Donnerstag, 24. August 2017

Arde et accende - im Wettstreit biblischer Bilder

Einen verbalen Wettstreit der besonderen Art, ausgetragen mit Feder und Tinte, hat um 1150 der Benediktinerpater Hermann von Tournai gewonnen, indem er in seiner Schrift "Miraculae S. Marie Laudunensis" [1] nicht nur die acht neuen Klostergründungen des Bistums Laon zur Zeit des Bischofs Bartholomäus besonders hervorhebt, sondern darüber hinaus, auf eine Predigt des hl. Bernhard anspielend, ein zisterziensisches Frauenkloster allen Neugründungen des Bistums, also auch denen der Zisterziensermönche vorzieht.
Die fünf neuen Prämonstratenser- und drei neuen Zisterzienserklöster vergleicht er dabei immerhin mit den acht Seligpreisungen des Matthäusevangeliums, was nicht gerade wenig ist, da den so Lebenden ja großer Lohn im Himmel verheißen ist. In Hermanns biblischer Bilderwelt aber ist Platz für noch mehr. Das Besondere lässt sich nämlich noch übertreffen. Dafür sei zunächst ein Blick auf die Predigt Bernhards zum Fest von Johannes dem Täufer geworfen [2], in der er seinen Mönchen den Satz auslegt: Jener war wie eine brennende und leuchtende Lampe. (Joh 5,35), der in der Kurzform Arde et luce! ein geflügeltes Wort in Zisterzienserkreisen ist. In dieser Predigt schreibt Bernhard u.a.: Es gibt nämlich Menschen, die nicht deswegen leuchten, weil sie brennen, sondern eher brennen, um zu leuchten; aber solche Menschen sind gewiss nicht vom Geist der Liebe entbrannt, sondern von eitlem Streben. Und etwas später fährt er fort: Betrachte also den Menschen, der durch die Verkündigung des Engels verheißen (Lk 1,13ff.), durch ein Wunder empfangen und im Mutterleib geheiligt wurde, und bewundere in dem neuen Menschen die neue Glut der Buße.
Hier gibt Bernhard eine Reihe von Stichworten die Hermann von Tournai aufgreift, als er die Lebensweise der Schwestern von Montreuil nach Jes 6 mit dem Bild der Seraphim (Engel) beschreibt, welche,  durch die Glut der Gottesliebe zu wundervollen Taten angeregt, wie glühende Kohlen die Kraft haben, andere zu entzünden. Man stelle sich einen solchen Konvent einmal vor, zumal jene Schwestern ihre Arbeit schweigend und in einfacher Kleidung verrichteten, und ihre ganze optische Außenwirkung wohl wirklich nur beim gesungenen Chorgebet erlebt werden konnte. Das monastische Leben von Montreuil, als Leben der Weltentsagung mit dem Dienst der Engel verglichen, in reine Glut gekleidet und auch noch ansteckend - den Wettstreit haben diese Zisterzienserinnen von damals mit dieser Beschreibung ganz eindeutig gewonnen.
Den Reichtum biblischer Bilder als Lebensmotto in den Namen einiger früher zisterziensischer Frauenkonvente habe ich in der aktuellen Cistercienserchronik (2/2017), die in diesen Tagen erscheint, darzustellen versucht.

[1]  HERMANNUS MONACHUS, De miraculis S. Mariae Laudunensis. PL 156, 551.
[2]  BERNHARD VON CLAIRVAUX, Predigt zum Fest der Geburt Johannes des Täufers. In: Bernhard von Clairvaux.    Sämtliche Werke, lateinisch/deutsch, hg. von Gerhard B. Winkler (Bd. VIII, Innsbruck 1993) 422 - 439.

Sonntag, 30. Juli 2017

Mons-ter-i-ol(e)um oder Montreuil

Monsteriolum - so bezeichnet Hermann von Laon [1]  den Ort, der später Montreuil-les-Dames genannt wurde oder kurz Montreuil.

