Sonntag, 4. Dezember 2016

Rechtfertigung - Florentina von Oberweimar

"Eyn geschicht wie Got eyner Erbarn kloster Jungfrawen ausgeholffen hatt"

1524 erschien diese Schrift, deren Autorin, Florentina von Oberweimar, eine Nonne aus dem ehemaligen Kloster "Neu - Helfta" in Eisleben war. Sogar mit einem Vor- und Nachwort und kommentierenden Randglossen Martin Luthers.

[Diese und die folgenden Infos zu ihr sind entnommen: Antje RÜTTGARDT, Klosteraustritte in der frühen Reformation. Studien zu Flugschriften der Jahre 1522 bis 1524, (Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte 79) Gütersloher Verlagshaus, Verein für Reformationsgeschichte, Heidelberg 2007, S. 256 - 315.]

Sie war sehr jung, hatte gerade einmal ungefähr drei Jahre Profess und - diese abzulegen - geschah (wie damals üblich) nicht in der Wahlfreiheit, die die Regel, auf die sie Profess ablegte, vorschreibt. Sie wollte unbedingt raus, startete mehrere Fluchtversuche, beschaffte sich unrechtmäßig die Dinge, die sie dazu nötig hatte (eine rechtmäßige Möglichkeit hätte sie unter den geschilderten Bedingungen auch gar nicht gehabt), wurde unter Bewachung und teilweise Kerkerhaft gestellt. - Soweit die Geschichte.

Heute geht ein Austritt bedeutend leichter, heute gibt es 'Gott sei Dank' keine erzwungene Profess mehr. Sollte sich herausstellen, dass ein Profitent sein Gelübde in irgendeiner Art von Unfreiheit abgelegt hat, ist es per definitionem ungültig. Doch - abgesehen davon: Verlässt man ein Kloster, ergibt sich ein gewisser Erklärungsbedarf, zumeist nach aussen, aber auch gegenüber denen, deren Leben man für eine Zeit geteilt hat.

In früheren Zeiten war ein Austritt ein recht mutiger Schritt. Sich von einer Institution mitschleifen zu lassen, deren Gemeinschaft man innerlich gar nicht mehr teilte und es sich darin passiv einzurichten, war einfacher und hatte im Sinne von Versorgung doch immer noch weit mehr Annehmlichkeiten als der Gang hinaus. Eine Alternativlösung konnte manchmal ein Klosterwechsel sein - diesbezüglich könnte es in Archiven verstreut sicher älteren Schriftverkehr verschiedener Art geben. Ein Klosteraustritt hatte etwas von Stigmatisierung an sich. Den "Stand der Vollkommenheit" (ziemlich anmaßender Begriff!) verlassen - das konnte ja nur jemand, der in den Augen anderer unvollkommen und daher verwerflich war. Für den einfachen Bürger spielte es keine Rolle, ob man Gründe wusste oder nicht. Ein Skandal, ein Kloster zu verlassen! Ein Skandal ebenso für Angehörige. Und Freundschaft mit so jemandem zu pflegen oder einen Broterwerb zu finden, gestaltete sich vielleicht auch problematisch. Somit waren der Rechtfertigungsgründe viele.

Verständlich also, dass es jemanden drängte, der diesen Schritt tat, Stellung zu nehmen. Und was konnte man dann unternehmen?

Heute ist es leicht, mit seiner Botschaft über einen Ort sofort via Internet ein größeres Publikum zu erreichen, das man mit "Internas" füttern kann und das zum Teil auch dankbar alles schluckt, was da serviert wird, da man mit einem Blick hinter die Kulissen beschenkt wird. Daran haben Menschen immer Interesse. Wer sich mehr Arbeit machen möchte oder den Wert des zu Sagenden höher einschätzt oder nebenbei noch zu einer mehr oder weniger ergiebigen Geldquelle machen möchte, der schreibt bei vorhandenen Eigenmitteln ein Buch und nutzt - bei bestehendem medialen Interesse und Geschick - öffentliche Auftritte. Doch welcher echte Ordenschrist hat schon vorhandene Eigenmittel? Und obendrein als Frau damals brauchte man schon jemanden, der einem half, seiner Stimme und Sichtweise Gehör zu verschaffen. Im obigen Fall war das Martin Luther.

In der Folgezeit bis heute haben ungezählte Menschen immer wieder diesen Weg hin zur Öffentlichkeit gewählt. Und je nach Zeit, Anlass, Kontext und Form des Weggangs wird es da ganz viel Material für eine Spurensuche geben.Das bedeutet: Auch wenn das zu berichtende Vorgefallene - einmal ganz sachlich gesagt - subjektives Erleben war, das von der jeweils betroffenen Einzelperson individuell dargelegt wurde und wird, bildet die Thematik mittlerweile über die Zeit ein Genre, das seinen Stil und auch seine Topoi herausgebildet hat und damit bewusst oder unbewusst gewisse Hörer- oder Leserwünsche erfüllt(e). Und es könnte auch sein, dass es Berichte in unterschiedlichem zeitlichem Abstand zum Austritt (sofort und viele Jahre später) gibt, was den Blickwinkel auf ein Geschehen vielleicht verschob. Denn mir scheint, die meisten waren jung.

Ist das nicht ein lohnender Forschungsacker für viele, viele Jahre? Wer hat als erster ein solches Thema als Betroffener verschriftlicht - speziell auch: Welche Frau ging diesen Schritt der öffentlichen Rechtfertigung zuerst  - vielleicht Florentina? Wie umfangreich und welcher Art (Brief, Flugschrift, Buch, evtl. Blog) sind die Quellen zur Thematik? Welche Zielgruppe(n) gab es (unbesehen des rein rechtlichen Vorgangs, der heute natürlich der Schriftform bedarf)?

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