bisher wenig Aufmerksamkeit auf sich gezogen, und doch scheint es mir nicht ganz so unbedeutend, wie es behandelt wird. Obwohl mit dem Begriff "Fratze" betitelt, schien es dem damaligen Autor doch erwähnenswert. Um genauer zu sein, handelt es sich auch nur um einen Stein, auf dem alle drei noch sichtbaren Köpfe eingemeißelt sind. Dieser ist nach oben hin und nach beiden Seiten unregelmäßig begrenzt, hat eine Länge von 50 cm und eine Höhe im Bereich des mittleren Gesichtes von 17 cm. Es scheint auch, als habe man diesen Stein für die Neuverwertung an dieser Stelle etwas glattgeschliffen, um ihn dem Niveau der Mauer anzupassen. Dies ist mutmaßlich um 1811 im Rahmen einer größeren Umbaumaßnahme passiert - die Kirche wurde damals im Ostteil erheblich verkürzt und die Apsis mit den vorhandenen Steinen wieder neu errichtet.
Bei diesen drei Figurendarstellungen, von denen die beiden linken in einer durch eine spiralig verzierte Mittelsäule verbundenen Doppelarkade stehen, fällt zunächst ihre unterschiedliche Größe und Ausrichtung auf. Zwei der erkennbaren Gesichter sind aufrecht, das dritte liegt, mit der Stirn nach links gerichtet. Da die Unterseite im Vergleich zur Oberseite des Steins recht glatt begrenzt ist, scheint es, dass sich das noch Sichtbare auch früher nicht nach unten, sondern eher nach rechts und links fortsetzte. Die beiden aufrechten Personen scheinen - der Kopfgröße folgend - ein Kind (ganz rechts) und ein Erwachsener in der Mitte zu sein. Das Gesicht der liegenden Gestalt ist noch ein klein wenig größer, sonst aber in der Darstellungsart dem des aufrechten "Erwachsenen" vergleichbar, wobei eine Mönchstonsur erkennbar ist. Da Liegen im Mittelalter symbolisch Schlaf oder Tod kennzeichnete, macht diese Konzeption auf mich den Eindruck eines Lebensweges: Kindheit, Jugend oder tätiges Leben im Erwachsenenalter, Lebensende. Es könnte also dreimal die gleiche Figur dargestellt sein, die als Mönch verstorben ist. Da es sich bei der Kirche aber um die eines Frauenklosters handelt, wird es sich - so der Stein wie es den Anschein hat beim Bau nicht von irgendwo anders herbeigeschafft wurde - nicht um irgendeinen Mönch handeln. Entweder es ist ein großer Heiliger (naheliegend wäre der hl. Benedikt). Oder ein Stifter, der sein Leben als Mönch beschloss, wurde so verewigt, wobei die Stifterfrage bisher nicht geklärt ist.
Natürlich kann man in den noch vorhandenen Motivrest alles Mögliche hineininterpretieren. Mir geht das dabei durch den Kopf.
Zudem fiel mir auf, dass das heutige Kirchenportal an der Westseite - damals wohl der Eingang für Klostergäste - gar nicht viel mehr als doppelt so breit wie jener Stein ist, sodass ich den Gedanken nicht ablegen kann, dass es sich hierbei um ein Tympanonfragment handelt. Aus der Blickrichtung vom Altar aus gedacht oder aus dem Bild heraus, wenn man sich mit der Gestalt identifizieren würde, ist der liegende Kopf dann nämlich nach der rechten Seite gerichtet, d.h. in der Symbolik würde die liegende Person mit dem Kopf nach der Seite der "Guten", der "Erlösten" ausgerichtet sein, ganz egal, ob das Fragment nun rechts oder links von der Mitte des Türsturzes eingepasst war. Dies könnte ein gutes Thema einer Totenpforte sein. Der ehemalige Nonnenfriedhof befand sich einst auf eben jener Nordseite der Kirche.

Donnerstag, 16. März 2017

Das "Nonnenlächeln"...