Liest man das lateinische Wort, so ist man ganz schnell versucht, einen mutmaßlich vergessenen Buchstaben nachzulegen, um auf Monasteriolum - Klösterchen zu kommen. Vielleicht bloß eine Eindeutung? Wurde das eigenartige Wort vielleicht einst genau so benannt? Immerhin ergibt das Lateinische einen Sinn: "Berg / Fels, fließe über von Öl", und ein Bezug zu diesem Sinn steckt irgendwie auch in Montreuil, wenn man von einer Kontraktion ausginge. "Mont / Mon(s)" und "huile" ließen sich auf die Schnelle finden.  Soweit so gut - über derartige Etymologie ist schon im 19. Jahrhundert sinniert worden, meine Idee ist also diesbezüglich nicht wirklich originell.[2] Spannender sind schon die dort aus der Notitia Galliarum des Adrien de Valois von 1675 überlieferten und kommentierten Formen: "Monsteriolum, Monsterolum ac Musterolum et Musterolium corrupta sunt nomina atque truncata, sublata aut altera littera deducta a Monasteriolo et in locum ejus substitua."[3] Die Sache mit dem Öl ist also nicht so ganz frei erfunden. Vielleicht tut ein anderer Zusammenhang gut, um Neues zu sehen...

Die Klostergründung wird allgemein auf 1136 datiert. Den konkreten Quellenbeleg dazu konnte ich allerdings nicht finden. Oft wird ja ohnehin die älteste noch erhaltene Urkunde mit dem Entstehungsdatum gleichgesetzt.

Meine Beobachtung:
Wenn Ordericus Vitalis sagt, dass die Zisterzienser ihren Klöstern "in aufmerksamer Sinngebung heilige Namen" gegeben haben und diese schon dadurch anziehend wirkten [4], gilt das dann etwa nur für die damals neuen Männerklöster? Montreuil lag in unmittelbarer Nachbarschaft von Foigny, welches 1121 unter Beteiligung des Bernhard von Clairvaux gegründet wurde. Was, wenn Montreuil auch ähnlich alt wie Foigny wäre?
Von Bernhard, der die erste Äbtissin des Klosters eingesetzt haben soll [5] und sich um dieses Frauenkloster nachweislich gesorgt hat [6], ist eine ca. 1125 für ein breiteres Publikum überarbeitete Predigt "Missus est Gabriel" überliefert, in der er sich zum Thema göttlicher Inspiration im Evangelistenwort äußert. Darin schreibt er: "...soll ich glauben, daß aus dem Mund des Evangelisten ein überflüssiges Wort in nichts schwindet, insbesondere in der heiligen Geschichte des göttlichen Wortes? Ist doch alles voll von Geheimnissen von oben, jedes einzelne Wort fließt über von himmlischer Süße; es muß nur jemanden finden, der es sorgsam betrachtet, der Honig aus dem Felsen und Öl aus härtestem Gestein zu saugen weiß. Gewiß, an jenem Tage träufelten die Berge Süßigkeit..."[7] Da gibt es also einen Berg oder Felsen und auch Öl (neben Milch und Honig). Und gerade in dieser Predigt geht es um Namensdeutungen.
Dann wäre der mittlere Teil der späteren Bezeichnung "Montreuil" als "tre" mit "traire" nicht so ganz ungeschickt getroffen.

Sollte diese Predigt vielleicht ursprünglich an eine weibliche Hörerschaft zu einem konkreten Gründungsanlass gerichtet gewesen sein? Oder spielt einfach nur der Name des Klosters auf diese Predigt und das dort dargelegte Programm an? Da dieses Werk damals sehr populär war und es noch 78 Handschriften aus dem 12. und 13. Jahrhundert mit dieser Schrift gibt [8], wäre es vielleicht auch spannend, diese Handschriften auf Schreibvarianten durchzusehen, die evtl. von der ursprünglichen Version abstammen. Wie auch immer das Kloster entstand - textlich könnte man eine Parallele zwischen dem Klosternamen und dieser Predigt ziehen.