Als häufiger Gast in Klöstern und Mensch mit einer gewissen Aufmerksamkeit für monastisches Sein, hatte ich oft Gelegenheit, diese kleine Geste aus der Nähe zu erleben oder ihrer gar teilhaftig zu werden. Einerseits ist ein fröhliches Strahlen etwas Wunderschönes und Bereicherndes, doch gar zu oft begegnete mir diese Geste im Laufe der Jahre als etwas Stereotypes, Eingefrorenes, quasi als eine Art Ritus. So liegt es vielleicht nicht ganz fern, sich einmal zu fragen, woher diese Gepflogenheit kommt. Typisch zisterziensisch ist sie vermutlich nicht, da ich einerseits nie etwas Derartiges gelesen habe, es andererseits - nach meiner Beobachtung - fast in jeder weiblichen Ordensgemeinschaft Menschen gibt, die diese Geste pflegen, auch wenn ihnen gar nicht zum Lachen ist, was das Gegenüber häufig auch recht schnell erkennen kann. Interessanterweise habe ich in meinen Begegnungen mit Mönchen ein solches Verhalten nicht sehr oft beobachtet. Was also treibt eine Nonne dazu, sich eine "Immer-nur-lächeln-Aura" zu geben?
Um recht verstanden zu werden - ich gehe hier nicht mit denen ins Gericht, die sich nun einmal so verhalten, sondern möchte danach fragen, was der Hintergrund dieses Tuns ist, gerade, wenn es absolut nicht authentisch wirkt.
Besonders unwirklich wird es vor allem dann, wenn - auch dies habe ich schon erlebt - in einem leicht anderen Kontext von Personen, sich dieselbe Schwester dann verbal nicht nur nicht mehr erbaut, sondern sogar entgegen ihrer zuvor geäußerten Meinung und gar nicht mehr so lächelnd zeigt. Ist es also reine Höflichkeit, die diese Praxis im Nachhinein als unehrlich erweist? Hat es etwas mit einer Art von Missionsbewusstsein zu tun oder ist es eine Form von geübter Askese, die heute niemand mehr so recht versteht? 
Ich glaube nicht, dass es zu allen Zeiten so geübt wurde, wie wir es heute oft sehen. Es könnte eine Modeerscheinung sein, die nur allzu oft mangels Authentizität nicht mehr glaubwürdig vermittelt, was sie einst - ganz positiv gedacht - vermitteln wollte. Ich möchte auch nicht behaupten, dass es solch eine Form - wenn ich sie wertend benennen müsste - von subjektiv wahrgenommener Scheinheiligkeit nicht auch in vielen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens gibt. Doch bei Ordenschristen ist die Erwartungshaltung der Bevölkerung in Sachen Wahrhaftigkeit viel genauer als sonst.
Natürlich gibt es auch Situationen der Hilflosigkeit, in denen verloren gelächelt wird (ganz und gar echt - wie es übrigens ja viele andere auch tun), wo jemand in eine bestimmte Situation gestellt wird, die er mit den ihm dazu gegebenen Möglichkeiten und Mitteln nicht gut meistern kann, eben weil Informationen oder Sachen fehlen. In gewissen Momenten hat sowas aus dem internen Blickwinkel heraus gesehen durchaus auch Sinn, aber eben nicht jenen, den ein Außenstehender nur wahrnehmen kann. Klöster ticken eben anders.
Das einzige, woran ich mich im Zusammenhang mit dem Lächeln erinnern kann, ist eine Passage in einem Buch von Therese von Lisieux, die sich solches Lächeln vorgenommen hatte und in einer ihrer Schriften kommentierte. Da sie ja eine große Ausstrahlung hatte und hat, könnte es sein, dass diese Praxis von daher stammt und ein besonderes Anliegen klösterlicher Erziehung des 20. Jahrhunderts war (vielleicht auch noch hie und da ist?). Ich fände es jedenfalls ganz interessant, dieser Frage einmal mehr Raum zu geben, denn viele Menschen sind heute eher sensibel, wenn es um authentisches Verhalten von Klosterleuten geht.