[1] HERMANNUS MONACHUS, De miraculis S. Mariae Laudunensis. PL 156, 551.
[2]  Société des antiquaires de Picardie, Mémoires de la Société des antiquaires de Picardie. (Bd. 4, Amiens 1841) 273f; URI: https://books.google.de/books?id=Il9IAAAAYAAJ&pg=PA273&lpg=PA273&dq=Monsteriolum&source=bl&ots=5tl3cPuanu&sig=oTRi_DbeBZqFbV36-_1Dq5J73mw&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwj52q-0lK_VAhWNUlAKHROODhEQ6AEIODAC#v=onepage&q=Monsteriolum&f=false (abgerufen am 29.07.2017).
[3] Ebd. S.274.
[4] Hildegard BREM / Alberich M. ALTERMATT [Hgg.], Neuerung und Erneuerung. Wichtige Quellentexte aus der Geschichte des Zisterzienserordens vom 12. bis 17. Jahrhundert lateinisch-deutsch. (Quellen und Studien zur Zisterzienserliteratur VI, Langwaden 2003) 171. 
[5] Jean LECLERCQ, Études sur Saint Bernard et le texte de ses écrits. In: ASOC 9 (1953) 192, Anm. 2.
[6]Jean LECLERCQ, Lettres d'Odon d'Ourscamp, cardinal cistercien. In: StAns 37 (1955) 145-157, hier 149; Ders.: Études (wie Anm. 5) 193.
[7] Gerhard B. WINKLER [Hg.], Bernhard von Clairvaux. Sämtliche Werke, lateinisch / deutsch, Bd. IV, Innsbruck 1993) 35. 
[8] WINKLER, Bernhard von Clairvaux (wie Anm. 7) 28, Anm. 5.

Freitag, 16. Juni 2017

Ausrichtung einer Interessenlage und ihre Wirkung

Zugehörigkeiten haben gewöhnlich auch Konsequenzen hinsichtlich gedanklicher Konzepte und Einstellungen, die ja den Überbau für konkrete praktische Umsetzungen bilden. So könnte es doch auch eine spannende Frage sein, wie sich das jahrhundertelange "Gezerre" um die Definition einer klösterlichen Einrichtung auf die Innenseite und die Ausbildung darin auswirkte. Was veränderte eine Inkorporation oder auch nicht? Natürlich sind das Veränderungen, die unter Umständen längere Zeit brauchen, bis sie sichtbar werden. Doch im Kloster geht ja vieles an Veränderung im Prozess über lange Zeit. Steter Tropfen höhlt den Stein! Die Frage also, ob man bischöflichen Rechtes ist oder exemt und nur dem Papst verpflichtet, könnte im Ringen um Einfluss und Macht auch Auswirkungen auf die Sichtweise alltäglicher monastischer Inhalte gehabt haben, einmal ganz jenseits der rechtlichen Strukturen. Wieviel Möglichkeiten wurden beispielsweise zu unterschiedlichen Zeiten unter den je verschiedenen Bedingungen den Oberen gelassen, sich an den Normen, Impulsen und Ideen der eigenen Ordensgemeinschaft zu orientieren? Und wieviel Anderes haben Weltkleriker an Impulsen und Normen hineingetragen, was ja durchaus positiver Absicht gewesen sein kann? Wer als Bischof Herr über viele Klöster verschiedener Zugehörigkeit war, kannte der sich mit spezifischen Charakteristika aus oder interessierte ihn das? Vielleicht manchmal. Und was ein Weltkleriker davon wusste und welchen Bezug er dazu herstellen konnte, dürfte auch sehr unterschiedlich gewesen sein. Doch gerade über Predigten oder Messeinführungen kamen alltäglich Impulse hinein, die bei immer gleichen Strukturen im Alltag umso mehr Bedeutung haben konnten. Und auch die Beichte könnte gerade im Zeitalter einer Theresa von Avila ein bedeutendes Medium der Einflussnahme gewesen sein, das mit der Zeit das Denken und Handeln der Nonnen verändern konnte. Neben der Wirkung dessen, was jeweils in geistlicher Hinsicht modern und "in" war, finden sich hier bedeutende Möglichkeiten, eine Prägung zu geben, die jenseits der Ursprungsintention des Ordens lag. Und die zeitbedingt aufgedrückten Stempel von verworfenem Leben, welches die Notwendigkeit von Reformen erforderte, muss man - je nach der Person, die zu diesem Schluss kam - ganz klar auch vor dem Hintergrund der Schaffung von Einflusskompetenzen und anderen Eigeninteressen sehen. Hier ist ein ganzer Acker, den man bearbeiten könnte, wenn man die Entwicklung der Frauenklöster betreffs des Erhalts oder Verlusts ihrer Ordensidentität durch die Jahrhunderte vor dem Hintergrund der äußeren Interessen und Begrenzungen einmal näher ansieht.

Dienstag, 13. Juni 2017

Von Ohr zu Ohr - Lernen und Lerninhalte vor Ort

Es dürfte einmal ganz interessant sein, sich in deutschen Zisterzienserinnenklöstern umzuhören, was den einzelnen Nonnen so in ihrem Noviziat beigebracht wurde. Dabei denke ich nicht primär an die Generation der letzten 10 oder 20 Jahre, sondern die Generation davor. Erst seit dem Jahr 2000 gibt es ja eine den Anforderungen des II. Vatikanischen Konzils entsprechende neue "Ausbildungsordnung des Zisterzienserordens" und in der Folge entstand ein  dreijähriger internationaler Ausbildungskurs in Rom, was in jüngerer Zeit viel in Bewegung und auch Aufschwung gebracht hat. 
Die Frage, die ich mir stelle: Wann kam das Zisterziensische in die Ausbildung der Nonnenklöster? Erst nach dem Jahr 2000? Und ist das "Zisterziensische" mit Bernhard von Clairvaux und den Zisterzienservätern für ein Frauenkloster schon ausreichend zisterziensisch? Das klingt vielleicht etwas komisch, doch man müsste es wirklich genauer untersuchen. Schließlich hat erst das Dokument Perfecta Caritatis des Konzils eine Verpflichtung zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Gründungscharisma verlangt, was konsequenterweise das Charisma der Frauen miteinschließen würde. Nicht, dass man nicht schon immer gewusst hat, wer den Orden gegründet hat und welche großen Heiligen er hervorgebracht hat. Doch mit der Inhaltsseite der eigentlichen Ordensheiligen haben sich - einmal jenseits des Bernhard von Clairvaux - nur wenige ausgekannt, zumal eine Übersetzung vieler dieser Werke erst nach dem Konzil einsetzte. Wenn das Interesse an den Zisterzienservätern und die Zisterzienserforschung im Sinne einer Suche nach der ureigenen Spiritualität auch bei den Männerklöstern erst im Laufe des 20. Jh.'s in den Fokus rückte, so ist es ja nicht verwunderlich, dass solches Quelleninteresse in den Frauenklöstern erst mit gewisser Latenz Einzug hielt und hier sicher auch nicht gleich flächendeckend, sondern je nach dem Engagement und Interesse der Oberen in dieser Sache. Erschwerend kam von der 'Gelehrtenseite' vor allem in deutschen Landen dann auch noch die Streitfrage der Inkorporation hinzu, die den Blick auf die eigenen Ursprünge eher verstellte. Hat sich schon einmal jemand damit befasst, welche Auswirkungen aktuelle Lehrmeinungen der Geschichtsforschung auf das konkrete Zisterzienserleben der letzten 50 Jahre hatten? 
Antworten nach dem praktischen "Wie" zisterziensischen Nonnenlebens hat man sich doch oft genug aus den Schriften einer Theresa von Avila und der Therese von Lisieux geholt. Den Beitrag dieser Heiligen auf das monastische Leben in den Klöstern möchte ich nicht schmälern. Aber wäre es nicht genauso befremdlich, wenn diese zwei genannten Frauen bei den Zisterzienserinnen bekannter wären als bei Karmelitinnen, die dafür aber die zisterziensischen Mystikerinnen präferierten? Immerhin gehörten doch die drei Helftaer Frauen ganz in die erste Reihe, wenn es um eine monastische Identitätssuche im eigenen Lager ging. Spezifisch feminine Anfragen an das OCIST - Charisma sind bis  heute noch eher ein Forschungsthema. Es ist eine recht schwierige Frage, woran man die zisterziensische Identität im Zugehörigkeitsgefühl in den Frauenklöstern früher festmachte: am jeweiligen Ort, an der Kleidung, an den Bräuchen, an der Feier spezieller Heiliger oder schlicht an der Gesetzgebung? Ich frage das deshalb, weil ein Lehrer ja nur lehren konnte, was er wusste und selbst gelernt hatte. Sicher ist dieser Aspekt nur ein Aspekt einer monastischen Ausbildung, doch ist es wohl einer der wenigen, die die Geschichtsforschung in den Blick nehmen kann.

Donnerstag, 18. Mai 2017

Pudding mit Essig-Öl-Dressing? Süße Kekse mit Chili und Senf?

Die diesjährige Tagung des Mediävistenverbandes beschäftigte sich mit dem Thema "Geheimnis und Verborgenes im Mittelalter". Sicher aus einem völlig anderen Blickwinkel, aber nichtsdestotrotz lebenswichtig, ist die Vermeidung dessen, was mit obiger Überschrift angedeutet ist. Der Idealfall geschwisterlicher Liebe ist es sicher, alles miteinander zu teilen. Dieser wird aber wohl erst im Himmel voll erreicht. Denn Begabungen können begrenzt sein. Das, was dabei herauskommen kann, wenn andere Ihnen, mit dem, was Sie lieben, Gutes tun wollen, kann dann unter Umständen zur leidvollen Erfahrung werden. Da Sie dies aber je nach Be- und Empfindlichkeit Ihrer schenkenden Mitschwester oder Gemeinschaft nicht sagen dürfen, um eine ernsthafte Kränkung zu vermeiden, ist es angemessen, manche Dinge wirklich im Verborgenen zu lassen. Im Kloster besteht ein sehr hohes Interesse am Anderen und die Motive dafür sind sehr sehr unterschiedlich. Der jeweils Schenkende gibt aus seinem Kenntnisstand und seiner persönlichen Vorstellung heraus, sodass es durchaus sein kann, dass das, was außerhalb des Klosters mit einer Sache an Begriffsinhalt verbunden ist und was auch Ihr eigenes Verständnis davon ist, nicht dem entspricht, was sich jemand darunter vorstellt, der schon lange im Kloster ist. Manchmal können Begriffe mit anderen individuellen Assoziationen gefüllt sein. Das kann auf einem falschen Verständnis der Sache bei Erstkontakt mit der Bezeichnung mangels Anschauungsobjekt beruhen, oder aber zwei haben aneinander vorbeigeredet und niemand hat gemerkt, dass der jeweilige Gesprächsgegenstand anders gefüllt war. Es gibt viele Gründe. Das aber, was ein individuell geschätzter externer Referent vermittelt hat, ist je nach individueller Struktur - auch wenn man es vielleicht selbst falsch verstanden hätte - oftmals nicht oder nur mit großer Mühe anzuzweifeln. Das Ergebnis könnte dann Pudding mit Dressing hervorbringen - ist natürlich ein erfundenes Beispiel. Es gibt aber viele Prozesse und geschätzte Sachen, die im Kloster ganz anders ablaufen und aussehen, als ein Externer sie kennt und tun würde. Und wenn dieser Prozess oder dieser Wert Ihnen in hehrer Absicht liebevoll zugedacht wird, kann es unter Umständen für Jahre so sein. Wer möchte seine Lieblingsspeise schon jahrelang beeinträchtigend entstellt zu sich nehmen?
Es empfiehlt sich also manchmal, im eigenen Interesse, persönliche Vorlieben zu hüten, um nicht daran zu leiden.

Sonntag, 26. März 2017

Nur eine "Fratze" oder vielleicht doch mehr...?


 Relief an der nördlichen Außenwand der Kirche von Wechterswinkel

Im Zusammenhang mit der Beschreibung der Nordseite der ehemaligen Klosterkirche von Wechterswinkel schrieb der Konservator Karl Gröber 1921 im dritten Band der Kunstdenkmäler von Bayern den folgenden Satz zum obigen Steinrelief (S. 152): "Weiter östlich Quadern mit drei eingeritzten Fratzen." Dies ist meines Wissens alles, was es an Beschreibung zum obigen Relief gibt. Es hat bisher wenig Aufmerksamkeit auf sich gezogen, und doch scheint es mir nicht ganz so unbedeutend, wie es behandelt wird. Obwohl mit dem Begriff "Fratze" betitelt, schien es dem damaligen Autor doch erwähnenswert. Um genauer zu sein, handelt es sich auch nur um einen Stein, auf dem alle drei noch sichtbaren Köpfe eingemeißelt sind. Dieser ist nach oben hin und nach beiden Seiten unregelmäßig begrenzt, hat eine Länge von 50 cm und eine Höhe im Bereich des mittleren Gesichtes von 17 cm. Es scheint auch, als habe man diesen Stein für die Neuverwertung an dieser Stelle etwas glattgeschliffen, um ihn dem Niveau der Mauer anzupassen. Dies ist mutmaßlich um 1811 im Rahmen einer größeren Umbaumaßnahme passiert - die Kirche wurde damals im Ostteil erheblich verkürzt und die Apsis mit den vorhandenen Steinen wieder neu errichtet.
Bei diesen drei Figurendarstellungen, von denen die beiden linken in einer durch eine spiralig verzierte Mittelsäule verbundenen Doppelarkade stehen, fällt zunächst ihre unterschiedliche Größe und Ausrichtung auf. Zwei der erkennbaren Gesichter sind aufrecht, das dritte liegt, mit der Stirn nach links gerichtet. Da die Unterseite im Vergleich zur Oberseite des Steins recht glatt begrenzt ist, scheint es, dass sich das noch Sichtbare auch früher nicht nach unten, sondern eher nach rechts und links fortsetzte. Die beiden aufrechten Personen scheinen - der Kopfgröße folgend - ein Kind (ganz rechts) und ein Erwachsener in der Mitte zu sein. Das Gesicht der liegenden Gestalt ist noch ein klein wenig größer, sonst aber in der Darstellungsart dem des aufrechten "Erwachsenen" vergleichbar, wobei eine Mönchstonsur erkennbar ist. Da Liegen im Mittelalter symbolisch Schlaf oder Tod kennzeichnete, macht diese Konzeption auf mich den Eindruck eines Lebensweges: Kindheit, Jugend oder tätiges Leben im Erwachsenenalter, Lebensende. Es könnte also dreimal die gleiche Figur dargestellt sein, die als Mönch verstorben ist. Da es sich bei der Kirche aber um die eines Frauenklosters handelt, wird es sich - so der Stein, wie es den Anschein hat, beim Bau nicht von irgendwo anders herbeigeschafft wurde - nicht um irgendeinen Mönch handeln. Entweder es ist ein großer Heiliger (naheliegend wäre der hl. Benedikt). Oder ein Stifter, der sein Leben als Mönch beschloss, wurde so verewigt, wobei die Stifterfrage bisher nicht geklärt ist.
Natürlich kann man in den noch vorhandenen Motivrest alles Mögliche hineininterpretieren. Mir geht das dabei durch den Kopf.
Zudem fiel mir auf, dass das heutige Kirchenportal an der Westseite - damals wohl der Eingang für Klostergäste - gar nicht viel mehr als doppelt so breit wie jener Stein ist, sodass ich den Gedanken nicht ablegen kann, dass es sich hierbei um ein Tympanonfragment handelt. Aus der Blickrichtung vom Altar aus gedacht oder aus dem Bild heraus, wenn man sich mit der Gestalt identifizieren würde, ist der liegende Kopf dann nämlich nach der rechten Seite gerichtet, d.h. in der Symbolik würde die liegende Person mit dem Kopf nach der Seite der "Guten", der "Erlösten" ausgerichtet sein, ganz egal, ob das Fragment nun rechts oder links von der Mitte des Türsturzes eingepasst war. Dies könnte ein gutes Thema einer Totenpforte sein. Der ehemalige Nonnenfriedhof befand sich einst auf eben jener Nordseite der Kirche.

Donnerstag, 16. März 2017

Das "Nonnenlächeln"...

Als häufiger Gast in Klöstern und Mensch mit einer gewissen Aufmerksamkeit für monastisches Sein, hatte ich oft Gelegenheit, diese kleine Geste aus der Nähe zu erleben oder ihrer gar teilhaftig zu werden. Einerseits ist ein fröhliches Strahlen etwas Wunderschönes und Bereicherndes, doch gar zu oft begegnete mir diese Geste im Laufe der Jahre als etwas Stereotypes, Eingefrorenes, quasi als eine Art Ritus. So liegt es vielleicht nicht ganz fern, sich einmal zu fragen, woher diese Gepflogenheit kommt. Typisch zisterziensisch ist sie vermutlich nicht, da ich einerseits nie etwas Derartiges gelesen habe, es andererseits - nach meiner Beobachtung - fast in jeder weiblichen Ordensgemeinschaft Menschen gibt, die diese Geste pflegen, auch wenn ihnen gar nicht zum Lachen ist, was das Gegenüber häufig auch recht schnell erkennen kann. Interessanterweise habe ich in meinen Begegnungen mit Mönchen ein solches Verhalten nicht sehr oft beobachtet. Was also treibt eine Nonne dazu, sich eine "Immer-nur-lächeln-Aura" zu geben?
Um recht verstanden zu werden - ich gehe hier nicht mit denen ins Gericht, die sich nun einmal so verhalten, sondern möchte danach fragen, was der Hintergrund dieses Tuns ist, gerade, wenn es absolut nicht authentisch wirkt.
Besonders unwirklich wird es vor allem dann, wenn - auch dies habe ich schon erlebt - in einem leicht anderen Kontext von Personen, sich dieselbe Schwester dann verbal nicht nur nicht mehr erbaut, sondern sogar entgegen ihrer zuvor geäußerten Meinung und gar nicht mehr so lächelnd zeigt. Ist es also reine Höflichkeit, die diese Praxis im Nachhinein als unehrlich erweist? Hat es etwas mit einer Art von Missionsbewusstsein zu tun oder ist es eine Form von geübter Askese, die heute niemand mehr so recht versteht? 
Ich glaube nicht, dass es zu allen Zeiten so geübt wurde, wie wir es heute oft sehen. Es könnte eine Modeerscheinung sein, die nur allzu oft mangels Authentizität nicht mehr glaubwürdig vermittelt, was sie einst - ganz positiv gedacht - vermitteln wollte. Ich möchte auch nicht behaupten, dass es solch eine Form - wenn ich sie wertend benennen müsste - von subjektiv wahrgenommener Scheinheiligkeit nicht auch in vielen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens gibt. Doch bei Ordenschristen ist die Erwartungshaltung der Bevölkerung in Sachen Wahrhaftigkeit viel genauer als sonst.
Natürlich gibt es auch Situationen der Hilflosigkeit, in denen verloren gelächelt wird (ganz und gar echt - wie es übrigens ja viele andere auch tun), wo jemand in eine bestimmte Situation gestellt wird, die er mit den ihm dazu gegebenen Möglichkeiten und Mitteln nicht gut meistern kann, eben weil Informationen oder Sachen fehlen. In gewissen Momenten hat sowas aus dem internen Blickwinkel heraus gesehen durchaus auch Sinn, aber eben nicht jenen, den ein Außenstehender nur wahrnehmen kann. Klöster ticken eben anders.
Das einzige, woran ich mich im Zusammenhang mit dem Lächeln erinnern kann, ist eine Passage in einem Buch von Therese von Lisieux, die sich solches Lächeln vorgenommen hatte und in einer ihrer Schriften kommentierte. Da sie ja eine große Ausstrahlung hatte und hat, könnte es sein, dass diese Praxis von daher stammt und ein besonderes Anliegen klösterlicher Erziehung des 20. Jahrhunderts war (vielleicht auch noch hie und da ist?). Ich fände es jedenfalls ganz interessant, dieser Frage einmal mehr Raum zu geben, denn viele Menschen sind heute eher sensibel, wenn es um authentisches Verhalten von Klosterleuten geht.

Samstag, 18. Februar 2017

Askese mit SITZ im Leben

Manche "Bußübung" kommt von ganz allein. Da muss man nicht einmal besonders fromm sein...
Bekanntermaßen gibt es sowas wie Akzeleration des Wachstums. Doch das Mobiliar klösterlicher Einrichtungen weiß davon nichts. Zumeist ist es ungefähr 400 bis 500 Jahre alt. Je nach Ort kann es aber auch noch ältere Gestühle geben. Das ist die eine Seite, und man kann sich freuen, wenn man bezüglich der Körperlänge etwas unterhalb der durchschnittlichen Norm liegt.
Doch was soll man dazu sagen, wenn es nicht das Alter, sondern nostalgisches Empfinden und der Wunsch nach möglichst hoher Authentizität im Vergleich zu mittelalterlichen Bautypen war, der einen Bauherrn umtrieb und dessen Wunsch - vom Handwerker genauestens ausgeführt - dazu veranlasste, sowas ohne Berücksichtigung heutiger Zweckdienlichkeit mit auch annähernd gleichen Maßen wie im Mittelalter herzustellen? Ist etwas, was gleich aussieht, im Abstand von Jahrhunderten auch gleich praktisch? Was so ein Unterschied von Jahrhunderten doch ausmacht!
Was damals als komfortabel gelten konnte und wohl recht bequem war, hat nun andere Qualität trotz gleichem Zweck und gleichem Platz. 
Sicher gibt es noch mehr solcher Dinge, die im Wandel der Zeit ihre Wirkung ändern trotz gleicher Funktion.

Sonntag, 12. Februar 2017

Was wurde eigentlich aus...?

Die obige, ganz simple und häufig in vielerlei Zusammenhängen gestellte Frage nach konkreten Personen könnte auch bezüglich eines klösterlichen Lebens immer wieder neu gestellt werden. Dabei kann - so möchte ich meinen - aus einer beiläufig erwähnten Person, die einmal irgendwo Nonne war oder werden wollte, vielleicht auch eine größere Fragestellung werden.
Diejenigen, von denen man weiß, weil sie den Weg der Öffentlichkeit wählten, Bücher verfassten, sind ja doch in der Minderzahl. Klassische Metadaten zu solcher Thematik gibt es wohl kaum.

Was tut jemand, der ein Kloster wieder verlässt? Wirkt die stattgehabte Erfahrung im Leben irgendwie nach? Gibt es diesbezüglich irgendeine Präferenz? Gibt es überhaupt, was vielleicht zu erwarten wäre, gewisse Ähnlichkeiten in der Wahl dessen, was jemand dann sein möchte, was er lebt, wie er lebt, was er tut?

Natürlich, wenn nur die Ebene von Ehe und Partnerschaft angesehen wird, ist es wohl nicht notwendig, Erhebungen dazu zu machen. Da braucht man nicht viel Verstand und Recherche, um zu einer annähernd guten Antwort zu kommen, wobei natürlich Verallgemeinerungen immer problematisch sind. 

Doch wie sieht es mit anderen Bereichen aus: welche bevorzugte Ausbildung, welche Studienrichtungen (neben Theologie und Religionspädagogik als vermutete Vorzugsfächer), welche Berufswahl, welches Engagement in sozialen oder öffentlichen Einrichtungen, ehrenamtlich oder hauptamtlich? Und welche Rolle spielt dabei die soziale Herkunft?

Aber noch wichtiger als all diese statistischen Daten könnte meines Erachtens die Frage spielen, welche Rolle das Erlebte im weiteren Leben spielt, ob es nachwirkt. Das hängt natürlich auch davon ab, ob das Erlebte eher positiv oder negativ gesehen wird. 
Wieviele Menschen gibt es wohl, die von Klostertür zu Klostertür gehen und von einem Orden zum nächsten wechseln, um eingelassen zu werden, die nicht aufgenommen werden oder ein Kloster verlassen müssen? Was macht eine solche Erfahrung mit den Menschen, eingedenk vieler möglicher Gründe?

Und wie ist der Zusammenhang zu Menschen, die Jahre später, vielleicht als Experten in diversen Bereichen vor einem Kloster stehen und nun von außen lenken und leiten wollen, weil sie das Innere vermeintlich kennten? Es ist da nicht an Menschen von außen gedacht, an die sich ein Kloster wendet, um in einer konkreten Angelegenheit Sachkenntnis einzuholen, sondern an solche, die von hier nach dort ziehen, mit Ihrer Expertise winken und gebraucht werden wollen. Besteht da ein Zusammenhang? Gibt es klare Verhaltensmuster?
Für welche Zeitkategorie (sowohl individuell als auch historisch) und Gesellschaftsform ist ein solches Phänomen in welcher Form typisch?